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Utz Pannike spielt Jesus als Thomas Müntzer in einer Reformatorehrung

Luther als Volksverräter Utz Pannike spielt Jesus als Thomas Müntzer in einer Reformatorehrung

Eine Geschichtsdoppelstunde musikalischer wie anarchischer Art im Neustädter Projekttheater, die zeigt, dass weder Ort noch Besucheranzahl als Qualitätskriterium für Kunst taugen: Zehn begeisterte Zuschauer, dazu ein Kameramann und ein Techniker, erklatschen für den Solisten nach dessen 80-Minuten-Solo-Ode mindestens drei Vorhänge.

Dialektischer Vorgriff auf 2025: Thomas „Jesus“ Müntzer (alias Utz Pannike) als Moderator des Bauernkrieges live im MDR-Studio Bad Frankenhausen.
 

Quelle: Amac Garbe

Dresden.  Eine Geschichtsdoppelstunde musikalischer wie anarchischer Art im Neustädter Projekttheater, die zeigt, dass weder Ort noch Besucheranzahl als Qualitätskriterium für Kunst taugen: Zehn begeisterte Zuschauer, dazu ein Kameramann und ein Techniker, erklatschen für den Solisten nach dessen 80-Minuten-Solo-Ode für einen Südharzer Revoluzzer mindestens drei Vorhänge. Denn wie kann man Martin Luther ehrlicher würdigen als ob dessen Verquickung bis Verantwortung für Beginn wie Scheitern der ersten Volksrevolution auf mitteleuropäischem Boden, dem Bauernkrieg unter Anleitung und kurzer Heerführung von Thomas Müntzer? Der verlor am 15. Mai 1525 die Schlacht bei Bad Frankenhausen und endete zwölf Tage später – also drei Monate nach seiner Wahl als Pfarrer der Marienkirche der freien Reichsstadt Mühlhausen – genau dort: gevierteilt, sein Kopf diente gepfählt als Ortseingangsschild.

Dieses Bild als Folge der Reformation – von Goethe wie Utz Pannicke als diabolische Dialektik erkannt – nimmt sich letzterer als Ausgang. Denn auch Gottes Sohn, von den Buchreligionen als Erlöser empfunden, endete ähnlich. Seither – wir sind bei der Fiktion namens „Die Toten kommen wieder“ im Paradies – dümpelt dieser hoch oben himmlisch herum, zappt mit dem fetten und alten Vater Gott gelangweilt durch die brutale Weltgeschichte und singt zur E-Gitarre traurigen Blues. Bis ihn ein Franke, ungerecht gemeuchelt, an seine Aufgabe erinnert und wieder runter schickt: ins Mittelalter nach Mitteldeutschland, wo erste Wunderversuche – ein Silberbergwerker bekommt seine Beine, ein Bäcker (behufs „Brot für die Welt“ als Idee gegen Hunger) als madenlöchrige Leiche mittels Mundbeatmung sein Leben wieder – schmählich scheitern. Sie wollen nicht im Bergwerk geknechtet oder ein trostloses Leben leben.

Letzterer schickt, vorm nächsten Selbstmord, den Erlöser in das riesige Haus der Seinigen, wo sein smartes, güldenes, selbstverliebtes Abbild am Kreuz hängt – und behauptet, der echte zu sein, weil er sich ja verpisst habe. Widerwillig vereint gehen die beiden hinaus, um die Welt zu reformieren, auch ein Anruf vom Papa kann sie nicht stoppen: Wittenberg, Zwickau, Prag, dann über Jena, Erfurt und Weimar gen Allstedt, immer ge- und vertrieben. In Gestalt von Müntzer erreichen sie in natura wie Mühlhausen und Umgebung Ungeheuerliches: Klösterauflösung, Aufhebung der Privilegien, Armenküchen und Obdachlosenheime. Wir erfahren en passant von Zwickauer Propheten und Prager Manifest – und vom Bruch mit dem Ex-Gefährten Luther, dem der Bauernaufstand gegen die weltliche Ordnung zu weit ging.

