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Umfassender Bestandskatalog setzt Maßstäbe

Elfenbeinkunst in Dresden Umfassender Bestandskatalog setzt Maßstäbe

Jutta Kappel erstellte einen über 650 Seiten umfassenden Bestandskatalog zur Elfenbeinkunst im Grünen Gewölbe in Dresden. Die aus Stoßzähnen von Elefanten geschnitzten Werke erzählen profane Geschichte in Porträts, widmen sich antiken Mythen wie religiösen Stoffen und dokumentieren einstigen Besitzerstand.

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Jutta Kappel

Quelle: Christian Ruf

Dresden. Man schrieb das Jahr 1905, als von der Dresdnerin Gertrud von Schwarzkopf ein Relief angekauft wurde, von dem es im Zugangsinventar heißt: „Bildnis Goethe’s in Elfenbein geschnitten von Schaller, Eisenach, auf dunkler Holzunterlage.“ Sieht man mal davon ab, dass schon damals vom Deppenapostroph Gebrauch gemacht wurde, war sich die Forschung lange unsicher, ob damit Ludwig Schaller gemeint war, ein in Wien geborener Bildhauer, der durch sein 1850 vollendetes Denkmal für Johann Gottfried Herder zwar eine Verbindung nach Weimar, nicht aber nach Eisenach hatte.

Im Zuge ihrer Recherchen zu einem Bestandskatalog der Arbeiten aus Elfenbein im Grünen Gewölbe stieß nun Jutta Kappel, Oberkonservatorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und maßgeblich am Ausstellungskonzept für das Historische Grüne Gewölbe beteiligt, auf einen Brief vom 23.November 1822 – er ist der Beweis, dass es ein Mann namens Gottlob Friedrich Schaller war, der das Porträtmedaillon dem Dichterfürsten von Eisenach aus nach Weimar schickte, als Ausdruck „von den Gefühlen derjenigen Ehrerbietung ... welche ich für Hochselben empfünde“.

Das ist nur eines von vielen Forschungsergebnissen, die in dem Werksverzeichnis, das den umfangreichen Bestand an aus Elfenbein geschnittenen Statuetten, Figurengruppen, Reliefs und in Silber gefassten Prunkgefäßen dokumentiert und zusammenfasst, vorgestellt werden. Mit dieser gewichtigen Publikation werden die Geschichte dieser Sammlung, Entwicklungslinien und dynastische Traditionen sichtbar gemacht.

Die frühesten Werke aus Elfenbein im Bestand des Grünen Gewölbes stammen aus byzantinischer Zeit, der Großteil aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Kunst aus Elfenbein lag damals voll im Trend, wobei die Glanzzeit nicht zuletzt durch unabhängig arbeitende, durch lokale Besonderheiten geprägte Werkstätten, vor alle aber durch die Tätigkeit von Hofkünstlern geprägt wurde. Zu den Dresdner Schätzen gehören Arbeiten von Jacob Zeller, Melchior Barthel, Balthasar Permoser und Johann Christoph Lücke, wahren Meistern ihrer Zunft, wobei die Besten von ihnen zugleich „hervorragende Steinbildhauer und Bildschnitzer in Holz waren“, wie die 1956 in Dresden geborene Kappel festhält. Die Berufung zum Hofkünstler war ein besonderes Privileg, nicht jedem wurde sie zuteil. Johann Christoph Lücke erhielt nie diesen ersehnten Status, obwohl seine Leistungen als Elfenbeinkünstler „hervorragend waren“, wie Kappel versichert. Aber es finden sich viele Arbeiten Lückes im Bestand des Grünen Gewölbes – zu verdanken der Sammelleidenschaft des Grafen Brühl.

Natürlich auch im Buch zu finden ist dieser Pokal mit maritimen Szenen und Neptun, der aus Süddeutschland stammt (um 1665 bis 1670)

Natürlich auch im Buch zu finden ist dieser Pokal mit maritimen Szenen und Neptun, der aus Süddeutschland stammt (um 1665 bis 1670).

Quelle: aus „Elfenbeinkunst im Grünen Gewölbe“

Ein Blick wird natürlich auch auf die kurfürstlichen Auftraggeber oder Sammler geworfen. Hatte sich Christian I. „nur kurz, aber konsequent“ als Förderer der Elfenbeinkunst am Dresdner Hof erwiesen, so waren der Verbindung zwischen Johann Georg I. und Jacob Zeller immerhin zehn Jahr beschieden – am 31. August 1620 erwarb der Kurfürst Zellers „Elfenbeinfregatte“, mit der der Künstler laut Kappel „Kontinuität wie Unwägbarkeit des Herrscherglücks eindrucksvoll in Szene gesetzt“ habe. Ein Schnäppchen war’s nicht: 3000 Gulden waren zu berappen . Ein großer wie begnadeter Sammler war August der Starke, sein Nachfolger König August III. eher nicht, wie Kappel gegenüber den DNN einräumte. Aber August III. hat – das ist ihm durchaus hoch anzurechnen – laut Kappel „das Erbe sorgfältig bewahrt und gepflegt“.

Nun war der Dresdner Hof mitnichten der einzige, für den Werke aus Elfenbein geschaffen wurden. Braunschweig, München, Schwerin, Kassel und diverse Residenzen im Rest Europas – Elfenbein war ungemein begehrt, was vermutlich nicht zuletzt der Tatsache geschuldet war, dass es vom Elefanten stammte, einem Tier, das im Europa der Frühen Neuzeit „als besonders erhabenes Geschöpf von nahezu majestätischer Erscheinung betrachtet“ wurde, wie Kappel schreibt. Wie man erfährt, leitet sich vom lateinischen Wort der Begriff Elfenbein zur Bezeichnung der Stoßzähne ab, die mit ihrem Dentin den Werkstoff für die Herstellung unterschiedlicher Artefakte lieferten.

Womöglich wurde viel an diesem Edelstoff aus Afrika in Leipzig auf der Messe angekauft, aber die Quellenlage ist schlecht. Gesichert ist, dass auf der Herbstmesse anno 1705 zwei mit Diamanten verzierte Elfenbeinfigürchen für 300 Taler sowie „Deux Statues curieux de Hottentots“ (ein von Dinglinger geschaffenes Figurenpaar, das Afrikaner zeigt) zum selben Preis für die Dresdner Schatzkunstsammlung erworben wurden. Das war gemessen an sonstigen zeitgleichen Ankäufen für die Galerie des Kurfürst-Königs sehr hoch. Noch deutlicher wird die Wertschätzung dieser Kunstwerke, wenn man die 200 Taler Jahresgehalt Permosers zum Vergleich heranzieht, der mit Sicherheit ohnehin eher zu den Besserverdienern in Sachsen zählte.

Kappel hält fest, dass der Blick auf die überlieferten Lebenswege jener Elfenbeinkünstler, die am Hofe eine Festanstellung bekommen hatten, zeige, dass „keiner von diesen provinziell und abgeschirmt von den künstlerischen Strömungen der Zeit gearbeitet“ habe. Nicht klären ließ sich, weshalb der Kaiser Jacob Zeller, der laut Kappel „über exzeptionelles Können als Elfenbeinschnitzer verfügte“, überhaupt ziehen ließ. Für die Dresdner Hofkunst erwies habe sich Ankunft Zellers „als Glücksfall erwiesen,“ fast zehn Jahre „führte er eine höchst effektiv arbeitende Werkstatt im Dresdner Schloss und hinterließ atemberaubende Kreationen aus Elfenbein, die zu den Glanzstücken der Dresdner Sammlung gehören“.

Dominiert wird die Dresdner Sammlung von deutschen Elfenbeinwerken aus unterschiedlichen Regionen und Jahrhunderten. Repräsentativ vertreten sind Arbeiten französischer Provenienz. Jeweils kleinere Werkgruppen lassen sich nach Italien, Flandern, Österreich und in die Niederlande verorten. Kruzifixe bilden eine eigenständige, religiös tradierte Werkgruppe, aus der das Grüne Gewölbe mit dem wohl von Claudio Beissonat stammenden und jenem von Johann Christoph Ludwig Lücke 1737 signierten Exemplar laut Kappel „ganz besondere Kostbarkeiten“ besitzt. Okimono und Netsuke gelangten erst 1880 als Zeugnisse japanischer Schnitzkunst in die Sammlung.

Bevorstehende Ausstellungen

Vom 12. Oktober bis zum 21. Januar 2018 wird im Sponsel-Raum des Grünen Gewölbes die Ausstellung „An-Sichten. Barocke Elfenbeinkunst im Dialog der Künste (Part 1)“ gezeigt, geöffnet täglich (außer Di) von 10 bis 18 Uhr.

Elfenbeinwerke des 17. und 18. Jahrhunderts treten dabei in Dialoge sowohl miteinander als auch mit Objekten der Malerei, Grafik, Skulptur, mit Kleinbronzen, Medaillen, Zeichnungen und Kostbarkeiten der Schatzkunst.

Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Sandstein Verlag Dresden, herausgegeben von Jutta Kappel, 111 Seiten, 19,90 Euro; ISBN 978-3-95498-344-5.

Im Frühjahr 2018 soll der zweite Teil der Ausstellung unter dem Titel „Augen-Blicke“ ebenfalls im Sponsel-Raum des Dresdner Residenzschlosses folgen.

www.skd.museum

Mit ihrer kostbaren Materialität und zumeist geringen Größe seien Werke der Schatzkunst keine „Curiosa“, keine reinen Verblüffungsobjekte, sondern sie würden in Gestalt plastischer Figuren und Gruppen, in kunstvoll gestalteten Reliefs und Gravuren, in minutiös ausgeführten Schmuckstücken und Emailmalereien inhaltsreiche und ikonografisch höchst vielgestaltige Bildprogramme bannen. „Sie erzählen profane Geschichte in Porträts, widmen sich antiken Mythen wie religiösen Stoffen und dokumentieren einstigen Besitzerstand“, wie zu lesen ist.

Die Chronologie des Bestandskataloges basiert auf den Inventaren der Dresdner Kunstkammer und des Grünen Gewölbes. Sie waren für die Arbeit
Mit dieser in sechs Kapiteln gegliederten, 376 Katalognummern umfassenden Publikation, ergänzt durch Bibliografie, Quellenverzeichnis, Register zu Personen und Ikonographie, Konkordanzen sowie zahlreichen Anlagen wird eine umfangreiche Forschungsleistung vorgelegt, die die analytische Aufarbeitung einer bedeutenden Bestandsgruppe des Grünen Gewölbes leistet.

Die Publikation wurde durch die Reiner Winkler-Stiftung gefördert und finanziert – sie übernahm z.B. die anfallende Kosten für Reisen, Fotoarbeiten sowie den Druck der vier Kilo schweren Publikation.

Jutta Kappel: Elfenbeinkunst im Grünen Gewölbe zu Dresden. Geschichte einer Sammlung. Wissenschaftlicher Bestandskatalog – Statuetten, Figurengruppen, Reliefs, Gefäße, Varia. Sandstein Verlag, 652 Seiten, 483 farbige Abb., 78 Euro

Von Christian Ruf

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