Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Uraufführung am Dresdner Theater Junge Generation: "Sartre will mit Dir befreundet sein"

Uraufführung am Dresdner Theater Junge Generation: "Sartre will mit Dir befreundet sein"

"Immer mit den gleichen 10, 500, 1000 Leuten an einem Ort - da muss man kein Sartre sein, um zu erkennen, dass das auch ein Bild der Hölle ist." Mit diesen Worten hatte der Journalist und Kritiker Georg Diez Anfang des Jahres den 10. Geburtstag des sozialen Netzwerks Facebook in einem Beitrag auf Spiegel Online bedacht.

Voriger Artikel
Dresdner Kreuzchor wieder auf Nachwuchs-Suche
Nächster Artikel
Die über ihr Leben tiefstapelt: Katrin Bauerfeind stellte ihr Buch "Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag" in Leipzig und Dresden vor

Darsteller und Zuschauer sind in "Sartre will mit Dir befreundet sein" nicht voneinander abgegrenzt.

Quelle: Klaus Gigga

Und den jungen Theatermachern der Theaterakademie am Theater Junge Generation (TJG) die Idee zum Stück "Sartre will mit Dir befreundet sein" geliefert, das jetzt uraufgeführt wurde. Bei den "tak-tickern" ist es Prinzip, dass ein fortgeschrittener Spieler Gelegenheit erhält, sich mit einem eigenen Stück auszuprobieren. Bei der inzwischen siebten Produktion der Theaterakademie liegen die Verantwortung für Regie, Bühne und Kostüme beim 24-jährigen Christian Wobbeler.

Er hat im kuschelig engen TJG-Pavillon, in dem knapp 30 Menschen Platz finden, vor allem eine Gegebenheit von Jean-Paul Sartres "Geschlossener Gesellschaft" übernommen: Den eng gefassten geschlossenen Raum. Der sei eine Voraussetzung dafür, wenn man sein eigenes soziales Netzwerk schaffen will, heißt es eingangs. Denn darum geht es hier, um ein neues Facebook ohne den bösen Konzern, ein in der Do-It-Yourself-Methode zusammengezimmertes Web 2.0. Der Pavillon, in dem Zuschauerraum und Bühne nicht voneinander abgegrenzt sind, dient den Spielern als Tummelplatz der Selbstdarstellung.

Auf der Leinwand meldet sich Nadine zu Wort (Hannah Jaitner). Sie hat sich für ein auf Youtube eingestelltes Tutorial abgefilmt, bei dem sie in sechs Schritten erklärt, wie man sein Facebook-Profil richtig aufbaut. Sie beginnt bei der Namensgebung, die nichts anderes als die Identitätsstiftung für die eigene Rolle im Netz ist. Denn beim Namen zeigt sich "wie kretiv (sic!) ihr wirklich seid in euch", belehrt Nadine - eigener Facebook-Name "Little Princess" - unbeholfen. Man könnte Hanna Jaitners Spiel für übertrieben halten, doch wer sich die Ausformungen der im Netz weitverbreiteten DIY-Kultur vor Augen führt, weiß, dass es sich hier um ziemlich gut in Szene gesetzte Realsatire handelt. Ungezählt sind die Videokanäle, auf denen Jugendliche Tipps zu Mode, Kosmetik, Haarpflege in ihre Webcams sprechen. Manche von ihnen sind so publikumswirksam, dass sie sogar von den entsprechenden Branchen gesponsert werden.

Ein Pfiff ertönt und die sechs Spieler, die sich als "Demo-User" Hannas Anleitungen ausliefern, führen klaglos aus, was sie empfiehlt. Sabine Azzam, Ulrike Homuth, Anna-Isabell Kreutz, Dominik Lösche, Cyrill Milkau und Sophie Schmeißer präsentieren sich wahlweise als Individualist, Sommerfreak, Karrierefrau, Außenseiter, "seriös, denn ich habe das Gefühl, dass mein Chef zusieht" und vieles mehr. Nur eben nicht als sie selbst. Wieder ein Pfiff: Abstimmung. Die Zuschauer heben blaubehandschuhte Hände und geben ihre Daumenhoch für den, den sie am besten oder lustigsten fanden. Wer keinen Erfolg hat, muss sich einem Shitstorm aussetzen, was nichts anderes bedeutet, als dass Schmähworte auf Gesicht und Badekappe - sein Profil - geschrieben werden. Anfangs übernimmt das die strenge Administratorin, ebenfalls von Hannah Jaitner gespielt. Nachdem in weiteren Runden Profilbilder im Selfie-Stil fotografiert, Freunde im Publikum gesucht, Gruppen gebildet, peinliche Fragen beantwortet und alles, aber auch wirklich alles vom eigenen Tagesablauf mitgeteilt wurde, darf das Publikum die Abstimmungsurteile vollstrecken. Man hätte sich spätestens an diesem Punkt Ablehnung statt fröhliches Mittun gewünscht, aber die bleibt aus. So wie im ganzen Stück: Kein Hinterfragen durch die Figuren, kein Warum, schon gar kein Widerstand. Verweigerung ist in dieser freiwillig gewählten Zwangslage schlicht nicht systemkonform. Was der böse Sartre-Satz "Die Hölle, das sind die anderen." bedeutet, wird greifbar.

Die kritische Aussage liegt jedoch vor allem in der komischen Absurdität des Dargestellten. Zwischen den Einspielern heben die Spieler all das, was im virtuellen Raum Facebook üblich ist, in die Wirklichkeit des TJG-Pavillons.

wieder am 21. März (ausverkauft)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.03.2014

Uwe Hofmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr