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Tilman Hornigs Gegensätze in Dresdens Galerie Gebrüder Lehmann

Ausstellung Tilman Hornigs Gegensätze in Dresdens Galerie Gebrüder Lehmann

Die jüngste Ausstellung mit Werken Tilman Hornigs heißt zwar „back to painting“, ist aber schon bei erster Betrachtung lediglich die halbe Wahrheit. Technik hier, Romantisierendes da: Die Gegensätze drängen sich geradezu auf. Dennoch bleiben in der Galerie Gebrüder Lehmann viele Fragen offen. Was gut ist.

Die Router selbst sind wiederum an Spiegel geklebt.

Quelle: Galerie

Dresden. „Oh, shabby Kitsch“, raunt es leise aber hörbar durch den Raum. Es klingt leicht gequält, so als habe man einer Person auf Diät eine Schachtel mit Pralinen vor die Nase gehalten. Und tatsächlich, in der Galerie Gebrüder Lehmann locken verbotene Genüsse, zubereitet und in Szene gesetzt von Tilman Hornig, Jahrgang 1979. Eine Wand der Galerie hängt voll mit hinter Glas gemalten Rosenbildern, nostalgisch umrahmt von alten Fensterläden. Leicht angegraute Pastelltöne bestimmen die Farbgebung: Pudriges Rosa, Orange, Beige und Violett – eine Palette, wie man sie auch in der Vintage-Möbel-Abteilung des Otto-Versandes findet.

Der vermeintlich kitschresistente Kunstbeflissene ahnt: Wenn er der Versuchung erliegt und sich länger in den Anblick der sentimental aufgeladenen Sujets vertieft, blüht ihm ein schwerer Kopf. Nichtsdestotrotz fällt es schwer, sich zu lösen. Es wäre ein Leichtes, sich angesichts der Bilder dem Schwelgen in zu Melancholie veredelter Sentimentalität hinzugeben. Und dennoch, bei genauerem Hinsehen steckt mehr dahinter. Die zerzausten Blüten auf den filigranen, dornigen Stengeln sind ruppig, aber sehr gekonnt gemalt. Das Wesen der wilden Rosen aus dem Hinterhof seines Ateliers hat der Künstler mit wenigen expressiven Pinselstrichen perfekt eingefangen. Der in schmutzigem Hellorange bis Schwefelgelb leuchtende Hintergrund mancher Bilder lässt auf den zweiten Blick eher an Verödung, Zerstörung, und daraus erwachsender Trostlosigkeit denken als an atmosphärisch getönte Himmelszelte. Die Gefühle schwanken hin und her. Ist diese hintergründige Authentizität und Ambivalenz ausreichend stark, um aus Kitsch Kunst zu machen? Oder ist die Versuchung in einer seriösen Galerie, geblendet von der anarchisch romantischen Attitüde des Künstlers, süßlich benebelt aus der Welt zu flüchten, schlicht groß genug, um nach Ausreden dafür zu suchen? Andererseits, was ist schlecht an der Schönheit von Rosen und der Sehnsucht nach Ruhe in verwilderten Gärten?

Der Gegensatz genau gegenüber

Der Gegensatz genau gegenüber: Hornigs Rosenbilder.

Quelle: Galerie

Wie um die Entscheidung zum Verweilen etwas zu erleichtern, hat Hornig auf der gegenüberliegenden Wand ein technoides Kontrastszenario installiert. Auf länglichen Spiegeln im gängigen Garderobenformat kleben Router mit tentakelähnlichen Auswüchsen. Sie wirken wie unheimliche, von Kraken inspirierte Roboter. In den Lack der Geräte hat Hornig von Hand englische Texte eingraviert. Es sind Sätze mit gleichermaßen dramatisch-poetischer wie sozialkritischer Note. Zum Beispiel: Frozen Gestures. People are living in underground, in little individual „ cells“ without having any direct contact with each other. (Gefrorene Gesten. Menschen leben im Untergrund, in kleinen einzelnen „Zellen“, ohne direkten Kontakt miteinander.) Ach ja – wie einsam, gesichtslos, steril und narzisstisch ist das Klima im digitalen Zeitalter, möchte man ironisch seufzend kommentieren. Aber ist nicht was Wahres dran? Wer möchte, kann sich so ein Objekt kaufen und dann den Router tatsächlich als solchen benutzen. Wie schick – das ergibt dann Design mit integriertem Weltschmerz. Aber entspringt solch boshafte Kritik nicht in erster Linie der verzweifelten Erkenntnis, dass Kunst in einem anderen Kontext häufig ihren Charakter ändert oder sogar verliert?

Klischees entgegengesetzter Welten prallen in dieser Ausstellung aufeinander. Verwirrspiele mit handwerklich wie dramaturgisch gleichermaßen raffiniert inszenierten Stereotypen sind seit jeher Hornigs Spezialität. Je mehr Fragen zum Schluss offen bleiben, desto besser. Hornigs Hang zum Floralen scheint allerdings echt zu sein. Rosen malte er schon im Studium, als er noch Meisterschüler von Martin Honert war, und hat seitdem nicht mehr damit aufgehört. Unter dem Titel „The Newromanzer“ tauchen die Hinterglasbilder gelegentlich in Ausstellungen auf. Angesichts dieser Kontinuität ist auch der Titel der aktuellen Schau „back to painting“ etwas irreführend.

Ähnlich viele Rosen zeigte der Künstler zuletzt 2008. Schon damals trieb er die Rezensentin zur Verzweiflung, die anrief, um endlich zu erfahren, was es mit der Rosenmanie auf sich habe. Die Antwort: „Beruhigen Sie sich, ich mein’ das doch ernst. Aber lassen Sie uns später weiterreden, ich schau gerade einen Kriegsfilm.“

bis 12. März, Galerie Gebrüder Lehmann, Görlitzer Straße 16, geöffnet Dienstag bis Freitag 10 bis 16 Uhr, Samstag 11 bis 14 Uhr

www.galerie-gebr-lehmann.de

Von Kirsten Jäschke

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