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Überblicksschau „Otto Griebel. Im Panoptikum der Zeit“

Städtische Galerie Dresden Überblicksschau „Otto Griebel. Im Panoptikum der Zeit“

Unter Panoptikum versteht man gemeinhin ein Kuriositätenkabinett. Dem griechischen Ursprung des Wortes nach meint es eine Gesamtschau. Die aktuelle Sonderausstellung der Städtischen Galerie über Otto Griebel (1895-1972) vereint beides.

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Otto Griebel. Materialmenschen, 1923, Städtische Galerie Dresden - Kunstsammlung.

Quelle: Staatliches Museum für Zeitgeschichte Russland

Dresden.

Als facettenreicher und politisch umtriebiger Künstler hat Otto Griebel das Dresdner Kunstleben dieser Zeit mitgestaltet und sich später in Text und Bild an den persönlich wie gesellschaftspolitisch bestimmenden Ereignissen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgearbeitet. So wurde er einem breiten Publikum vor allem durch die Veröffentlichung seiner Lebenserinnerungen, „Ich war ein Mann der Straße“, bekannt, 1986 aus dem Nachlass herausgegeben von Hans-Peter Lühr und dem Sohn des Künstlers, Matthias Griebel. Der 1937 geborene „Matz“ Griebel, Dresdner Heimatforscher, Bohemian und Mentor der Künstlerszene, der 1990 bis 2002 dem Stadtmuseum vorstand, lieferte mit seinen Arbeiten zu Leben und Werk des Vaters die Basis für die jüngsten Forschungen.

Otto Griebel

Otto Griebel. Selbstbildnis vor dem brennenden Dresden, 1945. Museum der bildende Künste Leipzig.

Quelle: Dietrich Flechtner

Die Ausstellung der Städtischen Galerie zeigt Griebels Werk in seiner künstlerischen Breite, von den Anfängen in den 1910er-Jahren, den Experimenten mit Dada und Kubismus um 1919, über die neusachlich-veristischen Arbeiten, den Werken mit proletarisch-revolutionärem Impetus, den beruhigten Landschaften der 1930er-Jahre bis zum Ausklingen seines Schaffens in den 1950er-Jahren. Eine solche Gesamtdarstellung ist in Griebels Fall ein diffiziles Unterfangen, denn bereits während seines Fronteinsatzes im Ersten Weltkrieg gingen zahlreiche Werke verloren. Von den Nationalsozialisten wurden seine Arbeiten teilweise als „entartet“ diffamiert und beschlagnahmt. Der Großteil des Werkes schließlich wurde bei der Zerstörung Dresdens im Februar 1945 vernichtet. Daher gingen der Ausstellung mehr als zwei Jahre währende detektivische (kunst)historische Forschungen voraus, um vermisste Arbeiten zu recherchieren und das in Fragmenten erhaltene Schaffen in einem neuen Werkverzeichnis zu rekonstruieren. Dessen Verfasser, Johannes Schmidt, zugleich Kurator der Ausstellung und Kustos für Malerei und Neue Medien der Städtischen Galerie, bezeichnet Griebels Œuvre denn auch als „Krater“, dessen Ränder die Ausstellung nun sichtbar mache, während seine Mitte gleichwohl leer bleibe.

Otto Griebel wurde 1895 in Meerane als Sohn eines Tapeziermeisters geboren und begann zunächst eine Dekorationsmalerlehre. 1909 ging er nach Dresden, zuerst an die Königliche Zeichenschule, und begegnete Otto Dix. Von 1911 bis 1915 studierte Griebel Glasmalerei an der Dresdner Kunstgewerbeschule. Als Soldat wurde er im Ersten Weltkrieg schwer verwundet und setzte sein Studium 1919 bis 1922 an der Dresdner Kunstakademie als Meisterschüler Robert Sterls fort. Zu dieser Zeit erprobte Griebel als einer der ersten Künstler in Dresden eine ungegenständliche Bildsprache und beteiligte sich an der Künstlervereinigung Neue Dresdner Sezession – Gruppe 1919, die nach gesellschaftlicher Veränderung strebte, wobei die unterschiedlichen Vorstellungen ihrer Mitglieder, darunter Dix, Conrad Felixmüller, Peter August Böckstiegel und Wilhelm Heckrott schon 1922 zum Bruch führte.

