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Spektakulär: 16 Kleinskulpturen des Dresdner Künstlers Hermann Glöckner im neuen Bauhaus-Museum Weimar

Spektakulär: 16 Kleinskulpturen des Dresdner Künstlers Hermann Glöckner im neuen Bauhaus-Museum Weimar

Renommiert und zugleich randständig - das ist das Dilemma vieler Künstler aus der DDR und zugleich ein Paradoxa der deutsch-deutschen Kunstgeschichte.

Es mag verwundern, dass diese Zuschreibung auch für Hermann Glöckner gilt, der als wichtiger deutscher Künstler des 20. Jahrhunderts längst durchgesetzt scheint. Aber der Blick auf Museumspräsenz und Kunstmarktpreise verriet bislang, dass Wertschätzung und Bedeutung stark auseinander fielen, was manchem Neu-Dresdner in verantwortlicher Position dazu verleitet haben mag, in dem im Osten bewunderten Glöckner bereits eine Art Säulenheiligen zu sehen, den man, ohne sein Werk zu kennen, schon mal offensiv in Frage stellt.

Vielleicht lag es an diesem latenten Ressentiment, dass sich statt Dresden nun Weimar über einen spektakulären musealen Zugang freuen kann. Auf der letzten Art Cologne hatte die Fachwelt über eine binnen weniger Stunden ausverkaufte Werkgruppe kleiner Skulpturen gestaunt, aufgespürt aus Dresdner Privatbesitz und angeboten durch die Galerie Döbele, seit 1980 mit dem Werk Glöckners bestens vertraut. Erworben wurden 16 minimalistische Kleinskulpturen aus diesem Angebot von der Ernst von Siemens Kunststiftung, die sie nun, wie gestern bekannt gegeben wurde, als Dauerleihgabe dem Bauhaus-Museum in Weimar unbefristet zur Verfügung stellt. Für Ulrike Bestgen, Leiterin des Hauses, ein "Kristallisationskern für die inhaltliche Ausrichtung" und für Wolfgang Holler, Generaldirektor Museen der Klassik Stiftung, eine "wesentliche Bereicherung der musealen Sammlung."

Hermann Glöckners Nachkriegs-Œuvre entzog sich bislang weitgehend den westlichen Kriterien der Bewertung. Am ehesten noch gelingt die gebührende Einordnung des Glöckner'schen Werkes in den Kanon des 20. Jahrhunderts mit Blick auf sein von 1930 bis 1937/38 geschaffenes "Tafelwerk" bei seiner Zuordnung in die Zirkel und Genealogien der konkreten Kunst. Die programmatische Erwerbung macht indes deutlich, dass gerade Hermann Glöckner derzeit eine dynamische Neubewertung erfährt: Jüngst ablesbar ist dieser Prozess etwa an der Einbeziehung Glöckners in große internationale Ausstellungen in Los Angeles, New York oder in die von der Daimler Kunstsammlung ausgerichtete Berliner Ausstellung "Minimalism in Germany: The Sixties" (2012). Ebenso kann beispielhaft die enorme Resonanz angeführt werden, die das Werk Hermann Glöckners bei der Eröffnung des Städel-Erweiterungsbaus im Februar 2012 in Frankfurt am Main erfuhr. Eine dort an prominenter Stelle platzierte Arbeit löste im FAZ-Feuilleton gar die Erkenntnis aus, dass in der Glöckner-Rezeption "eine neue Zeitrechnung" begonnen habe.

Viele der im Konvolut erworbenen Arbeiten lenken den Blick nun auf einen bislang "unbekannten" Glöckner. Die von Wolfgang Holler präsentierte Werkgruppe macht deutlich, wie Glöckner noch in seinem Spätwerk innovative und international relevante Positionen entwickelte. Es sind vor allem die Jahre zwischen 1956 und 1969, die den Künstler, trotz oder gerade wegen seiner Isolation im Osten Deutschlands, auf die "Höhe der Zeit" einer avancierten internationalen Kunstrichtung bringen. Ohne Kenntnis der Entwicklungen einer 'minimal art' in den USA experimentiert er seit seiner endgültigen, wieder als "spät" einstufbaren Entscheidung für gegenstandslose Gestaltung im Jahre 1954 immer wieder mit "armen" Materialien: Bindfäden, Pappkartons, Zündholzschachteln, Kleiderbügel, Tageszeitungen, Verpackungen, Bruchholz und Fundstücke aller Art. In den kleinen plastischen Modellen und Kleinskulpturen der 1950er und 1960er Jahre zeigt sich, wie Dirk Welich konstatiert, eine faszinierende "Freiheit in der Beschränkung".

Dieser Wille zur Reduktion ist freilich auch systeminduziert. Glöckners Werk wurzelt angesichts der prekären Lage nonkonformer Kunst auch in den Be- dingungen der staatssozialistischen Mangelwirtschaft sowie in einer symbolisch-uneitel gegen die Posen der "Staatskünstler" gestellten Askese. Es sind jene Prinzipien, die zur Signatur eines Künstlers werden, der nach den Jahren der 'inneren Emigration' nun gleichsam auch eine materiale Opposition gegenüber den propagandistischen Idealismen des "Sozialistischen Realismus" stellt - mit seinen Wandbildern auf Meissner Porzellankacheln oder der großformatigen Pathosmalerei manchen Vertreters der "Leipziger Schule".

Als ein erhellender Kommentar dazu mag die Äußerung des Glöckner nahe stehenden Malers und Graphikers Klaus Dennhardt stehen. Dieser assistierte dem als "Meister" verehrten Ateliernachbar im Loschwitzer Künstlerhaus nicht nur bei Modellarbeiten (etwa bei der Umsetzung der einzigen umgesetzten Großplastik "Mast mit zwei Entfaltungszonen" vor der Mensa der TU Dresden), sondern beobachtete selbst im Kohlenkeller Glöckners eine künstlerische Ordnung in der Schichtung der Braunkohlebriketts, die der Jüngere dem Älteren winters in Eimern ins kalte Atelier trug. Das dieser Eindruck nicht nur als Anekdote akzeptiert werden braucht, verdeutlichen die Fotografien Werner Lieberknechts, der Glöckners Atelier, wenige Monate nach dessen Tode im Mai 1987, in mehreren Sitzungen makro- und mikroskopisch dokumentierte. Auch hier findet sich in den kleinsten, scheinbar alltäglichsten Arrangements eine transzendentale 'Ordnung der Dinge', die Hermann Glöckner zumindest im Refugium seines Ateliers gegen jedwede Formen staatlicher Willkür behauptete.

Besitzerstolz ist das eine, Bekenntnis durch Präsentation etwas anderes - auch darin geht Wolfgang Holler in Weimar voran. Die Glöckner-Skulpturen sollen nicht wie so viele andere Spitzenwerke im Depot verschwinden. Neben anderen Entdeckungen im Felde der ostdeutschen Nachkriegskunst wird das Konvolut in der großen Retrospektive zur "Kunst in der DDR" gezeigt, die zusammen mit dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung betriebenen Verbundprojekt "Bildatlas: Kunst in der DDR" ab dem 19. Oktober 2012 im Neuen Museum zu sehen sein wird.

Paul Kaiser

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.09.2012

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