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Thomas Brussig las aus seinem neuen Werk „Beste Absichten“

Haus des Buches Thomas Brussig las aus seinem neuen Werk „Beste Absichten“

Thomas Brussig las – präsentiert von den DNN – im Dresdner Haus des Buches aus seinem neuen Werk „Beste Absichten“, in dem einmal mehr auch das Ende der DDR Thema ist

Thomas Brussig

Quelle: Jim Rakete

Dresden.

Ins Jahr 1989 und die erst latent, dann massiv auf ihr Ende zusteuernde DDR entführt der neue Roman „Beste Absichten“ von Thomas Brussig, aus dem der Autor, der durch „Helden wie wir“ und „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ bekannt wurde, jetzt – präsentiert von den DNN – im Haus des Buches las. Vorab versichert Brussig, dass das Buch kein Roman sei – das stehe nur auf dem Cover, weil der Verlag darauf bestand. In bewährter Manier schildert er einen Moment der Geschichte, für den die „Anwesenheit eines Staates bei gleichzeitiger Abwesenheit von Gesetzen“ charakteristisch ist.

Thomas Brussig

Thomas Brussig: „Beste Absichten“

Quelle: Verlag

Der Ich-Erzähler ist zunächst namenlos, Äppstiehn nur sein Spitzname, der an ihm hängen bleibt, weil die Mitglieder der Band Die Seuche auf der Suche nach einem Mann sind, der für sie das ist, was Brian Epstein für die Beatles war: ein genialer Manager. Äppstiehn tut, was er kann – „und das ist nicht viel“. Aber es reicht für Auftritte in Etablissements, die im Volksmund Fresswürfel genannt werden, wobei Die Seuche natürlich nur spielen darf, wenn es sich um „geschlossene Veranstaltungen“ handelt, denn für solche war die sonst obligatorische Spielerlaubnis nicht erforderlich. Erwünscht sind nur englische Songs, der Chef im Fresswürfel hat keine Lust darauf, in ein Gelass von acht Quadratmetern umzuziehen, bloß weil da eine Band meint, „in voller Lautstärke den Umsturz herbeisingen zu müssen“.

Nun hat es diese Kapelle in Wirklichkeit nie gegeben. Brussig, Jahrgang 64, bastelte sich sein Denkmal des unbekannten Rockers aus den Versatzstücken, die er aus der Erinnerung kramte. Zu dieser Erinnerung gehört auch, dass es bei der Wende „am Ende um andere Dinge ging als am Anfang“, wie der Autor den Zuhörern ins Gedächtnis schrieb. Der Roman verklickert einmal mehr, dass man in der DDR beachtliche individuelle Nischen-Existenzen mit regelrecht bohemienhaftem Touch führen konnte (ob notgedrungen oder nicht), wofür sinnbildhaft auch die Liedzeile „Fliegen unter dem Radar“ von Die Seuche steht.

Einmal mehr entzückt der Autor durch eine Vielzahl an witzig-schrägen Skurrilitäten in Schelmenroman-Manier, die den Leser unwillkürlich grinsen lassen. Man kann sich den Skandal gut vorstellen, wenn da früher wirklich einer im Rahmen eines Kulturprogramms in einer NVA-Kaserne die US-Nationalhymne gespielt hätte, wenn auch die Jimi-Hendrix-Version vom „Star-Spangled Banner“.

Im Hintergrund rast unterdessen die allseits bekannte Weltgeschichte heran. Dass das Regime in der DDR in der Regel eher keinen Spaß verstand, zeigen „verbürgte Legenden“ (Brussig), die den drei Kapiteln der eigentlichen Handlung jeweils vorangestellt sind. Da geht es um den Kugelstoßer Rolf Oesterreich, dessen Weltrekord von 1976 die Sport-Funktionäre unter den Teppich kehrten, weil ihnen der Athlet suspekt war, hatte er sich doch die anspruchsvolle Drehstoßtechnik, die in der DDR verpönt war, größtenteils selbst beigebracht.

Dann rast in Expresszug-Manier die allseits bekannte Weltgeschichte heran. Äppstiehn, der als Portier in der Nobelherberge „Metropol“ 1000 D-Mark verdient hat, kauft kaltblütig in Prag zum Spottpreis 13 Autos von Botschaftsflüchtlingen, die alles inklusive Fahrzeug hinter sich lassen wollen. Die Fahrzeuge werden in der DDR weiter verhökert, schließlich hat Die Seuche „unglaubliche 141 660 Mark auf dem Konto“. Der Kontoauszug in der Woche nach der Wende weist dann dank des gewährten Umtausches im Verhältnis 1:2 exakt 70 800 D-Mark aus – hübsches Startkapital, aber zu mehr als einem Auftritt in einem ziemlich leeren Club in New York reicht es nicht mehr.

Nun könnte man natürlich auch monieren, dass mit Sätzen wie „Früher war Musik das Wichtigste. Jetzt war es das Geld“ das übliche Gejammer darüber angestimmt wird, dass die Revolution sich anders entwickelte, als viele erhofften, aber es macht sich nunmehr 27 Jahren eben so jeder seinen eigenen Reim auf das, was 1989/90 passierte. Im Gegensatz zu vielen anderen Ostalgikern ist Brussig wenigstens witzig. Äppstiehn muss einräumen, dass Die Seuche am Wetter und der Weltpolitik zugrunde gegangen ist – „zwei Mächten, gegen die jede Band machtlos ist“.

Thomas Brussig: Beste Absichten S. Fischer Verlag, 192 Seiten, 18 Euro

Von Christian Ruf

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