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Spektakuläre Architektur und mehr als nur Waffenschau

Spektakuläre Architektur und mehr als nur Waffenschau

Sieben Jahre hat der Umbau des Militärhisto­rischen Museums der Bundeswehr in Dresden gedauert - wenige Tage vor der Wiedereröffnung am 14. Oktober durch Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) und Stararchitekt Daniel Libeskind tummeln sich bis zu 200 Personen gleichzeitig auf der Baustelle, um die letzten der insgesamt 10 500 Exponate aufzubauen und dem künftigen Leitmuseum der Bundeswehr in Deutschland den letzten Schliff zu geben.

Dresden.

Dresden. Sieben Jahre hat der Umbau des Militärhisto­rischen Museums der Bundeswehr in Dresden gedauert - wenige Tage vor der Wiedereröffnung am 14. Oktober durch Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) und Stararchitekt Daniel Libeskind tummeln sich bis zu 200 Personen gleichzeitig auf der Baustelle, um die letzten der insgesamt 10 500 Exponate aufzubauen und dem künftigen Leitmuseum der Bundeswehr in Deutschland den letzten Schliff zu geben. Diese Zeitung durfte sich vorab in dem riesigen Haus umsehen. Die Report handelt von einer bis jetzt einmaligen Sicht auf über 500 Jahre Militärgeschichte.

Von Christoph Stephan

Wer in diesen Tagen über die bevorstehende Wiedereröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden redet, spricht wohl in erster Linie vom "Keil". Jenem berühmten Neubau, den US-Stararchitekt Daniel Libes­kind in die Fassade des ehemaligen Arsenalhauptgebäudes am Olbrichtplatz getrieben hat. Ein Einschnitt, der in Dresden am Anfang des siebenjährigen Umbaus für kontroverse Diskussionen sorgte, heute aber vor allem für eines steht: vielschichtige Symbolik.

Zum einen macht Libeskind mit dem "Keil" laut Museumschef Matthias Rogg einen Riss auf zwischen dem unterschiedlichen Verständnis von Militär in Vergangenheit und Gegenwart. Das Autoritäre, Strenge von einst sei abgelöst worden durch eine offenere Rolle von Armeen in modernen, demokratischen Gesellschaften. Ein Perspektivwechsel.

Kein Sinn- sondern ein Denkstiftungsmuseum

Der dreieckige Grundriss des "Keils" spiegelt zudem genau die Form wieder, in die Flugzeuge der Alliierten in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 mit Magnesium-Lichtkaskaden aus­geleuchtete Markierungsbomben warfen. Der Untergang Dresdens war da nur noch eine Sache von Minuten. Die "Keil"-Spitze zeigt in logischer Konsequenz auch genau in Richtung des Ostrageheges, wo die Markierungen niedergingen.

"Hier ist kein Sinnstiftungs­museum entstanden sondern ein Denkstiftungsmuseum. Wir wollen die Besucher ganz bewusst zur kritischen Auseinandersetzung mit den Themen Krieg, Gewalt und Militär anregen", betont Rogg.

Das Haus werde deshalb nicht die "schimmernde Wehr" ausstellen, keine reine Waffenschau wie vor dem Umbau bieten, sondern stattdessen in allen Ausstellungsbereichen den Menschen thema­tisieren. "Mit seinen Ängsten, Hoffnungen, Leidenschaften, Erinnerungen, Trieben, mit seinem Mut, seiner Vernunft, aber auch seiner Aggressionsbereitschaft", erklärt der wissenschaftliche Leiter im Militärhistorischen Mu­seum, Gorch Pieken.

Über insgesamt vier Stockwerke wird dort ein Querschnitt durch mehr als 500 Jahre Militärgeschichte gezeichnet. Vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Viele der Exponate machen neugierig und werfen Fragen auf, etwa die, warum die "Faule Magd" heißt, wie sie heißt. Zu ihrem wenig schmeichelhaften Namen ist die Steinbüchse aus dem 15. Jahrhundert wegen ihrer geringen Reichweite gekommen.

Andere Ausstellungsstücke stimmen nachdenklich, etwa die Puppenstube eines kleinen Mädchens, das während des Zweiten Weltkriegs in London lebte. Sie hat, wie sie es wohl oft bei ihren Eltern sah, die Fenster des Spielzeughauses verdunkelt und ihre Puppen zum Schutz vor einem möglichen Gasangriff in ein spezielles Gasbettchen gelegt. "Der reale Krieg hielt damit im Kinderzimmer dieses Mädchens Einzug", beschreibt Pieken. Wieder andere Exponate gehen an die Schmerz- und Ekelgrenze. Ob es jener Schädel eines Soldaten ist, der sich selbst in den Kopf geschossen hat, eine Station, die aus synthetischen Stoffen den Verwesungsgeruch auf einem Schlachtfeld simuliert, oder Bilder von einem durch Giftgas verätzten Gesicht.

