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Stefan Aust präsentierte sein Buch über „Hitlers ersten Feind“

Lesung Stefan Aust präsentierte sein Buch über „Hitlers ersten Feind“

Der renommierte Journalist Aust Stefan präsentierte in der Dresdner Hauptbibliothek sein Buch über den frühen NS-Gegner Konrad Heiden. Heiden war Mitarbeiter der „Frankfurter Zeitung“ und gehörte zu den ersten Publizisten, die den Aufstieg der Nazis kritisch begleiteten. Und doch ist Heiden heute nahezu vergessen.

Stefan Aust

Quelle: dpa-Zentralbild

Dresden. Die Nationalsozialisten schäumten vor Wut, als 1936 im Europa Verlag in Zürich das Buch „Hitler, das Leben eines Diktators“ erschien. Vor allem Joseph Goebbels, seines Zeichens Minister für Volksaufklärung und Propaganda, setzte alles daran, das Buch, das „unerhörte Beleidigungen des Führers und die übelsten Verdächtigungen deutscher Reichminister“ enthalte, von der Schweizer Regierung verbieten zu lassen.

Verfasst hatte das Buch Konrad Heiden, ein Emigrant, der schon früh ein erklärter Gegner des vom böhmischen Gefreiten zum Kanzler aufsteigenden Hitler war, wusste er doch, wovon er schrieb. Denn der Sohn eines Sozialdemokraten und einer Jüdin besuchte in den frühen zwanziger Jahren als Journalist für die bürgerlich-liberale Frankfurter Zeitung Parteiveranstaltungen der NSDAP in München, durchaus geduldet, denn der NS-Bewegung war zumindest in der „Kampfzeit“ in den frühen zwanziger Jahren recht, wenn über sie berichtet wurde. 1933 nach dem Sieg der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten geflohen, 1937 vom Dritten Reich ausgebürgert, fand Heiden nach diversen Zwischenstationen in den USA Zuflucht und nahm letztlich auch die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Nach seinem Tod 1966 in New York wurden außer seinem Namen und den Lebensdaten auch die Worte „Foe of Nazis“ auf seinen Grabstein gemeißelt. Feind der Nazis. Nichts beschreibt die Lebensaufgabe Heidens wohl besser als diese drei Worte. Trotzdem ist der Hitler-Gegner der ersten Stunde heute allenfalls ein paar Experten für die Geschichte des Nationalsozialismus ein Begriff.

Ändern könnte das eine im Rowohlt Verlag erschienene Biografie, verfasst vom renommierten Journalisten Stefan Aust, der Archive abklapperte, Akten wälzte und Zeitzeugen befragte und das daraus resultierende Werk, das ein bisschen auch eine Doppel-Biografie ist, nun in Dresdens Haupt- und Musikbibliothek vorstellte.

Gefragt, wie er auf Heiden stieß, ließ Aust wissen, dass er zum 60. Geburtstag ein Buch geschenkt bekommen habe, das er erst fünf Jahre später dann auch las. In einer Nacht – und zwar Heidens 1936 erschienenes Buch „Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“, in der in einer Art Live-Reportage der Aufstieg Hitlers und der NSDAP beschrieben wurde. Das Buch wurde, wie auch die Ende 1932 erschienene „Geschichte des Nationalsozialismus. Die Karriere einer Idee“ viel beachtet und in viele Sprachen übersetzt.

Ein Vorteil der Bücher Konrad Heidens: Er beschrieb Hitler nicht dämonisierend als Monster, „sondern ordnete ihn in das Zeitalter ein“, erklärte Aust. Deutlich wird, dass der der SPD nahestehende Heiden, der sich parteipolitisch aber nie vereinnehmen ließ, durchaus frühzeitig erkannte, was Hitlers Stärke ausmachte: sein Charisma und seine rhetorischen Fähigkeiten, die, wie der NS-Gegner erbittert konstatieren musste, so manchem Zuhörer eine „Seligkeit“ ins Gesicht schrieb. Ungewöhnlich auch, dass Heiden angesichts der neuen, unter dem Motto „Hitler über Deutschland“ propagandistisch ausgeschlachteten Rundflüge Hitlers kreuz und quer durchs Reich vermerkt: „Aber die besten Einfälle hat doch Hitler selbst.“

Nicht alle wollten Heiden da folgen, der Theaterkritiker Alfred Kerr, auch er alsbald ein Emigrant, verfasste gar ein Spottgedicht. Offenbar wollte er nicht verstehen, dass Heiden kein Bewunderer Hitlers war, wenn er dessen Faszination auf die Massen detailliert beschrieb
und „etwa in dem ihm eigenen Sarkasmus“ sagte, Hitler sei „ein Teufel, allerdings ein großartiger Teufel“, wie Aust in seinem Buch festhält. Aust bescheinigt Heiden einen Sarkasmus, „wie ich ihn gern lese“.

Heiden war ein intimer Kenner der Ränkespiele, der Freundschaften und Feindschaften, der Rivalitäten und Intrigen innerhalb der NS-Bewegung. Er hatte Informanten im direkten Umfeld Hitlers, lässt Aust in seinen Vorbemerkungen wissen. Womöglich war es Otto Strasser vom linken Flügel der Partei, der ihm steckte, wie Otto und sein Bruder Gregor versuchten, Hitler kaltzustellen. Heiden zitiert in seiner Hitler-Biografie das Wortprotokoll der finalen Auseinandersetzung zwischen Otto Strasser und Hitler – noch bevor es Strasser in seinem 1948 in Kostanz erschienenen Buch „Hitler und ich“ selbst tut. Aber der „Putschversuch“ scheiterte. Nach einer Führertagung in Bamberg 1926 stand Hitlers Führungsposition endgültig fest. Die Brüder Strasser fanden sich in der Partei auf verlorenem Posten wieder (waren als Quelle laut Aust aber für Heiden scheinbar noch immer „wertvoller denn je“), der anfangs links gesonnene Joseph Goebbels lief zur Hitler-Fraktion über. Gregor Strasser wurde 1934 im Zuge der „Nacht der langen Messer“, des sogenannten Röhm-Putsches, wie so viele andere Regime-Gegner ermordet, Otto Strasser konnte sich durch Flucht retten.

Was den Röhm-Putsch angeht, spekuliert Heiden ziemlich im Trüben, was die Opferzahlen angeht. Er erklärt, die Zahl der Opfer sei nicht zu beantworten, bis zu tausend seien möglich. Bis heute ist die Anzahl der Toten nicht wirklich belegbar, Ian Kershaw veranschlagt in seiner Hitler-Biographie die Zahl der Getöteten mit etwa 90 namentlich bekannten Personen und vermutet eine Gesamtzahl von etwa 150-200 Toten. Heiden hat recht, wenn er schreibt: „Heute beginnt eine neue Ära der politischen Schlächterei. ... Hitler-Deutschland tritt in die Periode der offenen Blutherrschaft ein.“

Warum Heiden heute so unbekannt ist? Nun, weil er sich nicht stolz aufgeplustert habe, dass er alles richtig vorhergesehen hatte. Und er hatte sogar die Größe zu sagen: „Nennt es ruhig den Größenwahn der Niederlage, aber Deutschland, das war mein Kampf. Ich habe ihn verloren.“ Auch sonst habe sich Heiden laut Aust nie dem „Mainstream-Denken“ angepasst. So wandte er sich in einem vehementen Artikel in der New York Times gegen den Morgenthau-Plan, der die vollständige Deindustrialisierung des geschlagenen Deutschlands vorsah.

 

Von Christian Ruf

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