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"Tauberbach" von Alain Platel eröffnete im Schauspielhaus das neue Internationale Tanzfestival

"Tauberbach" von Alain Platel eröffnete im Schauspielhaus das neue Internationale Tanzfestival

"Tauberbach", das klingt so schön. Man könnte an eine liebliche Landschaft denken. Weit gefehlt. Eigentlich heißt es "Tauber Bach" und ist ein Projekt des polnischen Medien- und Aktionskünstlers Artur Zmijewski, der Musik von Bach von gehörlosen Menschen singen ließ und in der Leipziger Thomaskirche aufgenommen hat.

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Würde trotz des ganzen Mülls: Bérengère Bodin, Elsie de Brauw und Romeo Runa.

Quelle: Julian Röder/JU/Ostkreuz

Es handelt sich um die Kantate "Herz und Mund und Tat und Leben".

Einige Passagen dieser Aufnahme verwendet der belgische Choreograf Alain Platel neben anderen Interpretationsversionen Bachscher Musik für sein Stück "Tauberbach", das als letztes Gastspiel in der Reihe des Staatsschauspiels Dresden "Theater zu Gast" zugleich das Internationale Tanzfestival Dresden eröffnete.

Platel mit der vor ihm gegründeten Compagnie Les Ballet C de la B hat in seinen Stücken bereits mehrfach mit Musik von Bach gearbeitet. In "Tauberbach" kommt es zur bislang überzeugendsten Verbindung des Klanges mit dem, was wir sehen, was daran liegt, dass dieser Gesang gehörloser Menschen aus der Inbrunst des Unvollkommenen assoziationsreich mit der Thematik des Stückes korrespondiert.

Das Stück orientiert sich an der Filmdokumentation "Esatamira" von Marcos Prada aus dem Jahr 2004. Über vier Jahre lang hatte Prada die damals 63 Jahre alte schizophrene Brasilianerin begleitet, die seit 20 Jahren auf einer Müllkippe bei Rio de Janeiro lebte und 2011 verstorben ist.

Platels multimediales Theater ist keine Biografie, und der Müll auf dem Theater ist eine riesige Ansammlung gut gereinigter Kleidungsstücke, zum Teil in ansehnlicher secondhand-Qualität.

Auf der mit Theaterlumpen übersäten Bühne führt die Schauspielerin Elsie de Brauw ihre so zornigen wie stolzen und auch witzigen Dialoge mit einer verzerrten Stimme aus dem Off im verbalen Überlebenskampf als Behauptung ihrer Würde am selbstgewählten Ort des Lebens. "I am perfect", "I am fine", so diese Königin der Müllkippe, von der wir auch erfahren, wie man an diesem Ort ein köstliches Spaghettigericht kochen kann.

Mit ihr bewegen sich vornehmlich in spastisch anmutenden Bewegungsmustern zwei Tänzerinnen und drei Tänzer, besonders auffällig Romeo Runa mit seinen faunischen Nijinsky-Zitaten in Endlosschleife. Über der vom Müll bedeckten Bühne mehrere Mikrofone, immer wieder für stimmakrobatische Einschübe in akustischer Verfremdung genutzt.

Und so wie sich die Ebenen des Spiels, des Tanzes, der Klänge und der dabei entstehenden Bilder mehr oder weniger rätselhaft mischen, so mischen sich auch die Zuordnungen der Darsteller. Mal meint man in deren Aktionen, Lautmalereien, Entblößungen oder so vergeblichen wie erfinderischen Befriedigungsversuchen Facetten der aufgespaltenen Persönlichkeit der Hauptdarstellerin zu erkennen, dann wieder erscheinen sie wie geisterhafte Eindringlinge, die deren geheime Ordnung ihres Reiches stören.

Da gibt es viel darstellerische Redundanz, die Intentionen der knappen Texte sind rasch erfasst, "Es ist genug", heißt es nach gefühlten 30 Minuten, 60 werden noch folgen. Und immer eindeutiger wird die Botschaft dieses Stückes, das Unangepasste, das Unvollkommene, die als falsch empfundenen Töne, Dissonanzen und absurden Vorgänge, das selbstbestimmte Leben, wo und wie auch immer, gilt es zu würdigen, mehr noch, als unterdrückte Facetten unter den Müllhalden eigener Verdrängungen zu akzeptieren. Denn so, wie laut Stück unter jedem Grabstein ein Stück Weltgeschichte liege, so auch unter jedem weggeworfenen Fetzen zumindest Rudimente biografischer Geschichten. Da gilt es immer wieder aufs Neue, inne zu halten.

Nur so erklärt sich, dass die aufgedrehte Handlung sehr ruhige, besinnliche Momente hat, wenn die Akteure gemeinsam, jetzt ganz und gar nicht kakophon und dissonant, Passagen Bachscher Musik singen oder summen.

Am Ende erlöst Mozart. "Soave sia il vento...", das Terzettino aus "Così fan tutte", hier von allen sechs Akteuren versöhnlich und traumhaft gesungen und gesummt... "Weht leise, ihr Winde,... Seid freundlich und linde,... Seid hold ihrer Fahrt!"

Darauf begeisterte Beifallsstürme im Dresdner Schauspielhaus.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.06.2015

Boris Gruhl

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