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Regional Uniorchester spielt deutsche Erstaufführung von „Aufbruch“
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18:46 26.06.2018
Uniorchester Dresden Quelle: Maximilian Helm/Uniorchester Dresden
Dresden

Um es vorweg zu nehmen: Dass das Universitätsorchester der TU Dresden unter Filip Paluchowski zum Konzert »Aufbruch« am 1. Juli 2018 im Kulturpalast die 3. Sinfonie von Mieczysław Weinberg aufführen wird, gleicht einer Sensation. Denn dabei handelt es sich um eine deutsche Erstaufführung, die der Entdeckung eines der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts eine sehr bereichernde Facette hinzufügt.

Lange Jahre blieb Weinberg, ein in Moskau lebender, 1996 verstorbener Komponist polnisch-jüdischer Herkunft, fast unbeachtet und im Schatten von Dmitri Schostakowitsch, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft, aber auch eine intensive Arbeitsbeziehung verband; häufig legten die beiden Komponisten einander ihre neuesten Werke vor, bevor es zu Veröffentlichungen kam.

Erst mit der Aufführung seiner Oper »Die Passagierin« 2010 in Bregenz und 2013 in Karlsruhe – das Werk wurde 2017 auch in der Semperoper aufgeführt – geriet Weinberg ins Licht der größeren Konzertöffentlichkeit. Seither wachsen sowohl die Zahl der CD-Erscheinungen als auch die der Konzert- und Opernaufführungen mit Weinberg-Werken. Dabei hat der Komponist ein riesiges und auch genre-bezogen reichhaltiges Werk hinterlassen. Er schrieb allein 22 Sinfonien, vier weitere bezeichnete er als Kammersinfonien, außerdem mehrere Opern, Solokonzerte und jede Menge Kammermusik und Filmkompositionen.

Angesichts dieser Vielfalt lässt sich die Ästhetik seiner Musik nicht einfach geradlinig definieren. Eine große Rolle spielen melodische Komponenten und der Einfluss jüdischer Folklore, es gibt auch Spuren der Romantik, Fachleute stellen einen Hang zum gezügelten emotionalen Ausdruck fest. Der Journalist und Wissenschaftler Martin Morgenstern hebt bei Weinberg dessen »Rätselhaftigkeit und Verlorenheit« hervor, wertschätzt aber auch die »radikale Gestaltungskraft« und den »Mut, sich in neue musikalische Welten vorzutasten«.

In Dresden und zu den Schostakowitsch-Tagen in Gohrisch erklangen in den letzten zwei, drei Jahren neben der »Passagierin« und weiterer Kammermusik die 2. Kammersinfonie, das 2. Flötenkonzert sowie die 7. Sinfonie – die beiden letztgenannten als deutsche Erstaufführungen. In diese Liste der deutschen Erstaufführungen reiht sich nun das Universitätsorchester mit der 3. Sinfonie ein, woran man auch die musikpolitische Bedeutung dieses Konzertes unter Filip Paluchowski erkennen kann. Der Uniorchester-Chef erklärt: »Als ich mich mit Weinbergs Musik beschäftigt habe, hat mich die 3. Sinfonie sehr schnell in ihren Bann gezogen. Dies wird sehr wahrscheinlich an der slawischen Melodik liegen. Im 2. Satz zum Beispiel verwendet Weinberg ein polnisches Volkslied (Umarł Maciek, umarł – Maciek ist gestorben, er ist gestorben), das in Polen sehr bekannt ist. Die besondere Herausforderung dieses Werkes liegt darin, dass es neben den lauten Stellen auch sehr durchsichtig komponierte, leise Stellen hat, die, gepaart mit der Akustik des Kulturpalasts, sehr schwer zu meistern sind.«

In Bezug auf den zweiten Programmpunkt des »Aufbruch«-Konzertes kommt dem Universitätsorchester keine solch große Vorreiterrolle zu, denn andere waren schneller. Erst vor einem knappen Jahr wurde in mehreren sächsischen Städten, im Bautzen, Zittau und Görlitz, Jon Lords »Concerto For Group And Orchestra« von einer Studentenrockband aus Hannover und der Neuen Lausitzer Philharmonie aufgeführt – übrigens außerordentlich erfolgreich, weil unter riesigem Beifall. Dennoch ist es verdienstvoll, wenn dieses Konzert nun auch in der Musikstadt Dresden erklingt, denn es hatte für viele Musikfreunde eine besondere Bedeutung. So erinnert sich der mittlerweile emeritierte Musikwissenschaftsprofessor Hans-Günter Ottenberg: »Jon Lords Opus hat mich seit meiner Jugendzeit begleitet. Da gibt es Passagen, wo ich eine ähnliche Gänsehaut bekomme wie bei Arien in Mozarts Cosi fan tutte oder Schuberts Winterreise.«

Bei dem Werk handelt es sich eben um eines der ersten und gültigen Versuche, »klassische« Musik mit Rock zusammenzubringen. Jon Lords »Concerto« markiert somit einen Moment in der Musikgeschichte, der für die Klassik-Freunde ebenso eindrucksvoll wie für Rockfans ist. Insbesondere für die älteren unter ihnen aus dem Dresdner Elbtalkessel wird das ein Déjà-vu-Erlebnis. In Vorwendezeiten war es hier de facto unmöglich, die Originale live zu hören und auch »West«-LPs waren nur sehr selten greifbar. Man lernte die Songs der Rolling Stones, von Cream oder Deep Purple eben durch Konzerte von DDR-Bands kennen, die die Titel – spieltechnisch meist sehr gut – live nachspielten. Was damals die einzige Möglichkeit war, ist heute genussvolle Kür.

Von Mathias Bäumel

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