Nun ist Alleindarsteller Pannike – so wie eine satte Dreiviertelmehrheit in Sachsen – einfach Atheist, und als Humanist gehört er damit zu einer in fast allen aktuellen Diskursen zur Randgruppe ohne wirksame politische Entsprechung in der so genannten Mitte der so genannten bürgerlichen Gesellschaft. Der Gründer und Kopf des Panischen NOtTheaters, legt nun – angesichts der anstehenden überbordenden Ehrungen des Bibelübersetzers – eine „Clowneske Blues-Messe für Thomas Münzer“ in Regie und Dramaturgie von Jörg Isermeyer überarbeitet sowie Idee, Text, Musik und Spiel von ihm selbst wieder auf. Die erste Version war 2001 in der St.-Pauli-Ruine zu sehen.

Anders als bei „Stachel der Arbeit“ und „Stille, die uns täuscht“ – einer deutsch-amerikanischen Nazimeuchelei im vergangenen Herbst (hier wieder am 3. & 4. Februar, je 20 Uhr) – beides mit kraftvoller Musikbegleitung von Jörg Schittkowski, steht hier Utz Pannike allein mit Gitarre und Mundharmonika (als Harfe bezeichnet) auf der leeren Bühne, nur mit einer Sackkarre voller Soundtechnik und Schminkutensilien. Er spielt alle Rollen in beeindruckendem Wechselspiel selbst und lässt das Ganze in einer bitterbösen MDR-Reportage zur Entscheidungsschlacht aus Bad Frankenhausen kulminieren. Mit Liveschaltungen zum Bischof ins Fürstenlager, zu Hans Wurst ins Bauernlager (dem selbst der gezückte Presseausweis nicht gegen Ermordung durch die Staatsmacht hilft) und dem als Drohne zwischen den Fronten hin und her fliegenden Reporter Waldefried Vorkefeld, der Krieger wie Tote interviewt.

Es ist völlig unverständlich, dass die anarchistische Szene, die man hier irgendwo zu Hause wähnt, solcherart Aufruhr als erinnerungskulturellen Input schlicht verschläft. Denn nach den beiden Vorstellungen am Wochenende werden die nächste Termine im Projekttheater erst in der kommenden Spielzeit, also nach diversen Nachbarwahlen und dem bösen Bundestagserwachen, anstehen. Aber Pannike denkt zum Glück langfristig, denn der Lutherverrat am Bauernvolk (der selige Martin ist nur einer in der langen Liste der Bauernverräter) kommt erst 2025 zum 500. Jahrestag, also mindestens ein Präsident und auch je zwei Landesparlamente in ganz MDR-Mittelostdeutschland später, zu voller Geltung. „Wenn ich dann noch so spielen kann“, schränkt der Alleinunterhalter dramatischer Art bescheiden grinsend ein.

Dafür ist der nächste Pannike-Abend bereits terminiert: Vom 7. bis 9. April kommt mit „Li und die roten Bergsteiger“ eine spannende wie ebenso fast vergessene Jugendgeschichte aus der Sächsischen Schweiz zur Uraufführung – als „Livepainting-Monodrama“ nach Max Zimmering unter Zusammenarbeit mit Polyluxmeisterin Claudia Reh. Ebenso wie der Stachel, die Stille und die Toten schlicht relevantes, ansehnliches wie dialektisches Kopftheater mit dem bohrenden Finger im Zeitgeist sind, um die sich eigentlich die Studiobühnen der sächsischen Kulturraumtheater reißen müssten.

Denn – Ironie der Geschichte (oder Thomas „Jesus“ Müntzers Rache): Unser Georg der Bärtige, sich ob der sächsischen Lage im Meißner Dom in der Familiengruft wälzend, der mit dem katholischen Dessauer Bund damals den großen Haufen der Kriegsamateure zerschlug und danach Müntzer höchst selbst folterte, hatte nur kranke Kinder mit seiner Barbara, der Tochter vom vierten Kasimir als Polenkönig. Seine ganze Familie starb vor ihm, was seinem lutherisch gesinnten Bruder Heinrich das albertinische Herzogtum Sachsen bescherte. So wird der 20. Mai am Meißener Theater, wo die Toten als nächstes wieder kommen, ein besonderer Abend.

www.projekttheater.de; www.no-panik.com

Bildtext:

Dialektischer Vorgriff auf 2025: Thomas „Jesus“ Münzer (alias Utz

Pannike) als Moderator des Bauernkrieges live im MDR-Studio Bad Frankenhausen.

Foto: Amac Garbe

Von Andreas Herrmann

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