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Regional Ursula Rzodeczko ist im Alter von 88 Jahren gestorben
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19:15 11.10.2017
Ursula Rzodeczko Quelle: Gabriele Seitz

Bis zuletzt lebte die Dresdner Malerin Ursula Rzodeczko still und zurückgezogen mitten unter ihren vielen Bildern in der 8. Etage eines Dresdner Hochhauses. Bei meinem letzten Besuch anlässlich ihres 85. Geburtstages umfing mich die freundliche Atmosphäre ihres Ateliers mit den großen Fenstern und den zwei kleinen Tanagra-Figuren, deren Schlichtheit ein Gleichnis dafür ist, wie man mit Kleinem große Wirkung erzielt. Nun ist die Künstlerin im Alter von 88 Jahren gestorben. Ihr umfangreiches Werk ist langsam und geradlinig durch die Zeiten hindurch gewachsen. Unbeirrt schritt sie ihren Weg, trotz der Not der Kriegsjahre, im Wechselspiel der Geschichte, malte und lebte im Einklang mit sich und den anderen. Denn es bedarf im Leben nicht viel, wenn da genug zu essen ist und ein Dach über dem Haus und ein Talent im Kopf. Wo andere großen Aufwand betrieben, genügten ihr Pinsel, Stift und Papier. „Man muss nur aus dem Wenigen, was man hat, etwas machen“, war ein leiser Leitspruch ihr Leben lang.

Ursula Rzodeczko wurde 1929 mitten im Vielvölkerschmelztiegel Groß-Peterwitz (Schlesien) als Kind einfacher, auf dem Lande lebender Leute geboren. Der Vater starb früh. Das Mädchen wuchs trotzdem in behüteten Verhältnissen auf, obgleich sie kein leichtes Los hatte: Zwischen 1944 und 1948 arbeitete sie als Land- und Fabrikarbeiterin. Mit der Schwester und der Mutter 1945 im Treck auf der Flucht, ließ sich die Familie in Halle nieder, wo die beiden künstlerisch begabten Schwestern, Edith und Ursula, das Abitur ablegten und an der dortigen Universität bei Conrad Felixmüller das Fach Kunsterziehung studierten. Ihr Talent war ihr einziges Kapital, als ihr sofort als Armeleutekind 1951 die Aufnahme eines Studiums an der HfBK Dresden gelang. Mitstudenten waren unter anderen Gerhard Richter und Claus Weidensdorfer. Ursula Rzodeczko studierte bei den Professoren Heinz Lomar, Rudolf Bergander und Herbert Schmidt-Walther. Das Diplom legte sie 1956 bei Bergander im Fach Tafelmalerei ab. Das war die Zeit der Formalismus-Debatte.

Von 1957 bis 1989 füllten sich die Jahre mit einer spannenden Lehrtätigkeit an gleicher Stätte. Von 1957 bis 1970 unterrichtete Ursula Rzodeczko das Fach Kunsterziehung. In den Jahren von 1970 bis 1979 gingen während des Abendstudiums Hunderte von Begabten durch ihren Unterricht, unter ihnen solche wie Helge Leiberg, Ralf Kerbach, Reinhard Springer und Hubertus Giebe. Eine ihrer Studenten, die Malerin Sabine Gumnitz, erinnert sich: „Sie schrieb uns nichts vor, drängte uns nicht in eine Richtung. Immer sagte sie zu uns: „Sehen Sie nur richtig hin und malen Sie das, was Sie sehen!“ Zur Verabschiedung in den Ruhestand vor 28 Jahren waren viele gekommen: Gerhard Kettner, in dessen Meisterklasse sie zehn Jahre gearbeitet hatte, Horst Leifer, Siegfried Klotz, Hubertus Giebe, Elke Hopfe, Horst Schuster. Namen und Legenden. Ursula Rzodeczko war beliebt. Und als Malerin und Lehrerin hoch anerkannt. Alle lobten ihre menschliche Einfühlung, die Toleranz im Unterricht, ihr stilles, unauffälliges Wesen, frei von Karriere-Ehrgeiz.

Neben der Staffelei mit dem Porträt der geliebten Schwester Edith, an dem sie seit deren frühen Tod 1984 bis zuletzt arbeitete (es entstanden immer wieder neue Fassungen), stand im Atelier ein kleines Tafelbild, auf dem das großväterliche Lehmhaus zu sehen war, an das sie sich immer wieder gern erinnerte: großzügig gebaute Flächen, Kuben und stark farbig-vereinfachte Häuserfronten, die es ihr angetan hatten. Früh gewann sie aus ihrer analytischen Arbeit mit den Studenten ein hohes Maß an künstlerischer Kenntnis und Meisterschaft. Durch ihre Arbeit in der Meisterklasse von Gerhard Kettner weitete sich ihr Blick. Ihre Stärke ist immer die Farbe gewesen. Das besondere Verhältnis zu ihr führte sie anfangs zu einem eher flächigen Stil, bei dem sie, von einem Farbfleck ausgehend, von außen nach innen arbeitete. Später modellierte sie mit der Farbe einen räumlichen Eindruck, trug sie mal dünner, mal dicker auf. Das Weiß der freigelassenen Gründe der Leinwand verleiht jedem Bild eine besondere Lockerheit und duftige Frische. Die durchgehende Kontur wurde aufgegeben, durch die angrenzenden Farbflecken teppichartig zusammengefasst. Die Farbe tendiert zu starken Kontrasten und lebt vom Überschwang.

Vom Stillleben aus entwickelte sie das Porträt, Akt, Kinderbildnis und Interieur. Matisse und Braque wurden für sie von Bedeutung, später Gabriele Münter. Eine starke Nähe zu Paula Modersohn Becker äußerte sich in der malerischen Haltung, mit Wenigem viel zu erreichen. Vielleicht ist die sächsische Malerin eine geistige Nachfahrin der Malerlegende gewesen. Ihre Malerei ähnelt auch der von Jawlenski, berührt sich mit dem Expressionismus, der Brücke-Malerei, besonders aber mit der Malkultur des „Blauen Reiters“. Ein früh entwickeltes intuitives Farbempfinden hatte Ursula Rzodeczko zu einem psychologischen Herangehen geführt. Mit sicherem Gespür wurden die Farben für sie vor allem für das Porträt wichtig. Ihre Lieblingsfarben neben Rot waren kräftige Blaus und Grüns, Violett und in letzter Zeit Nuancen von Gelb. Das äußerte sich auch in den Stillleben: Hier baute die Malerin das Bild zu lebendigen, kraftvollen Blumenstücken, die sie schlicht im Atelier arrangierte. Kettner schrieb einmal anerkennend über sie: „... sie färbt nie Form, sondern formt aus Farbe. Ihr Weg ist gerade, ausgeglichen, folgerichtig in sich und lässt sich selbst für weniger geübte Augen gut ablesen. Der intensiveren Farbe folgt logisch die vereinfachte Form. Ihr feines Gefühl bewahrt sie dabei vor Dekorativem.“

Erstaunlich ist, dass die Schwere der erlebten Jahre, gerade auch als Frau, sowie das Diktat des Stalinismus ihr Schöpfertum unberührt ließen. 1989 erhielt Ursula Rzodeczko von der Stadt Dresden den Martin-Andersen-Nexö-Preis. Viele Dresdner Künstler und Freunde denken in diesen Stunden dankbar an sie und ihr Werk zurück.

Von Heinz Weißflog

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