Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Urgestein: Michael Kremer alias "Spacke" lebt seit 30 Jahren in der Neustadt

Urgestein: Michael Kremer alias "Spacke" lebt seit 30 Jahren in der Neustadt

Michael Kremer stammt aus Hoyerswerda, lebt aber seit 30 Jahren in der Dresdner Neustadt. Dort kennt ihn unter seinem Spitznamen Spacke fast jeder, der irgendetwas mit Kultur zu tun hat.

Voriger Artikel
Festival contre le Racisme 2012 in Dresden: Mit Kultur gegen Ausländerfeindlichkeit
Nächster Artikel
Uraufführung für den ersten Abend nach Erwin Strittmatters "Laden" am Staatstheater Cottbus

Michael Kremer alias Spacke kann sich ein Leben außerhalb seiner geliebten Neustadt kaum vorstellen.

Quelle: Amac Garbe

Der 57-Jährige trägt am liebsten Lederjacke und schwarze Jeans, ist Grafiker und Musiker ohne jemals entsprechende Ausbildungen gemacht zu haben. Zum Leben braucht er nicht viel mehr als ein größtmögliches Maß an Freiheit, Rock'n'Roll und seine Katze. Sich mit Spacke zu verabreden ist wie ein Ticket in die soziokulturelle Vergangenheit des Viertels zu lösen.

Er hat all die Jahre des Wandels durchgehalten, ist weder Yuppie noch Suffi geworden, obwohl er vom einen zweifelsohne weiter entfernt ist als vom anderen. Die 1,93 Meter Körpergröße und sein schlaksiger Körperbau erklären das Pseudonym, das ihm seit Jugendtagen anhaftet. Im Gespräch ist er anfangs zurückhaltend, aber bald lacht er herzlich über vieles, was er zu erzählen hat. Er lebt seinen eigenen Sinnspruch: "Punk hält junk!" Trotzdem ist er ein anarchischer Oldtimer zwischen den wirklich Jungen, den Hippen und den Nachgezogenen. Er kam schon 1982 nach Dresden.

Das Jahr 1997 verbrachte er in Berlin, das damals zwar im Osten lag, nur nicht ganz so weit, so dass sich Spacke bei internationalen Festivals mit politisch Gleichgesinnten austauschen konnte. Er arbeitete als U-Bahn-Schlosser, fühlte sich aber immer eher der Kultur verbunden und sammelte in der Hauptstadt Ideen. Auf einer Party lernte er seine damalige Frau kennen und zog nach Dresden. Anfang der Achtziger begannen sich die Dinge auch dort langsam zu verändern.

Das oppositionelle Leben in der Neustadt spielte sich dennoch vor allem im Privaten ab, es bildeten sich kleine Szenekreise, die sich vor der Staatsobrigkeit zu verstecken wussten. Der Leerstand war groß, man feierte halblegale Partys und organisierte Ausstellungen in verfallenen Häusern. "Die Scheune war zu diesem Zeitpunkt ja ein Bezirksjugendklubhaus, in dem ein altes Stammpublikum Roland Kaiser gehört hat. Am Wochenende kam Disko mit Schlager. Erst ab 1984 wurde es interessant, auf einmal lief da Folk und viele akustische Sachen. Es spielten Bands wie The Art oder Feeling B − der Punk hielt Einzug."

Vom Zeichenzirkel zum Schwippsbogen

Und ein Punk wurde als Grafiker der Scheune eingestellt: Spacke, der Fachmethodiker für Veranstaltungen, so hieß die Planstelle. Er entwarf Poster und Dekorationen. Etwas Übung in der Kulturarbeit hatte er da bereits, denn in Hoyerswerda jobbte er ehrenamtlich in einem Jugendklub, nachdem die alten Mitarbeiter gefeuert wurden, "weil aufmerksame Beobachter gesehen haben, dass sich die Fernsehantenne in Richtung Westen drehte."

Zwar klappte es damals mit der Bandgründung noch nicht so recht, aber Spacke wurde immerhin der erste lokale DJ in seinem Klub. Er benutzte dafür ein Tonbandgerät, Kassetten wurden gerade erst erfunden. Das Malen war da längst sein Hobby. "Ich habe in Hoyerswerda einen Zeichenzirkel besucht, aber wir mussten uns fast alles selber beibringen. Einiges habe ich mir auch von meinem Vater abgeschaut, der hat sehr viel gezeichnet." Was seine Kreativität prägte, waren die Illustrationen um 1900, die Strichästhetik alter Stahlstiche, die früher vor allem für Illustrationen von Banknoten verwendet wurden. Sie findet sich gelegentlich in seinen Arbeiten wieder, die er anfangs noch mit der Hand fertigte.

"Ich hab' gezeichnet, geklebt und es dann in die Druckerei gebracht. Später hab ich die fertigen Bilder eingescannt und die Farben am Computer bearbeitet." Als es unausweichlich wurde, nahm er an einem Computerkurs teil, versuchte mit dem technikbegeisterten Nachwuchs mitzuhalten. Doch der Computer blieb für ihn das Arbeitsmittel, mit dem er seine Collagen zusammenbasteln konnte. Das Festhalten an überholten Techniken, die Mischung aus Altem und Neuem wird später zu seinem Markenzeichen.

