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Ute Lemper begeistert im Erlwein-Capitol

Jazztage Dresden Ute Lemper begeistert im Erlwein-Capitol

Nach einem Programm randvoll mit der tragischen Schönheit der Zwischenkriegsjahre plus ein, zwei Prisen spätes 20. Jahrhundert. Ute Lemper hat damit die diesjährigen Jazztage Dresden in gewisser Weise erst so richtig eröffnet.

La Lemper zu Gast bei den diesjährigen Jazztagen.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. „Das Leben ist schön – wenn wir es uns schön machen“, lautet die ins Mikrofon gehauchte Abschiedsbotschaft des Stars, auf zehn-Zentimeter-Stilettos an der äußersten Kante der Bühne hockend. La Lemper – so viel Überschwang muss sein – darf so etwas verkünden, ohne unter Kitschverdacht zu geraten. Nach einem Programm randvoll mit der tragischen Schönheit der Zwischenkriegsjahre plus ein, zwei Prisen spätes 20. Jahrhundert. Ute Lemper hat damit die diesjährigen Jazztage Dresden in gewisser Weise erst so richtig eröffnet.

Und dass, obwohl sie – das Erlwein-Capitol lässt eine sehr nahe Betrachtung zu, und Lemper agiert in bester alter Cabaret-Tradition sehr oft vorn am Bühnenrand – gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe scheint. Aber natürlich ist sie so durch und durch Profi, dass sie sich nichts anmerken lässt. Lediglich, dass sie nicht wirklich begeistert zur Zugabe zurückkehrt, ist spürbar; dann liefert sie jedoch mit einer Edith Piaf ebenbürtigen Version von „Milord“ noch einmal einen großartigen, berührenden Auftritt ab.

1963 im westfälischen Münster geboren, hat Ute Lemper eine Karriere wie kaum eine zweite Deutsche hingelegt. Seit Jahren schon beschäftigt sie sich von ihrem Wohnort New York aus vor allem mit der deutschen Kultur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wobei natürlich immer die Unkultur mitgedacht ist. Diese Songs prägen das erste Set ihres Konzerts in der Dresdner Messe; sparsam von Vana Gierig am Flügel und E-Piano, Victor Hugo Villena am Bandoneum, Cyril Garac an der Geige und Romain Lecuyer am Kontrabass instrumentiert. Das ergibt eine stets auf der richtigen Seite der Sentimentalität federleicht swingende Mischung, über der Lemper die Texte mal leise spricht, mal tief und voll singt, mal rau, mal zart, aber immer intensiv klingt.

„Want to Buy Some Illusions“ eröffnet den Abend, übergehend in „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt; zwei Songs von Friedrich Hollaender für Marlene Dietrich geschrieben, mit der Lemper viel zu früh in ihrer Laufbahn verglichen wurde. Die Boshaftigkeit der Kritiker, als sie in einer schlechten Inszenierung des „Blauen Engel“ diesen Anspruch nicht erfüllen konnte, ist bis heute legendär. Sie trieb Lemper letztlich in die USA. Heute ist sie wirklich nah dran an der Dietrich, gerade wenn sie die Songs mit einer Prise Selbstironie angeht, ohne ihre Gefühle zu verleugnen.

Bert Brecht und Kurt Weills Dreigroschenoper, sie kommt zweimal zur Geltung an diesem Abend, der weniger bekannte „Salomonsong“ durch einen Mata Hari-artigen Tanz eingeleitet; die „Moritat von Mackie Messer“ im zweiten Set auf Mr Trump gemünzt.

Es ist die Kombination aus Lempers Ansagen, die die Bedeutung der Texte anzeigt, und der Präsentation, die das Bewegende ausmacht. Wenn sie etwa den Merle Haggard-Song „Streets of Berlin“ über einen Nachtclubbesitzer mit den Worten einleitet, dass der Mann 1942 im Zug nach Auschwitz saß. Und ja, jeder im Publikum sollte sich nach wie vor durch davon angesprochen fühlen, deshalb wohl auch die in den Zuschauersaal gerichteten Scheinwerfer. Ebenfalls 1942 hätten dann die Radiosender der Militärs ein „kleines Lied in deutsch“ gespielt, das für die Hoffnung stand. „Lili Marleen“, ganz verhalten-intensiv gesungen, sorgt für Gänsehaut, das darauf folgende „Still, still“ aus Lempers Programm mit Songs aus den jüdischen Ghettos für einen Kloß im Hals.

Immer wieder arbeitet die Sängerin auch mit Lautmalereien, ersetzt mit ihren Lippen bei der zweisprachigen „Feschen Lola“ ein ganzes Trompetensolo, stellt die Stücke auch schauspielerisch vor. Zu Beginn des zweiten Sets fläzt sie sich – im hautengen Kleid! – auf einen Stuhl, um sich Charles Bukowski anzunähern, adressiert ihn rotzig: „Ich mag, dass du ungehobelt bist“, spricht von dem unter dem Hemd sichtbaren behaarten Bauch des Säufers – und wechselt mit dem Song „Born to Loose“ nach einem Gedicht des Amerikaners ins Englische. Musikalisch erinnert das vor allem durch den Bass Lecuyers an Tom Waits, Lempers Gesang ist nüchtern, ein klein wenig sentimental, lässt einen den Dichter im Säufer und Frauenfeind sehen.

Auch mit Bukowski-Texten hat Ute Lemper ein komplettes Programm erstellt. Falls Veranstalter noch einen Grund suchen, sie wieder nach Dresden zu holen.

Von Beate Baum

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