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Staatsschauspiel startet mit neuem Intendanten und Premieren-Reigen

Interview mit Joachim Klement Staatsschauspiel startet mit neuem Intendanten und Premieren-Reigen

Die erste Saison des neuen Staatsschauspiel-Intendanten Joachim Klement steht vor ihrem Auftakt. Zuvor hat sich der aus Braunschweig nach Dresden gewechselte Klement Zeit für ein Interview genommen. Torsten Klaus sprach mit ihm über Erinnerungskultur, die Gefährdung der Gesellschaft und warum Reichtum auch aus Widersprüchen erwächst.

Intendant Joachim Klement in seiner neuen Wirkungsstätte, dem Dresdner Schauspielhaus.
 

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  Nun ist es so weit: Die erste Saison des neuen Staatsschauspiel-Intendanten Joachim Klement steht vor ihrem Auftakt. Zuvor hat sich der aus Braunschweig nach Dresden gewechselte Klement Zeit für ein Interview genommen. Torsten Klaus sprach mit ihm über Erinnerungskultur, die Gefährdung der Gesellschaft und warum Reichtum auch aus Widersprüchen erwächst.

Frage: Mit Blick auf Ihre erste hiesige Spielzeit: Was sind denn die größten Unterschiede zwischen Braunschweig und Dresden?

Joachim Klement: Es gibt einiges, was beide Städte verbindet, aber auch unterscheidet. Die Braunschweiger sind sehr wohl auch eine ausgesprochen geschichtsbewusste Bevölkerung. Das hat mit deren Mittelalter-Geschichte zu tun. In Braunschweig wurde ja mal entschieden, dass München gegründet wird. Daran kann sich in München niemand mehr erinnern, aber die Braunschweiger kriegen es mit der Muttermilch eingeflößt. Später ist Braunschweig dann geprägt worden durch die Zonenrandlage. Man hat versucht, die Identität neu zu schaffen – erst in der Nachkriegszeit, dann nach dem Mauerbau. Beispielsweise durch das Gründen von Kulturfestivals wie „Theaterformen“. Das alles ist durchaus vergleichbar: ein Selbstbewusstsein, das sich an der Vergangenheit misst. Das ist ja in Dresden durchaus ähnlich.

Das kann man so sagen.

Was es unterscheidet? In Braunschweig habe ich ein Vier-Sparten-Theater mit 500 Mitarbeitern geleitet. Das ist eine andere Größe als das Dresdner Schauspiel. Das ist das Eine. Andererseits finde ich aber die Stadt hier unglaublich viel reicher. Braunschweig hat nicht die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, wenn auch ein Herzog Anton Ulrich-Museum, den Louvre des Nordens – nach der National Gallery in London immerhin das zweite Museum in Europa, wo Kunst öffentlich zugänglich gemacht wurde. Es gibt also Vergleichbares.

Ich finde aber den Reichtum, der in Dresden gesammelt wurde, unglaublich im Verhältnis zur Größe der Stadt. Und ich sehe hier andere Ambivalenzen. Ein touristisches Zentrum in der inneren Altstadt, ob man es nun barock oder neobarock nennen will, auf der einen Seite und ein kreativ-pulsierendes Zentrum wie die Neustadt, dazu städtische Besonderheiten wie Prohlis. Wenn es gelingt – und das scheint ein Dresdner Phänomen zu sein –, dass man das alles unter einen Hut bekommt, wohnt in dieser Widersprüchlichkeit der Reichtum der Stadt.

Dazu kommt noch eine ganze Reihe Dresdner Kulturinstitutionen, an deren Spitze gerade ein Personalwechsel vollzogen wird. Marion Ackermann als neue Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, dazu mit Carena Schlewitt eine neue Leitung in Hellerau, es wird einen neuen Intendanten an der Semperoper geben, ich fange auch gerade an. Vielleicht sind diese Menschen, die da neu zusammenkommen, in der Lage, mit Partnern vor Ort oder ihren Institutionen neue Impulse zu kreieren.

Eine Art Aufbruchstimmung...

Es gibt ja auch schon viel Kooperationen. Das hat man gesehen in Initiativen wie „Weltoffenes Dresden“. Ich finde, das ist ein gutes Pflaster. Kulturinstitutionen haben gezeigt – in einer Zeit, als Pegida noch viel virulenter war –, wie man bürgerliche Öffentlichkeit repräsentieren kann, wenn sie sich schon nicht selbst repräsentiert. Mit meinem Team war ich im Februar in Dresden, um den 13. Wir wollten das gemeinsam erleben. Ich fand das Bus-Monument, den temporären Friedhof auf dem Theaterplatz, die Verleihung des Dresden-Preises, die Menschenkette alles sehr beeindruckend. Man hatte den Eindruck, da gibt es ein stark ausgeprägtes Bewusstsein, ein Zeichen zu setzen, dass man Erinnerungskultur auch zukunftsgewandt besetzen kann.

Interessanter Aspekt. Die Erinnerungskultur in Dresden ist aus meiner langjährigen Beobachtung lange Zeit eine stark
rückwärtsgewandte gewesen.

Man scheint die Kurve gekriegt zu haben.

Ist Dresden die politisch derzeit am stärksten aufgeladene Großstadt in Deutschland?

Das weiß ich nicht. Das ist ja alles temporär. Aber das Beharrungsvermögen ist auffällig, mit dem sich montags 2000 Menschen an Demonstrationen beteiligen. Es ist jedoch das immer Gleiche.

Eine Wiederholungsschleife.

Genau. Aber vielleicht ist hier die Relevanz, die Verhältnisse klären zu müssen zwischen dem, was sich Mitte nennt, und aufgeklärtem bürgerlichem Gesellschaftsbewusstsein, deutlich stärker ausgeprägt als in anderen Städten. Das hat vielleicht auch mit der Größe Dresdens zu tun.

Nun spielt Ihnen die Politik mit dem Termin der Bundestagswahl in die Hände. Es gibt ja fast keinen besseren Moment, als Ihre Zeit hier zu beginnen – vor allem vor dem erwähnten politischen Hintergrund.

Das weiß man ja gar nicht, weil alle so damit beschäftigt sind, wie diese Wahl ausgeht. Dass wir also gar nicht wissen, ob diese Leute dann auch die Zeit haben, ins Theater zu gehen. An einen Ort des Selbstverständnisses, wo man sich trifft und fragt: Was ist eigentlich das Gemeinsame?

In Braunschweig ist es auch so, dass die Stadtgesellschaft anders strukturiert ist. Über 18 Prozent kommen aus Familien mit Migrationshintergrund. Das ist hier noch anders, wird sich aber ändern. Jeder, der glaubt, dass das nicht passiert, hat entweder den Schuss nicht gehört oder nicht verstanden, wie die Welt sich ändert. Migration heißt Weiterentwicklung – auf die ich nicht verzichten möchte.

Theater als Integrationsanker?

Nein, ich wehre mich gegen die Vereinnahmung. Theater ist identitätsstiftend – auch, indem es Identitäten in Frage stellt. Wie soll ich denn die Gefährdung einer Gesellschaft beschreiben, wenn ich nicht ihre Schwächen zeige – oder auch ihre viel zu große Stärke in Relation und Umgang mit Minderheiten und Schwächeren?

In Braunschweig waren Sie Generalintendant für vier Sparten. In Dresden ist nun „nur“ das Schauspiel, das Sie leiten. Fehlt Ihnen da etwas?

Erstmal ist es eine Konzentration auf das, woher ich komme: das Schauspiel. Ansonsten ist hier ja alles in der Nähe. Es gibt das Kraftwerk Mitte, den Kulturpalast, die Semperoper, das Hygiene-Museum. Und es gibt das Interesse, aus sehr klugen Zusammenhängen eine Kulturhauptstadt-Bewerbung abzugeben. Ich finde, das kann einer Stadt nur gut tun.

Dresden ist nach Graz, Hamburg, Mannheim, Bremen, Düsseldorf und Braunschweig Ihre erste Station im Osten Deutschlands. Wilfried Schulz sagte bei seinem Weggang aus Dresden, dass er im Westen den Osten nun viel stärker erklären wolle. Diese Ost-West-Spezifik ist offenbar immer noch so stark ausgeprägt, dass darüber gesprochen werden muss.

Ich finde auch, dass es da immer noch Dinge gibt, nach so vielen Jahren seit 1989. Das hat viel mit Mentalitäten zu tun, glaube ich. Mit Traditionen und Vorstellungen, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden, obwohl es keinen direkten Bezug zu dieser Zeit mehr gibt. Man muss viel erklären, um herauszufinden, woher unterschiedliche Betrachtungsweisen kommen. Ich habe da großen Respekt und lerne das alles gerade noch kennen. Wahrscheinlich hört das auch nie auf mit dem Kennenlernen. Man muss sich erst einmal ganz viele verschiedene Dinge angucken, bevor man versteht, warum sie sind, wie sie sind. Es gibt solche Sachen, bei denen ich mich frage: Kann das sein?

Zum Beispiel?

Nun, Braunschweig war auch eine Stadt, die zu 95 Prozent zerstört wurde im Zweiten Weltkrieg. Viele andere ebenfalls. Was macht also diese besondere Wahrnehmung Dresdens aus? Dann kam die DDR, in der es keine Freiheit gab. Ich habe den Eindruck, dass viele Leute die Zeit nach 1989 als eine Art feindliche Übernahme sehen. Schaut man sich das strukturell an, kommt die Frage auf: Kann es sein, dass man immer nur Opfer ist? Oder ist diese Hinführung falsch? Für mich ist diese Form von zwangsläufiger Abfolge schwer vorstellbar. Das sind Mentalitätsfragen, die einem nahegebracht werden, als Selbstbeschreibungen. Die denkt man sich ja nicht aus.

Die Stadt aber ist wahnsinnig lebendig. Es gibt viele Leute, die sich kümmern und dafür sorgen, dass hier immer etwas los ist. Ein Reichtum auch an Veranstaltungen, sodass man gar nicht hinterherkommt.

Zum Theater. Im aktuellen Ensemble finden sich zwölf Schauspieler des alten Ensembles, zwei kehren zurück. Nach welchen Kriterien, außerhalb des Handwerklichen, stellen Sie die Mannschaft zusammen?

Nun, es gibt zum Beispiel sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, was Talent ist. Dennoch hat es ja zuallererst einen großen Abgang gegeben mit dem Weggang von Wilfried Schulz. Aber es bleiben mehr Menschen hier, als aus Braunschweig dazukommen, das sind sechs oder sieben. Und dann noch andere aus allen möglichen Städten von Hamburg bis München. Lukas Rüppel zum Beispiel, der aus Frankfurt gekommen ist, kenne ich seit seinem zweiten Studienjahr, hatte immer großes Interesse an ihm und seine Stationen verfolgt. Anja Laïs ist eine Kollegin, die ich seit vielen Jahren schätze. Betty Freudenberg war eine Anfängerin, die ich gern engagiert hätte, aber nicht konnte, weil sie zuerst an die Volksbühne wollte, dann über Düsseldorf in Bremen gelandet war. Hinter alldem steht die Sehnsucht nach einer Zusammenarbeit. Und weil man dann z.T. mit Familie den Ort wechseln muss, geht man damit auch nicht fahrlässig um. Was ich toll finde – das kenne ich auch anders: dass die Kollegen ausgesprochen neugierig aufeinander sind und vorbehaltlos offen. Wie die alle miteinander umgehen, davor habe ich großen Respekt, das gefällt mir sehr.

Sie haben auch andere Zeichen gesetzt, zwei Hausregisseurinnen engagiert, 13 der 25 Premieren werden von Frauen inszeniert. Ein bewusstes Signal für mehr Weiblichkeit im Inszenatorischen?

Ja, auch. Aber Daniela Löffner und Mina Salehpour sind Hausregisseurinnen, weil ich sie für große Begabungen halte.

Davon gehe ich aus.

Dass sie dann auch noch Frauen sind, kommt „strafverschärfend“ hinzu. Es hat sich aber natürlich bis zu mir herumgesprochen, dass über 50 Prozent der Bevölkerung weiblich sind. Dass sich das bei uns abbildet, halte ich für selbstverständlich. Genau wie ich finde, dass Theater auch irgendwann die Realitäten der Bevölkerung abbilden muss. Wobei es mir immer um Qualität geht, das Geschlecht ist sekundär. Es ist aber nicht so, dass wir nicht drauf achten würden.

Welche Erwartungen haben Sie an sich selbst für die erste Saison, und welche ans Publikum?

Am Anfang sollten wir es vor allem gelassen angehen. Ulrich Khuon hat mal gesagt: „Anfänge werden überschätzt.“ Ich sage das nicht, um den Ball jetzt nur flach zu halten. Natürlich gibt es eine Erwartungshaltung. Natürlich freuen wir uns auch auf diese ersten Begegnungen mit unserem Publikum in den ersten Premieren. Aber es ist eben nur der Teil eines Ausschnittes von alldem, was wir zeigen, immerhin 26 Premieren in der ersten Spielzeit. Am Beginn wird es einen Vorgeschmack geben, und dann wird der Rest des Blumenstraußes nachgereicht.

Joachim Klement

geboren 1961 in Düsseldorf, Studium in Köln und München

Dramaturg am Theater Graz und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg

1999 bis 2006 Chefdramaturg und Stellvertreter des Generalintendanten am Bremer Theater, ab 2006/2007 in gleicher Funktion am Düsseldorfer Schauspielhaus

ab 2010/2011 Generalintendant am Staatstheater Braunschweig

ab 2017/18 Intendant des Staatsschauspiels Dresden

Von Torsten Klaus

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