"Wir zeigen auch, was Soldaten in Afghanistan passiert, wenn jemand bei einer Patrouille ihr Auto ansprengt. Welche zerstörerische Kraft solche Anschläge haben", sagt Rogg. "Unangenehm ist dabei sicher die Frage, wie eine Gesellschaft mit Menschen umgeht, die aus solchen Einsätzen zurückkehren - verletzt an Körper und Seele. Ich kann mir gut vorstellen, dass der eine oder andere Besucher die Ausstellung irritiert wieder verlässt."

Nach Angaben von Presse­stabsoffizier Lars Patrick Berg sind die Wachdienste speziell geschult. Sie warnen die Besucher bei besonders schmerzlichen Exponaten vor und achten auch darauf, dass sich keine Rechtsextremen vor Stücken wie einem Mantel des NS-Politikers Hermann Göring feiern. "Diese ewig Gestrigen wünschen wir hier nicht. Unser Zielpublikum sind Schüler, Studenten, Lehrer, Soldaten und generell Geschichts­interessierte. Natürlich auch ­immer Menschen, die der Bundeswehr kritisch gegenüberstehen", sagt Berg.

Ein eigener Ausstellungsbereich steht unter der Überschrift "Tiere im Krieg". Gezeigt wird darin unter anderem ein ausgestopftes Schaf, das im Falkland-Krieg zwischen Argentinien und Großbritannien 1982 über ein Minenfeld geschickt wurde. Dem Tier riss es ein Bein ab. Zu sehen sind zudem Filmaufnahmen von einer Katze, an der man die Wirkung von Nervengift testete, sowie ein Pferd mit Gasmaske.

Das Schaf ohne Bein

Der Abschnitt "Herausforderungen des 21. Jahrhunderts" thematisiert derweil neben dem Afghanistan-Krieg und den Folgen des 11. Septembers 2001 den Einsatz der Bundeswehr am Horn von Afrika, also den Kampf gegen die Piraten vor der Küste Somalias.

In den vergangenen Jahren machte das Militärhistorische Museum in Dresden allerdings nicht nur Schlagzeilen wegen seines weltweit einmaligen Konzeptes, sondern auch wegen drastischer Kostensteigerungen. Kalkulierte man im Jahr 2004 Mal mit 38 Millionen Euro, liegen die Kosten für den Umbau aktuell bei 62,5 Millionen Euro. Neben gestiegenen Materialpreisen und Verzögerungen durch harte Winter trieben Umplanungen wegen hochgesteckter Ziele bei der Barrierefreiheit die Ausgaben in die Höhe.

Nach der offiziellen Eröffnung durch Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) am 14. Oktober hat das Museum ab dem 15. Oktober für den Publikumsverkehr geöffnet. Die Ausstellung kann donnerstags bis dienstags von 10 bis 18 Uhr und montags von 10 bis 21 Uhr besichtigt werden. Vollzahler zahlen voraussichtlich ab 2012 fünf Euro Eintritt. Schulklassen und Angehörige der Bundeswehr sollen kostenlos hinein dürfen.

1873: Baubeginn für das Arsenal-Hauptgebäude im Norden Dresdens

1897: Start für die teilweise museale Nutzung des Hauses

1914: durch Zusammenlegung der Arsenal- und der Armeesammlung entsteht im Arsenal-Hauptgebäude das "Königlich Sächsische Armeemuseum"

1918: n Folge der Novemberrevolution dankt das Herrscherhaus Wettin ab und Sachsen wird Freistaat; Schließung der Ausstellung aber Erhalt der Sammlungen

1923: unter dem Namen "Sächsisches Armeemuseum" werden im Arsenal-Hauptgebäude die neu geordneten Ausstellungen eröffnet

1940: die Wehrmacht übernimmt die Einrichtung und macht daraus zunächst das Heeresmuseum Dresden, später das Armeemuseum Dresden

1945: nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches verbieten die Siegermächte militärhistorische Museen in Deutschland

1972: Eröffnung des Armeemuseums der DDR im Arsenal-Hauptgebäude

1990: die Bundeswehr übernimmt das Haus als Militärhistorisches Museum

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