Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Thomas Sanderling kommt endlich wieder nach Dresden

Interview Thomas Sanderling kommt endlich wieder nach Dresden

Im nächsten Aufführungsabend der Sächsischen Staatskapelle gibt es - endlich! - ein Wiedersehen mit Thomas Sanderling. Der Dirigent wird zwei deutsche Erstaufführungen von Mieczysław Weinberg vorstellen und auch bei den Internationalen Schostakowitsch-Tagen Gohrisch (23.-25.Juni) zu erleben sein. Vor Probenbeginn sprach er mit Michael Ernst.

Thomas Sanderling kehrt erstmals seit den 1970er Jahren wieder an den Pult der Staatskapelle zurück.

Quelle: IMG

Dresden.  Im nächsten Aufführungsabend der Sächsischen Staatskapelle gibt es - endlich! - ein Wiedersehen mit Thomas Sanderling. Der Dirigent wird zwei deutsche Erstaufführungen von Mieczysław Weinberg vorstellen und auch bei den Internationalen Schostakowitsch-Tagen Gohrisch (23.-25.Juni) zu erleben sein. Vor Probenbeginn sprach er mit Michael Ernst.

 
: Sie sind lange nicht in Dresden gewesen. Wie ist es, nach mehr als 40 Jahren wieder mit der Sächsischen Staatskapelle zu arbeiten? Einem Orchester, dem Ihr Vater als Chefdirigent verbunden war?

 : Ich freue mich außerordentlich und bin sehr froh, endlich wieder an diesem schönen Ort zu sein. Die Sächsische Staatskapelle ist eines der ganz besonderen Orchester in der Welt. Sie hat einen eigenen Klang bewahrt, einen eigenen Stil, ein eigenes Profil. Das wird heute immer seltener. Dieser Sound, den jeder geübte Hörer sofort spürt, unterscheidet die Kapelle von vielen anderen Orchestern. Ich glaube, dass die Dresdner Staatskapelle damit jedes Repertoire darstellen kann. Es ist wirklich ein besonderes Orchester für mich. Das hat aber nichts damit zu tun, dass mein Vater hier eine Zeit lang Chefdirigent gewesen ist. Personell ist es ja ohnehin nicht mehr das Orchester von damals.

Sie bringen zwei Erstaufführungen von Mieczysław Weinberg, wie sind Sie auf ihn gekommen?

Eine ganz konkrete Rolle spielte die Witwe von Dmitri Schostakowitsch, Irina. Auf ihren Vorschlag arbeitete ich an der Wiederaufnahme „Lady Macbeth von Mzensk“ am Bolschoi-Theater. Sie hat mir damals gesagt, ich müsse mich mit der Musik von Mieczysław Weinberg beschäftigen, ihr Mann habe den sehr geschätzt. Ich erinnerte mich dann, dass mein Violinlehrer Michael Weinmann und auch mein Vater einiges von Weinberg aufgeführt haben. Dann war ich eingeladen, da hat es angefangen. In Weinbergs Wohnung habe ich viele Manuskripte eingesehen. Das Ergebnis war die Uraufführung des Weinberg-Requiems mit dem Royal Liverpool Orchestra.

2013 haben Sie Weinbergs Oper „Der Idiot“ uraufgeführt …

Das war in Mannheim, die Uraufführung der vollständigen Version. An der Moskauer Kammeroper hat es vorher schon eine reduzierte Fassung gegeben. Aber damit ist einiges in Gang gekommen, darüber freue ich mich sehr.

Was lässt sich vorab zum 2. Flötenkonzert und der 7. Sinfonie sagen, die Sie nun erstaufführen werden?

Sehr unterschiedliche Stücke. Aber das zeichnet Weinberg ja aus, dass er ist in jedem Werk ganz anders ist. Nach der monumentalen 5. und der noch größer besetzten 6. Sinfonie gibt es hier in der 7. ein geradezu introvertiertes Statement. Damit beginnt und endet die Komposition. Weinberg ist ja sehr autobiografisch in seinen Werken gewesen. Hier hat er in symbolischen Episoden das Cembalo als Soloinstrument eingesetzt. Zu dieser Zeit ist er zwar nicht mehr in physischer Gefahr gewesen wie Jahre zuvor unter Stalin, als er inhaftiert war und nur durch einen Brief Schostakowitschs – damals ein großes Risiko! – wieder frei kam. Aber er galt nach wie vor als Persona non grata. Diese Sinfonie beginnt und endet mit einem introvertierten Statement. Er war damals schon sehr krank und hat einen Rückblick auf sein Leben dargestellt. Das Flötenkonzert kann man zu Weinbergs Spätwerken zählen. Viele Instrumentalisten schätzten ihn und haben sich Konzerte von ihm gewünscht. So sind das Trompetenkonzert für Timofei Dokschitzer, das Cellokonzert für Mstislaw Rostropowitsch und dieses Flötenkonzert für Alexander Kornejew entstanden. Es beginnt sehr pastoral und gehört damit auch zu den introvertierten Stücken.

Was meinen Sie, warum wurde Weinberg hier erst so relativ spät entdeckt?

Er ist ja schon in der Sowjetunion oft gebremst und verhindert worden. Dadurch konnte er gar nicht über die Grenzen hinauskommen. Einer der wichtigen Förderer war Kyrill Kondraschin, der bekanntlich auch ein sehr inniges Verhältnis zur Staatskapelle hatte. Er hat drei Weinberg-Sinfonien uraufgeführt, die 4., 5. und 6.! Weinberg hat ähnlich wie einige andere Komponisten eine späte, aber verdiente Wiederentdeckung erfahren. Denn hier geht es ausschließlich um Qualität. Das hat er in seiner letzten Oper bewiesen: „Der Idiot“ war ein Riesenerfolg und hat sich sehr schnell herumgesprochen. Nach jeder Vorstellung war das Publikum ganz euphorisch. Das hat sich dann auch bei der russischen Erstaufführung am Marinskii-Theater wiederholt, also bei der russischen Premiere nach der Weltpremiere in Deutschland!

Weinbergs „Passagierin“ kommt diese Spielzeit noch an der Semperoper heraus. Wie sind diese Opern zu vergleichen oder voneinander abzusetzen?

Eher abzusetzen, nicht zu vergleichen. „Die Passagierin“, seine erste Oper, hat eine unglaubliche Story, nach einem wahren Libretto. Wenn man das auf Tschaikowski bezieht, obwohl solche Analogien immer hinken, wäre „Die Passagierin“ mit „Pique Dame“ und „Der Idiot“ mit den lyrischen Szenen des „Eugen Onegin“vergleichbar. Total anderes Musiktheater mit anderen dramaturgischen Konzepten. In der „Passagieren“ sehe ich eine intensive Identifikation Weinbergs mit seinem persönlichen Schicksal. Im „Idiot“ ist Fürst Myschkin wahrscheinlich Weinberg selbst. Jemand, der in einer anderen Welt lebt. Eine Welt der inneren Sauberkeit, der Noblesse, jemand, der sich weigert, die Realität zu akzeptieren.

2. Aufführungsabend Sächsische Staatskapelle, Montag, 30. Januar, 20 Uhr; Thomas Sanderling, Dirigent; Andreas Kißling, Flöte; Jobst Schneiderat, Cembalo. Mieczysław Weinberg: Flötenkonzert Nr. 2 op. 148, Deutsche Erstaufführung. Symphonie Nr. 7 op. 81 für Streichorchester und Cembalo, Deutsche Erstaufführung.

www.staatskapelle-dresden.de

www.semperoper.de

Von Michael Ernst

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr