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Regional Ulrich Wickert stellt neues Buch vor
Nachrichten Kultur Regional Ulrich Wickert stellt neues Buch vor
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22:00 26.10.2017
Dresden

Seine Frau (Julia) ist „schuld“! Die hat dem Journalisten und Autor Ulrich Wickert deutlich zu verstehen gegeben, dass der Arbeitstitel für sein neues Buch sowas von gar nicht geht! Also setzte man sich beim Rotwein zusammen – und heraus kam die griffige Formulierung „Frankreich muss man lieben, um es zu verstehen“, was nun aber nicht ganz auf den eigenen „Mist“ gewachsen ist, sondern auf eine süffisant-sarkastische Sentenz von Kurt Tucholsky, die da lautet „Den Deutschen muss man verstehen, um ihn zu lieben. Den Franzosen muss man lieben, um ihn zu verstehen“. Das Zitat ist dem neuen, der besseren Hälfte auch gewidmeten Werk Wickerts vorangestellt – und auch sonst kommt der Leser, der geschliffene Formulierungen, amüsante Bonmot oder gallige Aperçus zu schätzen weiß, auf seine Kosten. Am Mittwoch stellte Wickert – präsentiert von den DNN – im Haus des Buches seine neue kritische Hommage an jenes Land vor, das ihn nun schon seit seinem 13. Lebensjahr, als er das erste Mal nach Paris kam, beschäftigt.

Einmal mehr seziert Wickert, Grandseigneur der Frankreichkenner, die komplexen Zusammenhänge des öffentlichen Lebens der gallischen Nachbarn, beschreibt das empfindliche Gleichgewicht zwischen Präsident, Nationalversammlung und Regierung und wirft einen Blick das Selbstwertgefühl der Franzosen, der schon fast die Züge einer Diagnose hat. Blind vor Liebe ist Wickert nicht, das System der Elitenausbildung und der nicht selten brutalen Initiationsriten an den Eliteschulen ist seine Sache nicht. Aber ihm ist klar, dass auf dem „gruppenspezifischen Korpsgeist“ das öffentliche Leben in Frankreich beruht. Wer die Regeln dieses Korpsgeistes nicht versteht, dem wird es schwer fallen, in Frankreich Geschäfte zu machen.“

Ulrich Wickert: Frankreich muss man lieben, um es zu verstehen, Hoffmann & Campe Verlag, 288 Seiten, 22 Euro Quelle: Hoffmann und Campe

Ein „Sittengemälde der Fünften Republik“ schwebte Wickert vor, in der Tat ist sein Buch eine Mischung aus Reflexion und Bettgeflüster, zumal der Autor hier und da die Schlüssellochperspektive wählt. Denn „die interessanten Sachen“ – so das Fazit seiner Streifzüge durch die Buchläden in Frankreich – erfahre man in den Memoiren des Chauffeurs von Mitterrand oder auch des Kochs im Élysée-Palast. Wo war Frankreichs Präsident Jacques Chirac gleich noch mal in der Nacht, als Lady Di starb? Richtig, bei seiner Geliebten, der Schauspielerin Claudia Cardinale. Auch sonst ist es immer wieder das kleine, aber aparte Detail, das aufhorchen lässt. So erfährt man, dass Sarkozy weder Käse noch Wein etwas abgewinnen kann, zwei „in Frankreich geheiligte Produkte“, wie Wickert anmerkt.

Beim Blick auf die Mächten geht es – das zur Klarstellung - einmal mehr vorzugsweise um die Pariser Elite, Die „Provinz“ spielt keine Rolle, so ist das eben im zentralistischen Frankreich, das sich nicht zu knapp über die Kultur definiert, während das Gros der Deutschen es eher mit der US-Devise „It’s the economy, stupid!“ hält, mit von Roosevelt über Clinton bis hin zu Trump die amerikanischen Präsidentschaftswahlen entschieden wurden.

Kultur, schön und gut, aber die marode Wirtschaft ist mit ein Grund für die Krise in Frankreich. Ein Drittel aller jungen Franzosen meint derzeit, dass das Land keine Zukunft habe, auch weil es „von Funktionären für Funktionäre regiert wird“. Man zweifelt an den Fähigkeiten der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Institutionen, die Folge ist ein Verlust an Vertrauen in den Staat. Wie so viele Liebhaber Frankreichs, so kommt auch Wickert nicht umhin, zu konstatieren, dass die Franzosen „seit über 100 Jahren eine Identitätskrise“ haben, gerade auch beim eigenen steten Vergleich mit Deutschland. Was den Grund für die Niederlage Frankreichs im Krieg 1870/71 gegen die verbündeten deutschen Staaten (nicht nur Preußen) angeht, muss man Wickert entschieden widersprechen. Das lag nicht daran, dass die Bevölkerung Deutschlands größer war als die Frankreichs war, sondern daran, dass die Franzosen taktisch wie strategisch nicht auf der Höhe der Zeit waren. Wichtig für die nationale Identität sei den Franzosen die (eigene) Geschichte. Da könnten die Deutschen offenbar von den Franzosen lernen. „Wir reden von Heimat, aber wir vermitteln sie nicht“. Hierzulande könne man Geschichte in der Oberstufe ablegen, „ich halte das für eine Katastrophe“, ließ Wickert das Publikum im vollen Saal klipp und klar wissen.

Natürlich geht es nicht zu knapp um Emmanuel Macron, dem der Autor das erste Mal „bei einem vertraulichen Essen“ gegenüber saß, als dieser noch als Wirtschaftsminister unter Präsident Hollande diente und ihn keiner auf der Rechnung hatte, was das Amt des Präsidenten angeht. Dieser sei ein „intelligenter und mutiger Mann“ beteuert Wickert, der aus seiner Wertschätzung für den überzeugten Europäer auch sonst keinen Hehl macht. Der hatte damals präzise vorhergesagt: „Wer auch immer … in den zweiten Wahlgang kommt, trifft dort auf Marine Le Pen und wird dann gegen sie gewinnen.“ Es kam wie vorhergesagt, der Front républicain verhinderte den Sieg des Front National, nur dass dann weder Sarkozy noch Hollande noch der linksextreme Mélenchon es in die Stichwahl schafften.

Ulrich Wickert: Frankreich muss man lieben, um es zu verstehen. Hoffmann und Campe Verlag, 288 Seiten, 22 Euro

Von Christian Ruf

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