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Sven Regener von Element of Crime über die unbändige Freude, Metaphern zu reiten

Sven Regener von Element of Crime über die unbändige Freude, Metaphern zu reiten

"Lieblingsfarben und Tiere" ist das erste Element-Of-Crime-Album seit fünf Jahren. Dass es sich anhört, wie sich ein Album von Sven Regener, Gitarrist Jakob Ilja, Bassist David Young und Schlagzeuger Richard Pappik eben anhört, ist ausdrücklich gewollt, sagt Regener im Interview.

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Sven Regener (2.v.r.) und seine Kollegen von Element Of Crime.

Quelle: Charlotte Goltermann

Das Konzert am Freitag in Dresdens Altem Schlachthof ist ausverkauft, am 17. Juli kommen Element of Crime aber wieder, dann in die Junge Garde.

Frage: Welches ist denn bitte Ihr Lieblingstier?

Sven Regener: Das gibt es nicht. Eigentlich habe ich zu Tieren kein besonderes Verhältnis. Ich sehe das so: Die Tiere kümmern sich um ihre Probleme, ich kümmere mich um meine Probleme.

Haben Sie Tiere zu Hause?

Ja, wir haben zwei Kaninchen. Die sind sehr niedlich, und wir behandeln sie gut.

Wenn Ihnen Tiere egal sind, was machen die dann im Albumtitel?

"Lieblingsfarben und Tiere", das ist so eine schöne kindliche Idee. Erwachsene sind meist viel zu abgefuckt, um Lieblingsfarben zu haben oder über Tiere nachzudenken. Aber Kinder sind von Tieren total fasziniert. Sie beobachten das Tier und grübeln über die Natur und über das Sein als solches nach. Das finde ich super.

Im Titellied geht es um das Modethema "Entschleunigung". Der Protagonist isst Dosenravioli, liest ein Buch, stöpselt das Telefon aus und geht nicht an die Tür, wenn es klingelt.

Also, der Song hat keine Botschaft. Wir treten nicht an, um den Leuten zu sagen, dass sie es langsamer gehen lassen sollen. Der Text dreht sich einfach darum, dass einer mal seine Ruhe haben will. Und Dosenravioli, am besten kalt und direkt aus der Dose gelöffelt, ist das perfekte Leck-mich-am-Arsch-Essen.

Sie singen in dem Stück Wortmonster wie "Schwachstromsignalübertragungsweg". Was empfinden Sie dabei, wenn Ihnen so ein Begriff einfällt?

Das sind kleine Triumphe für mich. Es macht mir viel Spaß, solche doofen Wörter in Songtexten unterzubringen.

In "Rette mich (vor mir selber)" vergleichen Sie das Lächeln einer geliebten Frau auf echt schräge Weise mit der Brandung der Nordsee. Wie kommen Sie auf so etwas? Beim Bierchen?

Nein, nüchtern. Ich liebe es, Metaphern zu reiten, bis der Gaul quasi darunter zusammenbricht. Um dann zu sagen "Das sind die Bilder, auf die einer kommt, der nichts mehr versteht." Das Geheimnis dieses Textes ist, schiefe Bilder dreimal zu drehen, um deutlich zu machen: Wer verliebt ist, der stammelt rum und ist hilflos.

Können Sie sich mit Männern identifizieren, die in Liebesdingen komplett verloren sind?

Das kann doch jeder. Ich finde, es ist eine starke Haltung, mit seinen ganzen Unzulänglichkeiten klarzukommen. Wir reden hier schließlich über Gefühle, und dafür sind Songs ja da: Dass man zeigt, wie extrem solche Gefühlslagen sind. Ich werde niemals müde, solche Texte zu schreiben.

Der Refrain lautet "Hauptsache Liebe - Hauptsache Du".

Eine schöne Frechheit. "Hauptsache Liebe". Fast schon eine Kränkung (lacht). Um dann im letzten Moment noch die Kurve zu bekommen. Das ist ein bisschen cheesy, macht genau darum aber Spaß.

Passen Sie auf, mit den Liedern nicht ins Schlagerhafte abzudriften?

Wir alle in der Band haben überhaupt kein Problem mit Schlager, wenn er gut ist. Der Rock'n'Roll saugt alles auf, auch den Schlager. Deshalb ist der Rock'n'Roll die Kunstform mit der größten Freiheit und dem größten Freiraum. Man muss keine Angst haben und denken "Oh Gott, jetzt sind wir Schlager".

Sie sind also ein Rocker?

Natürlich, was denn sonst? Rock'n'Roll war immer unser Leben, gerade weil er diesen Aspekt der Freiheit hat. Hören Sie sich unsere Songs doch an - die Trompeten, die völlig irren Gitarren von Jakob - das alles macht Rock'n'Roll für mich aus. Dieses ganze Scheißegal-Ding, das ist es. Was mussten wir uns nicht immer für einen Unsinn anhören: "Ihr macht Jammerlappenmusik", das hieß es häufig. Wer so etwas sagt, der ist selbst ein blöder Jammerlappen. Wir machen Rock'n'Roll, und wir machen ihn so, wie wir wollen, weil er uns genauso Spaß macht.

