Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Strawalde – Maler und Filmer aus Leidenschaft

Jürgen Böttchers 85. Geburtstag Strawalde – Maler und Filmer aus Leidenschaft

Gezeichnet hat er immer, gemalt mal weniger, mal mehr, seit etwa 1990 viel mehr. Der Maler, der sich nach dem Wohnort seiner Kindheit seit Jahren – zur Unterscheidung vom Wirken als Filmregisseur – unter Weglassung des „h“ Strawalde nennt, war nie ganz „weg“. Am Freitag wurde Jürgen Böttcher/Strawalde 85 Jahre alt.

Jürgen Böttcher/Strawalde – Maler und Filmer aus Leidenschaft - beging am Freitag seinen 85. Geburtstag.

Quelle: dpa-Zentralbild

Dresden.  
 

Allerdings ging der Vielbegabte nach einem nochmaligen Regiestudium an der Babelsberger Filmhochschule (1955–1960) da schon andere Wege. Mehr als 40 Dokumentarfilme hat er für die DEFA gedreht, zuletzt „Die Mauer“ (1990). Auch hierbei erlebte er ein Auf und Ab. Streifen wie „Drei von vielen“ (1961), gewidmet den Dresdner Malerfreunden, oder „Jahrgang 45“ (1966), sein einziger Spielfilm, wurden verboten und gelangten erst Jahrzehnte später – kurz vor oder nach 1989 – in die Öffentlichkeit. Was für ihre Qualität spricht: Sie erscheinen auch heute noch gültig – genauso wie die frühen Bilder „Die Beweinung“ (1958) und „Mutter mit Kind“ (1956), die erst Jahrzehnte nach ihrer Entstehung von der Berliner Nationalgalerie beziehungsweise der Dresdner Galerie Neue Meister erworben wurden.

Die Qualität des Künstlers, dessen Produktivität und Kreativität man ebenso bewundern muss wie die Art, wie er seine Filmprotagonisten – Ofenbauer, Wäscherinnen, eine Trümmerfrau, junge Leute am Strand, Rangierer oder auch den alten Hermann Glöckner – zur Geltung kommen lässt, war – und das verdeutlicht die Komplexität einer Künstlerexistenz hierzulande – nicht generell und nicht auf Dauer zu ignorieren. Für „Ofenbauer“ erhielt er 1962 eine Silberne Taube des Internationalen Dokumentarfilmfestivals Leipzig, der viele weitere Auszeichnungen folgen sollten. 1986 kam die Einladung zu einer ersten Filmretrospektive im Ausland, im Centre Pompidou in Paris. Ab den 1990er Jahren wurde der Regisseur national und international umfangreich gewürdigt. Zugleich erlangte der Maler Strawalde wachsende Anerkennung. Filmisch war Böttcher nur noch punktuell tätig, schuf etwa 2001 auf der Basis vorhandenen Materials und neuer Sequenzen für den WDR das „Konzert im Freien“ um das Berliner Marx-Engels-Denkmal. Nichtsdestotrotz begleitete ihn auf seinen Reisen fortan eine Videokamera.

Heute, da Jürgen Böttcher seinen 85.Geburtstag begeht, schaut man mit Bewunderung auf dieses Doppelwerk, das sich trotz oder wegen der erlebten Höhen und Tiefen entwickelt/e. Der Künstler gehört einer Generation an – geboren ist er am 8.Juli 1931 in Frankenberg –, die von zweitem Weltkrieg und Nachkriegszeit geprägt wurde, von erlebten Schrecklichkeiten und Not. Wie bei vielen anderen erwuchs daraus auch beim jungen Jürgen Böttcher der Wunsch, sich einzubringen für etwas Besseres, Friedliches.

Eine wesentliche Seite seines Tuns war die ihm zugewachsene Rolle als Inspirator für Jüngere. Durch eine Tätigkeit an der Volkshochschule kam er in den frühen 50er Jahren auf direktem und indirektem Weg mit den bereits genannten jungen Dresdner Künstlern – alle Autodidakten – zusammen. Man traf sich – dabei waren noch der dichtende Winfried Dierske und Böttchers damalige Frau Agathe – und diskutierte über Kunst, auch die eigene, über Literatur, natürlich Brecht, sowie Musik, besonders Jazz. Neben dem Wissen war Strawaldes offene und eigenständige Haltung wichtig für die Jüngeren, die ihren Weg in einer oft von Dogmatismus geprägten Umwelt finden mussten. Zugleich haben jene, die einst mit ihm zusammen saßen, wiederum auf andere ausgestrahlt. So erinnerte die Malerin Christine Schlegel jüngst angelegentlich einer Ausstellung zu ihrem 65. Geburtstag daran, wie sie in den 70er/frühen 80er Jahren die Übermalungen Strawaldes beeindruckten, aber ebenso Peter Grafs Malerei.

Offenheit, Nicht-festgelegt-Sein und Eigenständigkeit zeichnet Strawaldes Schaffen bis heute aus. Und die Ideen scheinen nur so zu fließen. In seinen Bildern, Zeichnungen, Collagen und Assemblagen steht deutlich Figuratives wie die den Frauen huldigenden Bilder „Anna Chron“ neben Assoziativem, das vielfältig deutbar ist, und ganz Ungegenständlichem, mal flächig gehalten, mal der écriture automatique der Surrealisten verwandt. Auffällig ist ein spielerisches Moment, verbunden mit der Begeisterung für Material. Letztere äußert sich natürlich im Umgang mit der Farbe, ihrem oft „saftigen“ Gebrauch, nicht weniger aber in der Einbeziehung teils wertvoller Dinge wie Seide, Samt, Spitze, ebenso alter Kalligrafien sowie Porzellan und Metall.

Strawaldes malerisches Schaffen spiegelt große innere Freiheit, unbeeindruckt von irgendwelchen „Idolen“. Es unterliegt einem ganz persönlichen Rhythmus. Auffällig ist: Den „Gespenstern“ seiner Jugend setzt der Künstler nun im Alter vielleicht mehr denn je Schönheit entgegen. Und oft ist es wohl auch für ihn ein Wunder, was sich auf Leinwand oder Papier schließlich entfaltet. Die Kunst bewahrt eben ihr Geheimnis – auch für ihre Schöpfer. Dass der Künstler diesem noch eine Weile nachspüren kann, sei ihm und den Freunden seines Schaffens gewünscht.

Aktuelle Arbeiten zeigen derzeit:
St. Matthäus-Kirche, Berlin, bis 4. September, Di–So 11 bis 18 Uhr
Galerie Klinger, Liegau-Augustusbad, bis 16. Juli, Mi–Fr 14 bis 18, Sa 10 bis 14Uhr
Galerie Born, Darß, ab 9. Juli
(18 Uhr Ausstellungseröffnung)

Von Lisa Werner-Art

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr