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Stehstunde im Beatpol Dresden: William Fitzsimmons bleibt der Musiktherapeut unter den Folkmusikern

Stehstunde im Beatpol Dresden: William Fitzsimmons bleibt der Musiktherapeut unter den Folkmusikern

Eine kleine Sonne kriegt jeder Besucher auf seinen Arm gestempelt, als er das Konzert von William Fitzsimmons im Beatpol betritt. Vielleicht, damit sie ein klein wenig ins Herz scheint, während von Scheidung und anderen Trennungen gesungen wird.

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William Fitzsimmons brachte Schmusestimmung in den Beatpol.

Quelle: Patrick Johannsen

Zuerst singt aber Freund und Kollege Denison Witmer. Auch eine Ballade über seinen Sohn "Asa", ein Lied vom aktuellen Album, das so heißt wie er selber und 2013 aus dem Label "Asthmatic Kitty" von Sufjan Stevens erschien, der, genau wie Fitzsimmons, daran mitwirkte. Persönliche, leise Geschichten, gesungen mit einer ziemlich eindringlichen Stimme, begleitet an der Gitarre. Folkpop minimal, ohne Ablenkungen. Fast. Kurz vor Ende seines Auftritts heftet er sich einen künstlichen Bart "Modell Osama Bin Laden" an und parodiert den Hauptact. Kurze Lachpause. Dann nochmal tief rein ins stille Gefühl.

Es folgt William Fitzsimmons mit Band. Irgendwann früher einmal hatte der noch Haare auf dem Kopf und eine Buddy Holly-Brille im Gesicht. Nun tritt er mit schmaler silberner Nickelbrille, Glatze und einem Bart bis zu den Brustwarzen auf. Er wirkt, wenn er beide Arme gleichzeitig in die Luft hebt, wie ein religiöser Prediger. Und irgendwie will er ja auch heilen. Einen Anker hat er auf seinen rechten Unterarm tätowiert, dieses Zeichen zu deuten, es wäre ein leichtes. Für einen Psychotherapeuten wie ihn allemal. Von Halt, vor allem aber von Haltlosigkeit erzählt er mit leiser Baritonstimme in seinen sanften Liedern. Er wolle nicht nur neue, also die von seinem sechsten Album "Lions" (2014, Nettwerk), sondern auch ein paar alte Lieder spielen, damit es nicht so schrecklich wird", witzelt er zu Beginn. Die ersten drei Lieder sind noch ganz ruhig, man hört kaum mehr als seine Stimme, ein paar Gitarrenanschläge, ein Surren vom Piano und die kratzende Besengeräusche vom Schlagzeug. "Well enough" bis "Josie's Song" von der neuen Platte. Schrecklich ist das, schrecklich intim und emotional. Dann immerhin ein paar leichte Disharmonien, beim Song "Took" wird es ein bisschen lauter und ein vorsichtiger Konservenbeat schleicht sich ein, lange bevor das echte Schlagzeug loslegt. Bei "Fortune" rockt es. Also, es rockt im Liegen. Gute zwei Stunden Kuscheltherapie.

Er verarbeitet, was er sich früher anhören musste - die eigenen Probleme. Er heuchelt nicht, wie er sagt, er erzählt, wie es aussieht bei ihm, innen und außen. So erfahren wir auch, dass er vor zwei Wochen zum zweiten Mal Vater wurde, von einer Tochter, die er noch nicht gesehen hat. Ob es an der Tatsache liegt, dass der Amerikaner seitdem auf Europatournee ist oder an Schlimmerem, ließ er offen. Im Leben geht es wohl aber immer einen Schritt bergauf mit ihm, glaubt man den Entwicklungen seiner Musik. Die Scheidung seiner Eltern ist musikalisch verarbeitet, seine eigene auch, die bekam ein ganzes Album ("The Sparrow and the Crow", 2008). Vielleicht gelang ihm das durch relativierende Einsichten des Älterwerdens, vielleicht ja tatsächlich durch die Selbsttherapie auf der Bühne. Trotzdem singt er auch im Jahr 2014 von "einer verrückten Zeit, durch die er mit einer Person durchmusste". Die Songs bleiben, obwohl sich die Situation längst verändert hat. Sie bleiben als Narben, die für alle hörbar sind. Pärchen streichen sich sanft über den Arm zu Liedern über Trennungen und Schmerz. Fitzsimmons Bandmänner Jake Phillips (Gitarre), Simon Levi (Schlagzeug) und Adam Popich (Klavier, Bass) sorgen dafür, dass hin und wieder Tempo aufgenommen wird in der Fahrt durchs eigene Leben und es manchmal sogar ein bisschen disharmonisch zugeht. Da lösen sich die Pärchen kurz. Freilich nur, um sich bei der nächsten Kuschelhymne wieder neu finden zu können.

Manchmal ist es im Saal so leise, dass die Holzdielen knarzen und Menschen betont vorsichtig darüber schleichen, um die Ruhe nicht zu stören. Die Stimmung ist tatsächlich irgendwie familiär. Liebesbekundungen inklusive. Schön, dass ihr wieder da seid, sagt Fitzsimmons, so als wäre es ganz klar, dass hier die gleichen Menschen zusammenkommen, die eben immer kommen, wenn er in Dresden spielt. Leider etwas zu selten unterbricht er seinen inneren Monolog. Denn wenn er zum Entertainer wird, dann bröckelt für einen Moment die ganze Schmerzkulisse und ein munterer Kerl kommt zum Vorschein, der impulsiv ist und am liebsten mal kurz seine Hose runterziehen würde. "Aber dann würdet ihr euch nur daran erinnern und sagen, das Konzert war gut, bis er uns seinen Penis zeigte."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.02.2014

Juliane Hanka

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