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Regional The Handsome Family im Beatpol
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17:47 30.05.2018
The Handsome Family spielten nach langer Zeit wieder in Dresden. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Achtung, Opa erzählt vom Krieg! Denn die Handsome Family aus Albuquerque/New Mexico geisterte sogar schon vor dem Erscheinungstag jenes Albums in unseren Ohren, Köpfen und Seelen herum, das sie jetzt ausgiebig reanimieren. „Through The Trees“ kam 1998 heraus. Im Jahr zuvor kam das Ehepaar Sparks erstmals in den, damals noch Star Club benannten, Beatpol Briesnitz. Eigentlich waren sie zu dritt, denn beim Debüt und in der Handvoll Folgekonzerte in den frühen Nullerjahren am gleichen Ort stand auch ein Elch auf die Bühne. Sogar nach ihm wurde am vergangenen Dienstagabend gefragt. Die Macht der Erinnerung möge mit dir sein!

Erst der Rückzug, dann die Wiederkehr

Einige Aufrechte von einst hatten sich also wirklich losgeeist (hach, welch ein Sprachbild bei gefühlt 35 Grad Außen- und 45 Grad Innentemperatur), um die sehr anderen Sparks erneut willkommen zu heißen. Auch Musiker waren darunter. Der Rest der einst regelmäßigen Handsome-Besucher mit Family-Ticket ist dem Club jedoch verlustig gegangen. Weil alt. Weil ausgestoßen. Sie haben „ihre“ Labels verloren, denen sie in frühen Nachwende-Jahren wie Schwämme gefolgt sind. Glitterhouse, Blue Rose, Trocadero, Twang! präsentierten dem soliden Dresdner Wurzelkunden in regelmäßiger Folge Americana, schräg angelupften Country, Blues und all die Mischformen. Bands und Solisten/Solistinnen, neue und Legenden kamen immer wieder mit ihren jeweils aktuellen Platten her, Stammkundschaften bildeten sich heraus, nicht selten Freundschaften. The Handsome Family war da eine Zeitlang sehr weit vorn. Dann die Lücke. Nun die Wiederkehr.

Rennie und Brett Sparks seien inzwischen berühmt geworden, geht die Sage. Nun, man darf nie unterschätzen, was es heißt, ein Stück in einen Soundtrack zu bekommen. Materiell kann es Leben retten. Der Handsome Family passierte es mit „Far From Any Road“ und der Serie „True Detective“. Die Fans in sozialen Medien hätten sich danach verzehnfacht, sagen die Sparks und sie selbst seien daraufhin aufmerksamer geworden, konzentrierter auch. Spurenelemente davon waren jetzt im Beatpol-Saal zu spüren. Pater familias traf seine Enkel.

Nur der Elch fehlte

Das herrliche Paar, verstärkt durch zwei Kumpels an Drums und Gitarre (Premiere!), stellt sich mit dem Wiederaufführen einer kompletten Platte zu illustren Kollegen, die dies bereits hinter sich haben. Sogar Liam Gallagher hatte jüngst verkündet, er werde bald die ersten drei Oasis-Alben live spielen. Klang aber wie eine Drohung und wieder mal nur Bruder Noel zugewandt. Wenn man 30, 40 Jahre „on the road“ ist und im Geschäft, das sich zudem extrem verändert hat, schaltet so ein Gebaren neue Lichter an. Wobei im Falle der Handsome Family „Through The Trees“ nicht die Vor- und Nachgänger überstrahlte. Es war und ist einfach eine sehr schöne Platte, mit der man auf Feiern all die Lagerfeuer-Country-Typen aus der Verwandtschaft genauso ruhigstellen kann wie jene Spezies, die sofort in die Texte einrastet und darin jene Short-Stories erkennt, als die sie von Rennie Sparks tagsüber gezimmert wurden, denn nachts ist Brett am Komponieren. Kleine Reißerchen sind es, tiefe Balladen, sparsam, aber extrem effizient arrangiert, getragen durch Brett Sparks’ Bariton. Einen richtigen Ausfall gab es mit keiner der nunmehr zehn Handsome-Editionen.

Auch ohne Elch hat sich zu viel nicht verändert auf der Bühne. Das Duo als Quartett wirkt aufgeräumter, reduzierter, feiner, nicht mehr ganz so brüchig im Klang, zieht Milde Sorte vor Teerstängel, packt noch immer diese göttlichen Plaudereien zwischen die Lieder, neckt sich, frotzelt, ist Entertainment pur für einen Abend im zeitigen Sommer. Banjo, Mandoline, trockene Elektrische, ein paar modulierte Nussschalen zum Draufbeißen aus der illuminierten Lap Steel – die eigene Note verströmt sich noch.

Skurril, bitter und lakonisch

Man muss längere Zeit suchen, um eine Band zu finden, in der es in Bildern mühelos vom Kölner Dom (der wie ein Stein gewordenes Raumschiff aussieht) nach Wisconsin geht (wo ein Schloss aus Fiberglas steht, in dem Kinder Go-Kart fahren). Wo es so gern schneit und friert, wo Indianer vergessen haben, wie man Feuer macht, sich die Angst vorm Kellerkerker in Luft auflöst und sich in Chicago, dort wo „Through The Trees“ in einem Loft entstand, Nachbarsfrauen zu Tode hungern. Skurril ist das alles schon. Sehr bitter auch und lakonisch, der Leipziger Pfingstmensch würde sagen: gothisch.

Für so viel Dunkel sieht die Neuauflage extraordinär schön aus, wenn sie sich auf dem Plattenteller dreht. „Through The Trees“ in schwerem Lichtblau-Vinyl! Dazu hat Andrew Bird, bekennender Family-Fan und 2014 auf „Things Are Really Great Here, Sort of…“ mit beseelten Adaptionen von deren Songs am Start, persönliche Worte geschrieben. Beigelegt ist der LP ebenso eine CD mit alternativen Versionen der Lieder (unter anderem mit Cello, Piano, Streichern, Tuba!), Live-Mitschnitten, Demos, raren Tracks eben. Das ist üblich und freut die Kunden.

Eine Künstler-Ehe, die hält

Etwas noch zum Davor und Danach. Das Dresdner Trio Heated Land von Andreas Mayrock, selbsternannte „Aufheizer“ für diesen Abend, brachten ein weiteres Mal ihr wundersam unaufgeregtes, stark betextetes, Giant-Sand-erahntes Material und ergänzten die Hauptband, statt sie nur zu eröffnen. Und: Mit Low kündigen sich für den 26. Juni im Beatpol die nächsten verloren geglaubten, zumindest lange nicht live in Dresden gehörten Hochverehrten an, mit Mimi Parker und Alan Sparhawk zudem das nächste Ehepaar. Es gibt also durchaus Künstler-Ehen, die halten.

Von Andreas Körner

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