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Taboris „Die Juden“ nach Lessing auf Dresdens großer Bühne

Berliner Ensemble im Schauspielhaus Taboris „Die Juden“ nach Lessing auf Dresdens großer Bühne

Es ist ein sehr moralischer Theatertext: „Die Juden“, verfasst 1749 vom blutjungen Lessing. Der 2007 gestorbene Theateraltmeister George Tabori machte als einer seiner letzten Arbeiten fürs Berliner Ensemble aus dem Lustspiel ein Stück ohne Happy End. Die Bezüge ins Heute sind unübersehbar. Eine Linie zu Donald Trumps Erlass gegen die Einreise von Bürgern bestimmter Staaten in die USA zieht sich fast von selbst.

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Der Baron ist am Boden, der Retter schlägt die Räuber in die Flucht.

Quelle: Monika Rittershaus

Dresden. Es wird moralisch, so viel als Vorwarnung. Dabei hat der Autor alles Recht der Welt, moralisch zu sein. Denn er ist gerade mal 20 Jahre alt, der junge Gotthold Ephraim Lessing, als er 1749 „Die Juden“ vorlegt. Ein Lustspiel nennt er das Ganze, und es hat tatsächlich Züge davon, obwohl ihm eins nicht innewohnt: ein glückliches Ende.

Die Handlung ist schnell umrissen: Ein namenloser Reisender (Boris Jacoby) hilft einem Baron (Axel Werner) aus den Fängen zweier Räuber (die ihrerseits die verkleideten Diener jenes Barons sind), worauf der adlige Alte den Retter in sein Haus einlädt. Schon in ersten Gesprächen des Gastes mit dem Hausherren und dem Vogt Martin Krumm (Winfried Goos) wird von Letzteren rasch vermutet, der Überfall könne nur von Juden durchgeführt worden sein. Krumm versucht, recht plump, so von seiner eigenen Beteiligung am Überfall ab- und den Verdacht auf andere zu lenken.

Der Wohltäter wiederum zeigt sich als Mann offener und hoher Worte, wenn er diese pauschalen Anklagen zurückweist und darum bittet, die Dinge nicht einseitig zu sehen, nicht vorschnell zu urteilen. Er fordert eine gerechte Betrachtung aller, auch der Juden (Lessing empfindet hier seinen späteren Nathan vor). Der Baron ist angetan vom Charakter seines Retters und will ihn gern als Freund und bald auch als Schwiegersohn. Als sich der Reisende schließlich jedoch selbst als Jude outet – eine zugegeben wenig überraschende Wendung, die der junge Lessing da einbaute –, ziehen sich seine Gastgeber von ihm zurück.

Es ist die Inszenierung eines großen, alten Mannes: George Tabori brachte das Stück 2003 auf die Bühne des Berliner Ensembles. Damals war Tabori schon 89 Jahre alt. Ein Jahrhundertmann des Theaters. Es sollte eine seiner letzten Arbeiten werden, Tabori starb 2007. Am Bühnenrand steht immer noch der Ohrensessel, in dem Tabori saß: bei den Proben, der Premiere und zahlreichen Vorstellungen von „Die Juden“. Der Sessel ist nach wie vor dabei – ein memento mori.

Vorstellbar, dass sich in der Umsetzung dieses frühen Lessing-Textes auch etwas von heiligem Zorn findet. Denn der alte Tabori, selbst jüdischer Herkunft, nimmt sich den Text, der voller Moral steckt, aber auch voller Hoffnung, eines damals blutjungen Autors. Die Moral bleibt bei Tabori immer spürbar, die Hoffnung aber wird auf der Bühne zerstoben. Der Jude findet, trotzdem er sich als fast überirdisch guter Charakter zeigt, keine Aufnahme in die Gemeinschaft der Christenmenschen.

All das spielt auf einem ganz simpel gehaltenen Rasengeviert, an dessen Rand die Schauspieler sitzen und von dort die Szene entern. Eher ernst und getragen agieren meist Jacoby und Werner. Das Komische bis hin zum operettenhaften Anflug bringen andere auf die Bühne. Wie Christoph (Michael Rothmann), der als Diener seinem reisenden Herrn mehr als einmal über den Mund fährt, nicht unklug übrigens.

Vor allem aber sind es die Frauen, die dafür sorgen, dass bei aller ethischen Grundausrichtung des Stücks der Lustspiel-Gedanke zur Entfaltung kommt. Die Tochter des Barons (Hanna Jürgens) als überdrehter Backfisch, mit spitzer Stimme, selbstredend schwer verliebt in den Retter des Papas. Und die Zofe Lisette (Therese Affolter), mit rotem Haar und grünem Kleid gleich doppelt ein Signalfarbencharakter, die sich im Auftrag des Barons an Christophs Brust wirft, um etwas über dessen Herrn herauszufinden. Denn wer will schon einen Schwiegersohn, über den er im Grunde nichts weiß?

Die beiden Damen sind die Schwungelemente dieses sonst manchmal etwas eckig daherkommenden Bühnengeschehens. Das Finale könnte ein Happy End werden, als fast alle (die räuberische Dienerschaft natürlich ausgenommen) am blütenweißen Tuch sitzen und der Baron seinem Wohltäter Tochter und Vermögen anbietet – bis der erklärt, ein Jude zu sein. Worauf die Gesellschaft, nach peinlich anmutenden Versuchen, die Konversation aufrechtzuerhalten, lachend hinter der Bühne verschwindet – und der Reisende Einstein zitiert: „Schau ich mir die Juden an/ hab ich wenig Freude dran/ Fallen mir die andern ein/ Bin ich froh ein Jud zu sein.“ Sofort darauf reißt er in einer Aufwallung von Zorn das Tischtuch beiseite. Eine Geste der Verzweiflung, die diesen Charakter noch menschlicher erscheinen lässt.

Wer versucht, gut zu sein, ein guter Mensch, wird oft genug verlacht. Vor mehr als 250 Jahren war das so und ist so geblieben. Als gäbe es nichts Neues unter der Sonne, nur diese eigenartig bittere Melange aus Habgier und Beschränktheit. Das Ehrliche, Wahre, Gute, Schöne findet oft genug nur noch in ironischer, mehr und mehr gar in hämischer Betrachtung seinen Platz. Wie anders ist es zu erklären, dass aus dem guten Menschen, wie Lessing ihn als Ideal sah, dem er auch ganz persönlich versuchte zu entsprechen, ein abfälliger Begriff wie Gutmensch geworden ist. Dass der Mensch edel sei, hilfreich und gut, ist tatsächlich zum frommen Wunsch geschrumpft.

Apropos: Wenige Stunden vor dem Dresdner Gastspiel des Berliner Ensembles unterzeichnete der amerikanische Präsident Donald Trump ein Dekret zum 90-tägigen Einreisestopp für Menschen aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern. Der neue Kopf des Landes entscheidet per Federstrich, wer rein darf in die USA, formerly known as God’s own country. Es wäre großartig, könnte dereinst ein Rezensent schreiben, wie überholt Lessings „Die Juden“ mittlerweile sind. Umgekehrt ist die ermüdende Aktualität des Stoffes die Beschreibung eines anhaltenden Trauerspiels: dass der Mensch als Gemeinwesen bei seiner eigenen ethischen Entwicklung seit einer Ewigkeit auf der Stelle tritt.

www.berliner-ensemble.de

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Torsten Klaus

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