Griebel wohnte im Stadtteil Pieschen, dessen Bewohner er vielfach in sensiblen, würdevollen Porträts darstellte. Als Zeichner schätzten ihn einige zeitgenössische Kritiker höher als Dix und George Grosz, vor allem seine Aktdarstellungen und humorvoll-kritischen Gesellschaftssatiren. Parallel zur Tätigkeit als bildender Künstler spielte Griebel leidenschaftlich Puppentheater, wobei er Puppen, Kulissen und Stücke selbst entwarf, wovon in der Ausstellung das dreiteilige Bühnenbild „Dada-Hölle“ kündet.

Ende der 1920er Jahre zunehmend politisch engagiert und seine Vorstellungen beharrlich vertretend, initiierte Griebel 1929 die Gründung der Dresdner Sektion der ASSO mit, der Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands, eine der Kommunistischen Partei nahe stehende Gruppe, die sich unter dem Druck der Nationalsozialisten 1933 auflöste. Griebel gehörte auch zur Dresdner Sezession 1932. Als diese verboten wurde, gründeten er und Kollegen wie Karl Kröner die Gruppe der 7, um sich, das Dresdner Umland durchwandernd, weiter künstlerisch betätigen zu können.

Otto GriebelDer Sonntagnachmittag, 1920, Städtische Galerie Dresden - Kunstsammlung

Otto Griebel.Der Sonntagnachmittag, 1920, Städtische Galerie Dresden - Kunstsammlung.

Quelle: Robert Vanis

Die Gestapo hielt Griebel 1933 zwei Wochen fest, zahlreiche seiner Bilder wurden beschlagnahmt und in den Ausstellungen „Spiegelbilder des Verfalls in der Kunst“ und „Entartete Kunst“ gezeigt. Griebel wurde zum Militär eingezogen, war dann im besetzten Polen zivildienstverpflichtet. Nach seiner Entlassung flüchtete er nach Dresden, wo im Februar 1945 seine Wohnung samt Atelier und den darin befindlichen Werken zerstört wurden.

Nach 1945 arbeitete Griebel als Lehrer, auch um seine kinderreiche Familie zu versorgen. Die künstlerische Arbeit trat in den Hintergrund. Seine durch Lothar Langs „Begegnungen im Atelier“ überlieferte Aussage vom „alten Prärie-Indianer, der in der Zirkusmanege auftritt“ ist legendär, mit der Griebel einen Neuanfang als Künstler inmitten neuerer Tendenzen ablehnte.

So hat Griebels Ölgemälde „Selbstbildnis vor dem brennenden Dresden“ aus dem Jahr 1945, aus dem Museum der bildenden Künste Leipzig, beinahe finalen Bekenntnischarakter. Der gemalte Zettel an der Wand konstatiert den Entstehungskontext wie ein politischer Slogan. Der Künstler fixiert den Betrachter, in der Hand einen blühenden Grashalm als Symbol von Fruchtbarkeit und Wiedergeburt. Der traumatischen Erfahrung des Verlusts von Heimat und eigenem Werk stellt Griebel als Überlebender im Bild demonstrative Entschlossenheit gegenüber.

Griebels Leben und Werk sind in der Ausstellung der Städtischen Galerie nun neu zu entdecken, in einer, wie deren Direktor Gisbert Porstmann sagt, „begehbaren Biografie“. Die Formulierung berührt die Verdienste und Grenzen des Ausstellungsprojektes gleichermaßen, schließlich sind Biografie und Werk (zumal ein schmal erhaltenes) nicht füreinander in Haftung zu nehmen. Obwohl die gezeigten Arbeiten nicht durchgängig die gleiche Qualität besitzen, ist die Ausstellung bedeutend. Bedeutend, weil sie endlich Gelegenheit bietet, die Kunst Griebels in ihrer Vielfalt zu studieren, jenseits der engen Sicht als Schöpfer des Bildes „Die Internationale“ zu DDR-Zeiten. Bedeutend, weil sie die Fragmente eines Werkes recherchiert hat und an seinem Entstehungsort zusammenführt, die längst in private und öffentliche Sammlungen weltweit verstreut und wohl kaum wieder derart zu einen sind. Und bedeutend auch deshalb, weil sie einem aufrechten Künstler huldigt, dessen Erfahrungen ihm ein Leben lang Impuls und Reibungsfläche blieben.

„Otto Griebel. Im Panoptikum der Zeit“, Ausstellung der Städtischen Galerie Dresden, Wilsdruffer Str. 2. Bis 7. Mai. Di bis So, Feiertage: 10 bis 18 Uhr, Fr: 10 bis 19 Uhr. Mo geschlossen.

www.galerie-dresden.de

Von Teresa Ende

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