Im Lied "Dunkle Wolke" ist inhaltlich Schluss mit lustig. Zu einer recht fröhlich-flotten Melodie singen Sie über Schwermut. Warum?

Weil auch das gut ist und Spaß macht. "Dunkle Wolke" ist ein Lied über Depressionen, es ist eine "Sprech mich jetzt bloß nicht an"-Hymne. Ich glaube, dass wenn man über Depressionen schreibt, wenn man versucht, Sprachbilder für diese Gefühle zu finden, die Dämonen in sich selbst auch ein bisschen bändigen kann. Wenn man in der Lage ist, das auszusprechen, ist es eine Möglichkeit, damit klarzukommen.

Stellen Sie sich vor, wie jemand mit Depressionen das Lied hört?

Ja, und eigentlich kennt dieses Gefühl doch auch jeder. Ich singe auch nicht zum ersten Mal darüber. Auf dem Album "Die schönen Rosen" aus dem Jahr 1996 gibt es ein ganz hartes Lied, das heißt "Wer ich wirklich bin". Da geht es darum, dass man nicht mehr weiß, wer eigentlich Herr im eigenen Oberstübchen ist. Rockmusik ist gut dafür geeignet, Dämonen ans Licht zu bringen und dadurch vielleicht an die Kette zu legen. The Doors haben viel in dieser Richtung gemacht. Und ich kann mir sowieso nicht vorstellen, dass jemand sagt "Depressionen? Habe ich nie gehabt." Das gehört zum Leben dazu. Aber es gibt auch immer einen Punkt, an dem es klinisch wird. Da soll man nichts verniedlichen und beschönigen, in solchen Fällen hilft auch die Musik nicht mehr.

Mal so ganz allgemein: "Lieblingsfarben und Tiere" ist wieder ein Element-Of-Crime-Album, das einem nach und nach ans Herz wächst. Man hört es sich an und freut sich.

Danke. Das ist genau das, was man als Künstler will. Dafür ist so eine Platte da. Man kann natürlich sagen, man macht eine Platte, die aktuell ist und dem Zeitgeist entspricht. Aber warum denn? Es ist doch viel schöner, wenn diese Liebe drin ist und so ein Gefühl von "Ach ja, das ist ja wieder hübsch geworden". Wir glauben nicht an so einen Marketingunsinn wie "Die Band hat hier neue Maßstäbe gesetzt." Oder "Müsst ihr unbedingt haben, auch wenn ihr schon zehn andere Alben der Band zu Hause habt." Das ist alles Quatsch.

In "Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhen" singen Sie ja auch, dass nichts so kalt sei wie der heiße Scheiß von gestern.

Genau. Wir sagen einfach "Wenn du die Band magst, dann ist es eine gute Idee, auch dieses Album zu kaufen." Denn, wie du so schön gesagt hast: "Es wird dir ans Herz wachsen." So muss es sein, das finde ich toll, es ist ja wie bei Bob Dylan. Da denkt man ja auch "Die hör' ich mir schön, ist doch Bob." Die Menschen lieben Bob Dylan so sehr, dass sie ihm einfach alles verzeihen. So eine Haltung von Liebe, Freude und Dankbarkeit finde ich ganz großartig. Die Leute sind glücklich, dass er ihnen diese Lieder geschenkt hat, die sie immer wieder, ihr ganzes Leben lang, hören können.

Haben Ihre Fans eine ähnliche Haltung Element Of Crime gegenüber?

Das kann ich nicht genau sagen. Bei unseren Konzerten sitze ich ja nicht im Publikum. Aber ich glaube viel Liebe im Saal zu spüren. Die Leute wissen schon genau, warum sie da sind und warum sie unsere Band mögen. Auf der anderen Seite sollte man das nicht persönlich nehmen. Viele Musiker machen den Fehler, sich selbst ins Zentrum dieser Liebe zu rücken. Nein. Die Menschen lieben nur die Lieder und das, was sie persönlich mit diesen Liedern verbinden.

Es hat sich eingebürgert, dass Sie nur noch alle fünf Jahre ein neues Album machen. Hat Sie der Erfolg entspannt?

Wir hetzen uns nicht ab, sondern nehmen uns die Zeit, die wir uns nehmen möchten für ein Album.

Was macht die Schriftstellerei?

Gerade nichts. Keine Zeit. Nächstes Frühjahr kommt dann ein Buch, das ich gerade mit Andreas Dorau schreibe. Darin geht es um die lustigsten und interessantesten Geschichten aus seinem Leben. Andreas erzählt mir alles, und ich schreibe es auf. Wir kennen uns seit 33 Jahren, haben uns in Hamburg kennengelernt, damals war er 17 und ich 20. Er hatte mich gefragt, ob ich mitspielen will in seiner Band, den Marinas. Aber ich konnte nicht. Meine Freundin hatte ein Ferienhaus in Dänemark gemietet, und da musste ich mitfahren.

Element of Crime sind am Freitag im Alten Schlachthof (ausverkauft) und am 17. Juli in der Jungen Garde, Tickets kosten etwa 40 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.02.2015

Steffen Rüth

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