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Regional „Tschick“ nun auch als „Road opera“
Nachrichten Kultur Regional „Tschick“ nun auch als „Road opera“
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21:00 21.01.2018
Autoscooter statt Lada Niva: Unterwegs im gemeinsamen Roadmovie sind Tschick (Michael Zehe, hinten) und Maik (Johannes Leuschner). Quelle: Matthias Rietschel
Radebeul

Die Vorbildwirkung des Romans „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf geht ja gen null, aber das hat er mit Bestsellern wie „Huckleberry Finn“ von Mark Twain oder „On the Road“ von Jack Kerouac durchaus gemein. Hier wie da sind es jugendliche Helden, Jungen mit Freiheitsdrang und Abenteuerlust, die sich einen feuchten Kehricht um die Gepflogenheiten der ach so etablierten Erwachsenenwelt scheren. Sie wollen sich (und) die Welt entdecken – Anarchie liegt da geradezu greifbar in der Luft.

Das 2010 erschienene Buch avancierte zu einem Megaerfolg, kein Wunder, dass rasch mit Verfilmung und Bühnenfassung nachgelegt wurde. Nach Fatih Akins gelungenem Roadmovie von 2016 und diversen Theateradaptionen war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch das Musiktheater nach „Tschick“ verlangte. Aber welches Genre wäre dafür geeignet: Operette, Musical, Oper?

Der Komponist Ludger Vollmer (Jg. 1961), der u.a. bereits Akins „Gegen die Wand“ für die Bühne vertonte, hat sich für die Gattung „Road opera“ entschieden. Da muss er Vergleich weder scheuen noch fürchten und kann in seiner Musiksprache dennoch so ziemlich alles verwursten (beabsichtigt war natürlich verwerten), was die Literatur bisher auf den Markt gespült hat. Das klingt dann nach betonter Jugendlichkeit (ohne freilich direkt in den Charts zu stöbern), potpourriertem Musicalquerschnitt (vor allem, um Übergänge der einzelnen Nummern zu schaffen), reichlich vom Schlagwerk betonter Operettigkeit und nicht zuletzt einem winzigen Hauch Puccini (wenn es im Stück mal richtig sentimental wird).

Dass sich Vollmers Musik obendrein keinen Deut um die Textverständlichkeit schert (Libretto: Tiina Hartmann), muss ihr nicht allein angelastet werden, scheint auch kaum wen zu stören, liegt aber zum Gutteil mit an der akustischen Verstärkung vor allem der chorischen Szenen. Mit einer solchen geht das Stück los. Ein grüner Chor scheint gegen den Immobilienmakler zu wettern, der sich lautstark mit Begriffen aus fäkalischer, sexistischer und politischer Subkultur dagegen wehrt. Wenn das Zugeständnisse sind, um sich beim jüngsten Zielpublikum einzuschmeicheln, dann fallen sie unter die Kategorie Anbiedern.

Was weder die Stückvorlage noch das Premierenensemble nötig hat. Denn in der Regie von Sebastian Ritschel entwickelt „Tschick“ durchaus eigenes Tempo, müssen sich die 29 Szenen nicht an der literarischen Vorlage messen, da sie ganz eigene Qualitäten aufweisen. Das beginnt mit der Ausstattung, für die der Regisseur und Operndirektor einen Einheitsraum mit grellen Graffiti und schmalem Guckkasten geschaffen hat. Wer sich vorab gefragt hat, wie wohl die Straßenszenen mit dem „entliehenen“ Lada Niva umgesetzt werden, sieht sich wunderbar überrascht, da Tschick und der zunächst etwas scheue Maik die kleine Bühne mit einem Autoscooter unsicher machen. Der russische Spätaussiedler und der vernachlässigte Sohn von Makler und trunksüchtiger Mutter, sie werden kein Paar, sind aber eine Ferienzeit lang ein enges Gespann. Da kann auch die Zufallsbekanntschaft von der Müllhalde nicht stören, wohl aber verunsichern. Michael Zehe in der Titelpartie und Johannes Leuschner als Maik spielen glaubhaft zwei Teenager, Kirsten Labonte gibt die der Welt längst abhanden gekommene Isa kraftvoll selbstbewusst und dennoch sensibel.

Peter Koppelmann allerdings wird in eine abstoßende Rolle als überdrehter Stahlhelm-Depp gedrängt, die er nicht mal beim Schlussapplaus ablegen kann. Mehrere Grazien als Geschwister und Krankenschwestern hingegen sind ebenfalls grenzenlos überzeichnet, gestalten derartiges Humorverständnis aber mit sarkastischen Mitteln. Hagen Erkrath als karrieregeiler Vater beglaubigt die Farce, Stephanie Krone als dessen weinselige Gattin torkelt ein wenig zu ambitioniert durch ihre Szenen.

Sehr engagiert auch der Opernchor sowie die ihn verstärkenden Mitglieder des Freien Opernchores und des Jugendchores vom Gymnasium Coswig. Hans-Peter Preu führt das gesamte Ensemble ebenso wie sein absolut williges Orchester souverän durch den Abend, der zu guter Letzt vor Gericht endet. Denn als Vorbild für „die Jugend von heute“ taugt Tschick schließlich nicht. Die Erwachsenenwelt dieses Romans – und der darauf zurückgehenden „Road opera“ – freilich ebenso wenig.

nächste Aufführungen: 21., 25., 30.1., 2.2. Radebeul; 16.3. Kulturhaus Freital; 3.5. Kleines Haus des Staatsschauspiels Dresden (zum 10. Sächsischen Theatertreffen)

www.landesbuehnen-sachsen.de

Von Michael Ernst

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