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Sprachmagier, Drehbuchautor, Rebell: László Krasznahorkai, ungarischer Schriftsteller, im Stadtmuseum Dresden

Sprachmagier, Drehbuchautor, Rebell: László Krasznahorkai, ungarischer Schriftsteller, im Stadtmuseum Dresden

Der Ise-Schrein gilt als das höchste Heiligtum Japans. Er befindet sich in der Stadt Ise in der Präfektur Mie und besteht aus einer weitläufigen Gebäudeanlage mit Museen, Bibliothek und zahlreichen Werkstätten zur Herstellung der in den religiösen Zeremonien benötigten Gegenstände.

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László Krasznahorkai

Quelle: Doris Poklekowski

Etwa sechs Millionen Menschen pilgern jährlich dorthin; in der Erzählung "Der Neubau des Ise-Schreins" des ungarischen Schriftstellers László Krasznahorkai tun das auch ein Architekt aus Europa und sein japanischer Freund Kawamoto-san. Beider Wunsch ist es, beim Neubau des Schreins dabei zu sein, denn alle zwanzig Jahre, so hat es ein früherer Kaiser verordnet - und daran hält man sich in Japan bis heute -, müssen alle Bauwerke des Ise-Schreins von Grund auf neu gebaut werden. Die Verwaltung der Groß-Schreine lässt aber immer nur einige Auserwählte an der Zeremonie teilhaben. So werden auch Kawamoto-san und sein Freund zunächst schroff abgewiesen. Doch ein abermaliger Versuch, mit einem Brief an die Tempelverwaltung deren Gnade zu erlangen, führt zum Erfolg. Die beiden werden eingeladen, an der Zeremonie zum Neubau des Schreins teilzunehmen. Auf verschlungenen Pfaden (eigene Autos sind verboten!) kutschiert man sie ins Innere eines Waldgebiets, in dem, auf einer übergroßen Bühne, die Zeremonie stattfindet. In lang sich hinschlängelnden, von einem betörenden Sprachrhythmus getragenen Sätzen beschreibt Krasznahorkai die Erlebnisse seiner Protagonisten, die, der Europäer noch ein wenig mehr als der Japaner, verblüfft sind von der Genauigkeit und Konzentriertheit der Handlungen, die sich um die berühmte Zeremonie ranken.

Krasznahorkais Suchbewegung im Schreiben gilt dem Ideal einer Vollkommenheit, nach dem auch jede rituelle Praxis strebt. Nur sucht er es genauso im profanen Leben, vermutlich, weil es dort am ehesten verloren geht. Wir müssen nur etwas konzentriert, aufmerksam und geduldig immer wieder tun, dann werden wir es auch lernen, meint Krasznahorkai. Die Geschichten erzählen davon, und immer wieder neu können wir den alten Kulturen und deren Riten die Erkenntnis abgewinnen, dass nur die innige Versenkung in eine Tätigkeit Schönheit erzeugen und den, der auf diese Weise tätig ist, vervollkommnen kann.

In den Geschichten von Krasznahorkais neuem Buch "Seiobo", das als Titel den Namen einer japanischen Göttin trägt, in deren Garten die Pfirsiche nur alle 3000 Jahre blühen, dafür aber Unsterblichkeit schenken, geht es oft um die richtigen Abfolgen, die gemäßen Regeln, die korrekten Gliederungen, die es den Menschen ermöglichen, ihrem äußerem Leben etwas Ruhendes entgegenzusetzen. Seine Helden sind Maler, Schauspieler oder Wissenschaftler, Menschen also, die schon von Berufs wegen nach einer Art von Vollkommenheit streben, die sie freilich nie erreichen.

László Krasznahorkai ist ein weltgewandter und vielgereister Schriftsteller. Er wird in den USA und Japan ebenso gelesen wie in Europa. Vor fünf Jahren war er mit seinem Buch "Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss" schon einmal Gast der Lesereihe des Literaturforums Dresden. Nun kommt er, der passend zu den Sujets seiner Bücher auch seine Lesungen gewissermaßen "zelebriert", der oft im Stehen und sehr langsam seiner unendlichen Syntax folgt, ins Dresdner Stadtmuseum, um aus "Seiobo" zu lesen und mit Patrick Beck über die Sehnsucht nach Vollkommenheit und die Universalität des Blicks zu sprechen, z.B. in den Filmen des großen ungarischen Regisseurs Bela Tarr, zu denen Krasznahorkai die Drehbücher verfasst. Zuletzt lief von Bela Tarr "Das Turiner Pferd" in den deutschen Kinos und erhielt 2011 auf der Berlinale den "Großen Preis der Jury".

László Krasznahorkai ist ein Künstler, der das Staunen nicht verlernt hat. Ungeschützt schaut er hinaus in die Welt und lässt sich von einer Inspirationen tragen, die vom metaphysischen Schrecken gespeist wird. Es kann ein im Fluss reglos stehender Reiher sein, dessen Bedeutung er nachsinnt, die tragische Schönheit einer No-Maske oder eine Buddha-Statue, die unerwartet die Augen öffnet. Krasznahorkai ist ein stiller Rebell, der mit seiner Sprachkunst gegen den Verfall der Welt anschreibt.

Laszlo Krasznahorkai liest am Freitag ab 20 Uhr im Stadtmuseum Dresden, Wilsdruffer Str. 2, Eintritt 6 Euro (ermä§igt 4 Euro)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.02.2013

Volker Sielaff

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