Neben den Programmflyern für die Scheune hat Spacke auch den Schwippsbogen entworfen, eine Abwandlung des erzgebirgischen Schwibbogens, der in der Adventszeit das Scheune-Arial krönt. Wieder so eine Mischung aus Tradition und Moderne. "Die Idee kam von Magnus (Hecht, Geschäftsführer der Scheune, Anm. d.Red.), ich habe mir die einzelnen Neustadt-Szenen überlegt, die darauf gezeigt werden sollen, und der Holzbildhauer Carsten Bürger hat das dann umgesetzt." Spackes künstlerische Handschrift findet sich auch an anderen Orten: den Schaubudensommer gestaltet er mit, das Logo vom Plattenladen Zentralorgan ist von ihm, der Hutball lässt sich von ihm die Flyer entwerfen, fürs Drachenbootfestival designt er T-Shirts. Stilistisch hatte er immer relative Freiheit, sagt er, man kannte ja seine Arbeit.

Allerdings endete seine Festanstellung in der Scheune im Jahr 2000, unter anderem, weil die sich erneuern wollte. Spacke meldete sich daraufhin arbeitslos, besuchte ein Existenzgründerseminar und stieg nur ein paar Monate später als freier Grafiker im Scheune-Kulturzentrum ein. Seit 2005 gestaltet er auch wieder die Flyer. Seine figürliche Ästhetik lag plötz- lich wieder im Trend, weil sie so gar nicht dem Trend entsprach. Bis heute liegt er einigermaßen treffsicher daneben.

Musik am liebsten laut und unprofessionell

In den 90er Jahren klappte es schließlich auch mit der eigenen Band. "1991 hab ich mit dem Gitarrespielen angefangen, der Punkentwicklung wegen. Wir waren geniale Dilettanten. Einer kannte jemanden und der kannte auch jemanden, so ging das." Seine mal mehr und mal weniger aktuelle Band heißt Mad Cows on Fire, "die machte damals Garagenpunk und heute irgendetwas, das offener ist für andere Einflüsse". Gerade beschlossen die Bandmitglieder mal wieder, eine Ruhephase einzulegen. Spackes zweites Bandprojekt ist Slow Death, strikter Rock'n'Roll. Auftritte sind selten, die Musik läuft immer nur nebenbei und soll auch nicht zu professionell werden.

"So war es auch mit den Neustadtgitarreros. Die Idee ist im Suff entstanden, zehn Gitarristen, die alle nicht spielen können. Angetreten sind wir 1990, zur ersten BRN, auf dem Scheune-Gelände. Wir spielten vier Lieder, jeder wollte lauter sein als der andere, es war ein unsäglicher Lärm, aber es hat eingeschlagen wie eine Bombe. Die nächsten Auftritte waren etwas hörbarer, aber immer noch chaotisch mit ständig wechselnder Besatzung."

Für Spacke bedeutet die Neustadt, zu Hause zu sein. Hier lebt er mit seiner Katze, hier zog er seine Ziehtochter groß, nachdem ihre Mutter bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückte. Das Mädchen malte und klebte oft mit, wenn es zeitlich eng wurde. Jetzt ist die Tochter erwachsen und arbeitet in Berlin, aber manchmal gehen sie noch gemeinsam aus.

Er besucht sie, wenn sie in einer Neustädter Kneipe auflegt. Mit Schallplatten - die Tonbandgeräte ihres Vaters dürften ihr recht fremd sein. Spacke ist zwar jung geblieben, geht aber trotzdem auf die 60 zu. Das Älterwerden lehrte ihn vor allem Toleranz. "Ich habe früher schnell mal über Leute hergezogen, was die machen, das ist doch alles Mist. Musikalisch mein' ich, politisch nicht unbedingt. Denn wir haben hier ja selber jahrzehntelang Politik gemacht, vor allem mit den ersten BRN-Festen. Wir haben diskutiert und gezeigt, wie wir uns unseren Kiez vorstellen."

Seine Idealvorstellung ist die vom gesunden Nebeneinander, in dem alle existieren können, offen miteinander umgehen und kreativ sind. "Bleibt die Frage, wie tolerant man selber Leuten gegenüber sein kann, die letzten Endes dafür sorgen, dass es für dich nicht mehr zum Leben reicht.

Die Yuppisierung geht voran. Aber bestimmte Entwicklungen sind zwangsläufig, wo gibt es diesen konservierten Zustand schon auf Dauer?" Spacke kommt aus einer Kleinstadt, er weiß, spießiger geht es leicht. "Ich kann mir zwar vorstellen, woanders hinzuziehen, wo die Luft besser und es nicht so laut ist, aber eigentlich will ich es nicht. Ich bin kein großer Szenemensch mehr, aber ich will alles zu Fuß machen können."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.06.2012

Juliane Hanka

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr