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Tschaikowskis lyrische Szenen: "Eugen Onegin" in Görlitz

Tschaikowskis lyrische Szenen: "Eugen Onegin" in Görlitz

Am Ende war die Freude groß im Görlitzer Theater, beim Ensemble, beim Orchester, vor allem beim Publikum, das sich mit starkem, oftmals jubelndem Applaus für diese Premiere bedankte.

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Einer aus dem überzeugenden Ensemble: Jan Novotny als Lenski.

Quelle: Marlies Kross

Zu Recht.

Musikalisch ist dem Dirigenten Eckehard Stier mit der Neuen Lausitzer Philharmonie eine außerordentliche Leistung gelungen. Mit den ersten Takten des lyrischen Vorspiels wird das Maß gesetzt. Und das ist hoch. Da klingen jene melancholischen Passagen der Streicher alles andere als weich, da künden die knappen Einwürfe der Bläser die Brüchigkeit der scheinbaren ländlichen Idylle im Gutshaus der Larina an. Stier wird im Verlauf des Abends mit seinen bestens aufgelegten Musikern die Intensität weiter steigern. Von schmerzhafter Eindringlichkeit ist die Dynamik des Arioso mit anschließendem Ensemble am Ende des vierten Bildes im zweiten Aufzug, dem Zerwürfnis zwischen Lenski und Onegin. Dann nimmt er in Lenskis Abschied diese nachsinnende Stimmung wieder auf, verwandelt sie in jene schmerzhaften Klänge der Unerbittlichkeit des Todes nach allen Regeln der Kunst. Weder Walzer, Kotillon noch die Polonaise, Jahre später, zum Fest im Hause Gremins, erklingen als Stücke purer Unterhaltung. Sie fügen sich wie Versuche der Ausflucht in diese musikalische Dramatik zerrissener Gestalten, deren Leben daran zerbricht, dass sie mit falschen Bildern von sich selbst, von anderen und von der Welt, die sie umgibt, glauben überleben zu können.

Das Leben ist kein Roman in Versen. Britta Bremer hat einen geschlossenen Raum gebaut, dessen Wände beklebt sind mit jenen 51 Strophen der acht Kapitel aus Puschkins gereimtem Roman, nach dem Tschaikowski seine lyrischen Szenen schuf. Hier, wie in der schwarzen Strenge des Hauses einer Bernada Alba, fristen die Larina mit ihren Töchtern Olga und Tatjana und der Amme Filipjewna ihren Anschein vom Leben. Sie flüchten in Erinnerungen, Träume oder Verse, was außerhalb dieses traumatischen Kerkers geschieht, dingt nur als Bild, als Illusion einer Wirklichkeit ein, wozu sich immer wieder, etwa für den Chor der Landleute, weit oben ein unerreichbares Fenster öffnet. Hier wird auch Tatjana das Bild ihres geliebten Onegin wie eine idealisierte Ikone erscheinen, das Fenster wird sich öffnen wie eine Tür in der Ikonostase russischer Kathedralen.

Im Verlauf des unaufhaltsamen Scheiterns fallen die Verse von den Wänden, der Raum ist eine Gruft, und streng gemessenen Schrittes, als bewege sich die Gesellschaft in einem Trauerzug, werden Feste vollzogen, nicht gefeiert. Hier vertraut sich Tatjana in ihrer großen Briefszene Onegin in ihren Versen an, hier nimmt sie seine Demütigung entgegen wie ein zurechtgewiesenes Kind, das artig auf dem zu großen Stuhl hockt. Hier wird der an Verlustängsten leidende Lenski Onegin zum Duell fordern und im entscheidenden Augenblick so weltfremd sein, dass er die Waffe gar nicht zu bedienen weiß. Hier treffen Onegin und Tatjana noch einmal zusammen, sie ist die Fürstin Gremina, er ein Weltenwanderer ohne Ankunft, sie erringt jetzt ihren Augenblick der Freiheit, zerreißt jenen verhängnisvollen Brief, spricht von ihrer Liebe ohne Aussicht auf Erfüllung, entflieht dem Raum durch eine kleine Seitentür, bevor sich schwer die schwarze Decke wie der Deckel eines Sarges über den einsamen Onegin senkt.

Sebastian Ritschel hat dieses Drama lebender Leichname mit strenger Genauigkeit und choreografischem Geschick inszeniert. Er weiß, weniger ist mehr, daher haben seine Figuren jeweils ein knappes, aber genaues Maß charakteristischer Signale, die denen der Musik zugeordnet sind. So entstehen Bilder von großer Eindringlichkeit, mitunter ist ein Hang zu symbolischer Überhöhung, besonders bei der Inszenierung der Chorszenen, nicht zu übersehen. Musikalisch bietet der Chor in der Einstudierung von Manuel Pujol eine ausgesprochen starke Leistung. Gesungen wird in der russischen Originalsprache, was dem Klangbild insgesamt bestens bekommt. Das Ensemble ist in Hochform.

In der Titelpartie gelingt Tim Stolte jene spannende Gratwanderung zwischen überheblicher Blasiertheit und dahinter verborgener verletzbarer Verunsicherung. Yvonne Reich als Tatjana berührt zutiefst mit der existenziellen Auslotung ihrer Rolle, da hat sie wunderbare Passagen lyrischer Verinnerlichung und dramatische Steigerungen von emotionaler Wucht. Auch Jan Novotny als Lenski weiß, dass es in dieser Partie nicht genügt, "schön" zu singen, dass ihm dies gelingt, stellt er mit seiner berühmten Abschiedsarie unter Beweis, zum anderen aber vermag er den Tönen der zerrissenen Seele dieses unsicheren jungen Mannes klingende Gestalt zu geben. Dass sie mit ihrer kleinen, sympathischen Lebenslust wie ein Fremdkörper zwischen allen Stühlen sitzt, kann Patrizia Bänsch im Spiel und mit der Helligkeit ihres Mezzosoprans vermitteln. Versagungsvolle Strenge, gesanglich und in der Haltung, bei Margo Weiskam als Larina. Zum Erfolg des Sängerensembles tragen Stefan Bley als Gremin, Won Jang als Hauptmann und Saretzki sowie Keon Lee als Vorsänger bei.

Zwei ausgesprochene Überraschungen in sogenannten kleineren Partien. Tommaso Randazzo als Triquet singt sein Couplet mit feiner Ironie und galligem Vergnügen. Helena Köhne bietet als Amme Filipjewna eine gesangliche und darstellerische Charakterleistung bester Art, wenn sie diese Figur voller schmerzhafter Erinnerungen als alt gewordenes Kind zeichnet und sich in tröstlicher Zuneigung Tatjana gegenüber mit herzlicher Wärme öffnet.

Boris Michael Gruhl

nächste Aufführungen: 8., 16., 24.6.

www.g-h-t.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.06.2012

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