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Überschäumend aufgequirlt: „Leonce und Lena“ am Dresdner tjg

Büchner-Premiere Überschäumend aufgequirlt: „Leonce und Lena“ am Dresdner tjg

In Georg Büchners Geschichte verweigern sich Leonce und Lena radikal jeder Verantwortung für andere und werfen nur sich selbst in die Waagschale: zwei Menschen auf der Suche nach dem Großen und Ganzen. Am Dresdner Theater Junge Generation gibt „Leonce und Lena“ jetzt in einer Neuinszenierung.

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Lukas Stöger als Leonce und Judith Nebel als Lena am tjg.

Quelle: Marco Prill

Dresden. Es ist eine ziemlich hyperaktive Langeweile, der die Nachwuchshoffnungen der Mini-Königreiche Popo und Pipi entfliehen. Jedenfalls in der Inszenierung von Hausregisseur Nils Zapfe am Dresdner Theater Junge Generation. Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ wäre hier nur unter größten Verrenkungen als ein Aufbegehren gegen irgendetwas oder als der Horror vacui zu interpretieren. Laut Programmtext widersteht der Regisseur auch der Versuchung, das Verzweifeln der Protagonisten als Luxusproblem oder Wohlstandsverwahrlosung darzustellen. Geht auch gar nicht, weil keiner verzweifelt. Im Gegenteil, an Neugier und Lebenslust machen diese Sechs, von denen viere durch die ganze Welt kommen wollen, heutigen Frührentnern U20 etwas vor!

Schon 1836 schrieb das viel zu jung verstorbene Dramatikergenie Georg Büchner seine einzige Komödie zwecks Teilnahme an einem Preisausschreiben. Wegen verspäteter Zustellung an die Jury geriet sie in Vergessenheit, wurde erst fast 50 Jahre später in München uraufgeführt. Als eine satirische Rebellion gegen die Enge deutscher Kleinstaaterei wurde das amüsante Werk meist interpretiert. Wobei es ja zu einem Happy End kommt, dass schon Seifenopernformat hat. Die Königskinder Leonce und Lena, wie bei einem Roadmovie vom durchritualisierten und verblödeten Hof vor dem Heiratsdiktat geflohen, verlieben sich bei ihrer Zufallsbegegnung incognito ineinander. Es kommt schließlich bei der Rückkehr und Demaskierung genau so wie vorbestimmt. Biss bekommt das Finale bei Büchner dadurch, dass das junge Königspaar beziehungsweise der aufgestiegene Diener Valerio genau jenen Müßiggang zur Staatsideologie erheben, dem sie ursprünglich entflohen waren.

Diese Absage an jegliche Ordnung riecht nach Anarchie, die Absage an Mühe und Arbeit nimmt mindestens Paul Lafargues Recht auf Faulheit oder den Oblomov in Gontscharovs Romantrilogie vorweg. Hier aber spielt die tjg-Inszenierung nicht mehr so virtuos und ausschweifend mit Ausstieg und Ketzerei wie in den eineinhalb Stunden zuvor. Mit einigen Fragen, ob man wirklich alles sein lassen könne, Gefühle und Liebe eingeschlossen, werden die auf Kissen und Treppenstufen sitzenden Zuschauer im Studiotheater nach einem abrupten Black entlassen. Das ist die Hausaufgabe, die man nach einem ansonsten nicht ansatzweise pädagogischen Abend nach Hause nimmt. Nix mit Moral, und es ist, wie eingangs bemerkt, auch überhaupt nichts von Ödnis oder drögem Ambiente zu bemerken, dem es zu entfliehen gelte. Da wäre höchstens der einfältige Trottel König Peter, köstlich von Bettina Sörgel verfremdet und alles andere als ein Despot, den ohnehin niemand ernst nimmt. Sonst aber gibt es von Anfang an eine gehobene Spaßveranstaltung zu sehen.

Für den Spaß sorgt zunächst Hanif Idris als „Mann ohne Privilegien“, eine Zusammenfassung aller Restrollen jenseits der Hauptakteure. Mal Hofmeister, mal Hofprediger, dieser ZbV begegnet uns zunächst im Gaucho-Kostüm in einer Umgebung und in einem Idiom, das uns spanisch vorkommen müsste, stünde nicht in Leuchtschrift „Promised Land“ darüber. Ein nur nach Kulisse wüstes Land, mobile Kakteen eingeschlossen. Aha, Nachtigall, ick hör´ Dir trapsen, dahin ins Gelobte Land also gilt es aufzubrechen! „Was wollen wir werden?“, fragen denn auch Lukas Stöger als Leonce und der äußerst quirlige Carlos Praetorius als Valerio. Genies, Künstler, nützliche Menschen? Oder doch das süße Leben suchen, für das symbolisch eine Slush-Maschine im Vordergrund steht. Davon wird eifrig genippelt, auch Zuschauer dürfen, und sie dürfen auch häufig mitmachen und müssen mit kniffligen Fragen rechnen.

Nicht weniger hippelig und durchgeknallt als die beiden Ausbrecher erscheinen die sportliche Judith Nebel als Lena und Adrienne Lejko als Rosetta mit den Boxhandschuhen. Ihr aller Sprung in die zügellose Freiheit ist nicht nur ein gedanklicher, sondern immer wieder auch ein physischer von einer Balustrade mit Geländer herab. Es wird überhaupt viel geturnt, artistisch, aber auch bei Sprüngen zwischen Eigen- und Originaltext. Keine Spur von Dekadenz, mitreißendes Dauertempo, der vehemente Applaus war absehbar. Dazu Kostüme zwischen barockem Zopf, Rüschenhemd und Unterwäsche-Einteiler. Ein Feuerwerk an Einfällen, rockige Einlagen, überschäumende Spiellaune. Nicht so viel fragen, welche Lehre diese nun überhaupt nicht leere Inszenierung über angeblich gelangweilte junge Leute vermittelt!

Aufführungen: 15., 16., 17., 18., 20. Januar, 20./21. März, Theater Junge Generation

www.tjg-dresden.de

Von Michael Bartsch

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