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Tom Pauls erzählt und spielt in Pirna die Geschichte von der Weihnachtsgans Auguste

Geboren, um zu schmoren Tom Pauls erzählt und spielt in Pirna die Geschichte von der Weihnachtsgans Auguste

In Tom Pauls-Theater in Pirna feierte am Freitag das Stück „Die Weihnachtsgans Auguste“ Premiere. Pauls selbst steht auf der Bühne und ist in sämtlichen Rollen zu sehen. Und auch musikalisch geht es bei der Inszenierung zu.

Tom Pauls ist in sämtlichen Rollen zu sehen.
 
 

Quelle: Daniel Förster

Pirna.  Vor etwas über zwei Jahren erließ das Verwaltungsgericht Köln ein grundlegendes Urteil: In einem reinen Wohngebiet dürfen keine Gänse gehalten werden. Erlaubt sei nur die Haltung von Tieren, die regelmäßig in Wohngebieten anzutreffen sind. Kinder, Bofrost-Fahrer, Pizzalieferanten und osteuropäische Pflegekräfte fallen also glücklicherweise nicht unter das Verbot, genauso wenig wie Silberfische, Weberknechte oder Wühlmäuse.

Insofern würde sich heute die Familie Löwenhaupt, die in dem beliebten, auf einem Märchen von Friedrich Wolf beruhenden Kinderfilm aus dem Jahr 1988 im eigenen Haus eine fünf Kilo schwere Gans hält, strafbar machen. Aber die Geschichte darf einstweilen noch erzählt werden – und das tut nun Tom Pauls in einer Inszenierung, die am Freitag in seinem Theater in Pirna Premiere hatte. Die Fakten dürften bekannt sein, schließlich gehört die rührende Geschichte von der Weihnachtsgans Auguste in hiesigen Breiten zu Weihnachten wie der Tannenbaum.

Der Opernsänger Luitpold Löwenhaupt kauft bereits im November eine lebendige, fünf Kilo schwere Weihnachtsgans und verspürt sogleich „den Geruch von Rotkraut und Klößen in der Nase“. Bis Weihnachten soll der „respektable Vogel“ in einer Kiste im Kartoffelkeller logieren, denn die Gans wird „sich ohnehin an Kartoffeln gewöhnen müssen“, wie Löwenhaupt süffisant-hintersinnig verkündet.

Zeter und Mordio kurz vor dem Fest

Die Löwenhauptschen Kinder Ellie, Gerda und der kleine Peterle dürften die Gans, die sie alsbald Auguste taufen, versorgen, aber es ist ihnen streng untersagt, mit ihr Gymnastik oder sonstigen Sport zu machen, schließlich soll das liebe Federvieh ja nicht an Gewicht verlieren. Aber als das Fest der Liebe naht, das für Gänse ja immer ein Anlass war, sich zu fragen, ob es ein Leben nach Weihnachten gibt, hat der gute Mann ein Problem an der Backe. Nicht nur die Gans schreit Zeter und Mordio, außer ihm hat keiner Lust das Tier seinem eigentlichen Verwendungszweck zuzuführen, da kann er noch so sehr darauf beharren: „Eine Gans ist geboren, um zu schmoren!“

Ihm wird gar aufgetragen, Auguste gefälligst selber zu töten. Nun könnte er ja tun, was viele echte Männer tun, sich den potentiellen Braten selber zu schießen, was aber bekanntlich von den Leuten in der Tiefkühlabteilung nicht so richtig honoriert wird. Auch die Gans tödlich zu erschrecken, auf das sie einen Herzschlag erleidet, womit der Forderung, die Gans eines natürlichen Todes sterben zu lassen, formal genüge getan wäre, scheint keine Option. Löwenhaupt hat bekanntlich eine andere Idee...

Tom Pauls erzählt, nachdem er konstatiert hat, dass die „Menschen in der Provinz“ sehr neugierig sind (ein Raunen geht ob des P-Wortes durch den Saal, aber Pauls war schon immer so frei, den Leuten nicht nur Honig ums Maul zu schmieren), dieses amüsante Weihnachtsmärchen und schlüpft dabei in sämtliche Rollen.

Ist schon immer wieder bemerkenswert, was er an Mimik, Gestik und Sprechduktus so drauf hat. Das fischelante Hausmädchen spricht tiefstes Sächsisch, Luitpold Löwenhaupt, der nur nominell der pater familias, de facto aber ein Pantoffelheld ist, pflegt einen eher psalmierenden Sermon, ganz blasierte Künstlerseele eben. Zum Lachen wird das Publikum immer wieder mit eingestreuten Sprüchen gebracht, etwa dem Kindern Redeverbot auflegenden Gebot: „Wenn der Kuchen spricht, schweigen die Krümel.“

Mimik, Gestik und Gesang

Zudem streut Pauls auch die eine oder andere Gesangseinlage ein, denn was Barbara Schöneberger recht ist, nämlich auch noch zu singen, das ist dem Mimen Pauls nur billig. Nebeneffekt: Der Abend wird ein bisschen gestreckt, denn die eigentliche Geschichte ist ja so lang nicht. Bei den das Gold in der Kehle freilegenden Exkursen wird Pauls vom fünfköpfigen Freddie-Ommitzsch-Studio-Ensemble musikalisch begleitet – und zwar hinreißend formidabel. Mal sind die Kompositionen selbst arrangiert, aber auch Mike Oldfields Version des aus dem 15. Jahrhundert stammenden Kirchenlieds „In Dulci Jubilo“ hat man drauf, dass der Kenner nur mit der Zunge schnalzen kann.

Grandios schlichtweg die Szene, in der Pauls als Frau des Hauses die Kinder zusammenstaucht. Kein Wort hört man, es reicht die Mimik, garniert von einem Zwölftontechnik-Gebräu wie es disharmonischer kaum sein könnte. Aber auch diese Kombi ist große Kunst. Einzig schlechte Nachricht an dieser Stelle: Sämtliche Vorstellungen in diesem Jahr sind erstmal ausverkauft.

Von Christian Ruf

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