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Tilman Rammstedt las im Hygiene-Museum

Online originell sein Tilman Rammstedt las im Hygiene-Museum

Für den Hanser-Verlag war der Roman „Morgen mehr“ ein Experiment. Offenbar ging es um neue Wege, Leser intensiver mit einem Schriftsteller in Verbindung zu bringen. Für den 41-jährigen Autor und Bachmannpreisträger von 2008 Tilman Rammstedt war es eine „Spielanleitung“, wie er bei Lesung und Gespräch im Hygiene-Museum in Dresden erzählte.

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Tilman Rammstedt: „Morgen mehr“.

Quelle: Verlag

Dresden. Für den Hanser-Verlag war der Roman „Morgen mehr“ ein Experiment. Offenbar ging es um neue Wege, Leser intensiver mit einem Schriftsteller in Verbindung zu bringen. Für den 41-jährigen Autor und Bachmannpreisträger von 2008 Tilman Rammstedt, er stammt aus Bielefeld und lebt heute in Berlin, war es eine „Spielanleitung“, wie er bei Lesung und Gespräch im Hygiene-Museum in Dresden erzählte.

Die Aufgabe, die er sich gestellt hatte: Lass einen Mann und eine Frau, die nichts voneinander wissen, an weit entfernten Orten starten und vollbringe das Unmögliche, sie miteinander ein Kind zeugen zu lassen. Wie er das anstellen würde, wusste der Autor nicht. Ließ sich aber darauf ein, von Januar bis April 2016 jedes Kapitel, das er geschrieben hatte, am folgenden Tag per E-Mail und Nachrichten-Austauschdienst WhatsApp an mehrere Leser zu schicken, die für dieses Abo acht Euro bezahlten und dann ihre Kommentare in einem Forum abgeben durften.

An der Startlinie dieses literarischen Spiels, das sich 1972 zuträgt, steigt die Frau in Paris mit einem französischen Belgier ins Bett, nicht der Vater des Kindes. Der nämlich wird im selben Moment mit einbetonierten Füßen von einem Möchtegern-Unterweltkönig in den Main geworfen. Erzählt wird uns all das von einem Kind, das noch nicht einmal gezeugt ist.

Das mutet abstrus an. Doch Tilman Rammstedt fabuliert aufgedreht drauflos und bringt die beiden auf abenteuerlich verschlungenen Wegen zueinander.

Die ausgewählten Kapitel, die er vorstellte, alle mundgerecht kurz, erweckten den Eindruck einer witzig, spannend, mit bestechendem Einfallsreichtum, recht effektvoll und unterhaltsam erzählten Geschichte, deren Figuren jedoch grob gezeichnet wirken. Geschrieben hat er das auf einen Rutsch, wie er berichtete; jeden Tag ein Kapitel, 224 Seiten in zwölf Wochen.

Die große Frage, auf die sich die Besucher der Ringvorlesung im Begleitprogramm der Sonderausstellung „Sprache“ eine Antwort erhofften: Verändert das Internet die Literatur? Kurz zusammengefasst lautete die Antwort an diesem Abend: Nicht wesentlich. Ein „interaktiver“ Roman sollte es ohnedies nicht werden.

Was dem Autor dabei auffiel: Manchmal mutmaßten die Leser, wie die Geschichte weitergehen könnte. „Dann habe ich was Besseres gesucht.“ Bald spürte er die Gefahr, auf Teufel komm raus originell zu sein. Das, fürchtete er, hätte zu „Ermüdungserscheinungen“ führen können. Seine Leser immer wieder zu überraschen, die Szenen ständig zu toppen - es hätte dem Buch nicht gutgetan, erkannte er.

Was ihn wunderte: „Es gab viel zu wenig kritische Kommentare.“ Etwa ab der Mitte des Buches dominierte ein harter Kern von vielleicht 15 Lesern die Rückmeldungen. „Die fingen dann an, mehr von sich selbst zu erzählen.“ Einer schrieb Haikus, ein anderer komponierte einen Soundtrack zum Text. Freundschaften entstanden unter ihnen. Neu hinzukommende Stimmen wehrte die traute Runde ab. „Das wurde mir manchmal unangenehm und unheimlich.“ Er hat sich aber auch den Spaß gemacht, auf seltsame Wünsche zu reagieren. Einmal hat er die Vorschau auf ein Kapitel in Emojis geschrieben, diesen aus Asien stammenden Bildzeichen.

Ob das Internet seine Literatur verändert habe, vermag Tilman Rammstedt nicht so recht zu sagen. „Zumindest hat es die Aufmerksamkeitsheischerei beflügelt.“

Tilman Rammstedt: Morgen mehr. Hanser. 224 S., 20,00 Euro

Von Tomas Gärtner

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