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Regional Sonderschau „Wir und die Sonne“ im Hygiene-Museum
Nachrichten Kultur Regional Sonderschau „Wir und die Sonne“ im Hygiene-Museum
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19:30 27.09.2018
Einmal die Sonne anfassen – das macht, zumindest im Modell, die neue Sonderausstellung des Hygiene-Museums möglich. Quelle: dpa-Zentralbild
Dresden

Den zu Ende gegangenen Sommer hat sie geprägt. War beständig da, früh bis spät, heiß und stellenweise unerbittlich. So viel Sonne ließ hier und da schon vermuten, der Sommer würde ewig währen. Doch Ewigkeit ist ein großes Wort, das in noch weit größeren Maßstäben daheim ist. Ein Blick auf die Sonne reicht: Sie ist rund 4,6 Milliarden Jahre alt und hat noch weitere 5 bis 6 Milliarden Jahre vor sich, ist also noch nicht mal auf halbem (Lebens-)Weg. Dann aber dürfte sie zum roten Riesen werden, der auch die Erde verschwinden lassen wird, danach zum weißen Zwerg. Ein in kosmischer Umgebung eher normales Schicksal.

Eine Raumsonde mit Sondermission

Selbst wenn man nicht weiß, ob die Menschen dann schon unter einem anderen Stern leben – oder ob sie überhaupt noch existieren –, bleibt die Sonne ein zentraler Mythos unseres Lebens, ein Phänomen, über das wir so viel gar nicht wissen. Deshalb auch hat die NASA am 12. August die Raumsonde „Parker Solar Probe“ ins All geschossen. In den kommenden sieben Jahren wird sie der Sonne sieben Mal näher kommen als je zuvor, schließlich in ihre Atmosphäre eindringen und verglühen. Bis dahin aber steht Datensammlung über unser Zentralgestirn an. Und Europas Raumfahrtagentur ESA will 2020 mit eigener Mission nachlegen.

Vom Gedanken, die Sonne zu berühren, wie ihn sich die US-Raumfahrtbehörde auf die Fahnen geschrieben hat, war Catherine Nichols jedenfalls sofort angetan. Deshalb entwickelte sie als Kuratorin der neuen Sonderausstellung „shine on me – Wir und die Sonne“ im Dresdner Hygiene-Museum die Schau auch von vornherein als museale Schwestermission zum kosmischen Vorhaben. „Es ist eine faszinierende Vorstellung“, sagte sie mit Blick auf die Route der NASA-Sonde, „ähnlich wie Ikarus und Phaeton.“ Diese antiken Anleihen bei der Annäherung an die Sonne spielen dann auch im siebenteiligen (!) Ausstellungsparcours eine Rolle, der wie eine Art Umlaufbahn gehalten ist, ohne genau definierten Anfang oder Ende.

Über 400 Exponate

Vieles kommt wie immer daher in den Sonderausstellungen des Hygiene-Museums, was nicht despektierlich gemeint ist. Große Themen werden dabei so auseinandergenommen und museumskompatibel neu zusammengefügt, dass so viele Erzählebenen entstehen wie Besucher kommen. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, seine eigenen Akzente setzen. Bei Wissensausstellungen wie dieser eine Immanenz.

Natürlich wohnt der Sonne selbst ein riesiger Zauber inne. 2003 hatte Olafur Eliasson in der Tate Modern in London diese Magie ins Museum geholt. Er ließ eine künstliche Sonne in der riesigen Halle des Museums scheinen, während sich die Leute zum Sonnenbaden und Picknicken unter diesem Licht wie in einem Park einfanden, die zweite Sonne adoptierten. Eliassons „The Weather Project“ ist eins der großartigsten künstlerischen Werke dieses immer noch blutjungen Jahrtausends.

Nun muss sich aber keine Enttäuschung einstellen, weil in Dresden aus Platz- und sicher auch aus monetären Gründen eine Installation wie die Eliassons von vornherein nicht in Frage kommt. Dafür setzen die Ausstellungsmacher um Nichols auf ein Konvolut von rund 430 Exponaten, vom Stück eines 1969 über Mexiko niedergegangenen Meteoriten, der zur Geburtszeit der Sonne in deren Nähe entstand, bis hin zu Sonnengottheiten, dem Gestirn als Adressat der Anbetung – in so vielen Kulturen, dass sich der Verdacht aufdrängt, es gebe keine, die der Sonne nicht gehuldigt hätte. Aber auch da hilft die Ausstellung weiter und vermerkt an einer Stelle, dass sich die Wissenschaft uneins darüber ist, ob die ersten Einwohner Chinas und Vietnams die Sonne nun anbeteten oder nicht.

Sonne und Sexismus

Wissenschaft ist natürlich ein wichtiges Stichwort. Von der Sonne als Gottheit und Symbol geht die Reise hin zu ihrer Rolle als Energiequelle – und natürlich als Stern. Ein wunderbares Modell, in einem Raum fast so dunkel wie das All, lässt das Faszinosum der Sonne im Wortsinn aufleuchten. Und entlang der Wissenschaft werden auch noch Fragen aufgeworfen, die beispielsweise mit Sexismus zu tun haben. Die Britin Cecilia Payne-Gaposchkin wies 1925 nach, dass die Sonne zum größten Teil aus Wasserstoff und Helium besteht. Ihr Doktorvater Henry Norris Russell aber verwarf ihre Ergebnisse. Vier Jahre später veröffentlichte er selbst diese These und galt lange als ihr Urheber. Oder (und jetzt müssen die Klimawandel-Skeptiker kurz die Luft anhalten) die Amerikanerin Eunice Newton Foote: Sie hatte schon 1856 nachgewiesen, dass Kohlendioxid Einfluss auf die Erwärmung der Erdatmosphäre hat. Als Frau durfte sie aber ihre Resultate nicht öffentlich vortragen. Drei Jahre später kam der Ire John Tyndall zu ähnlichen Ergebnissen – und wird als Wegbereiter der modernen Klimaforschung gesehen.

Im Hygiene-Museum liegt die Latte bei diesen Sonderausstellungen mit einfach anmutenden, aber umso komplexer umzusetzenden Themen recht hoch. Vielleicht stellt sich auch deshalb ein wenig Enttäuschung über die Ausstellungsarchitektur ein, die bei anderen Themen (wie parallel im Haus gerade in der noch laufenden Schau „Rassismus“) umso beeindruckender wirkt. Ein Schatten, den der nächste schillernde Sonnenuntergang aber mit Leichtigkeit überblendet. Wo in jedem von uns der Romantiker erwacht – und sei es nur für einen kurzen Moment.

bis 18. August 2019, geöffnet Di-So 10-18 Uhr

Buch „Shine on Me“ + Kinderbuch, zusammen 24,90 Euro

umfangreiches Begleitprogramm

www.dhmd.de

Von Torsten Klaus

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