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So verschieden, so gut: Tu Fawning, Cold Specks und Hahn & Hauschka im CD-Tipp

So verschieden, so gut: Tu Fawning, Cold Specks und Hahn & Hauschka im CD-Tipp

Als der US-amerikanische Vierer Tu Fawning im vergangenen Jahr sein nächtliches Debüt in Dresden spielte - mitten im Schaubudensommer der Scheune war's - versprachen wir den Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Corrina Repp (Gitarre, Drums, Percussion, Gesang), Joe Haege (Gitarre, Samples, Synthesizer, Drums, Gesang), Toussaint Perrault (Trompete, Posaune, Drums, Gesang) und Lisa Rietz (Piano, Violine, Orgel, Vibraphon, Gesang) kamen aus dem "hot spot" Portland und hatten gerade die erste Welle im euphorisierten Europa hinterlassen, speziell auch in Deutschland. Tu Fawnings Debüt "Hearts On Hold" (City Slang) war im Januar 2011 erschienen, ein stacheliger Hybrid aus Gospel, Blues, Folk, Gespensterbahn und Neon. Das Konzert im Scheune-Foyer, irgendwann um eins in der Frühe, bestätigte alle unausgesprochenen Vorahnungen. Elektrisierend! Wegweisend! Von anarchischer Wucht, wie es später im Jahr nur noch Buke & Gase aus New York schaffen sollten - und das bei den vielen anderen sehr guten Konzerten in der Stadt.

Unfassbar lebendige Trommeln und Rhythmen

Fast genau zwölf Monate sind vergangen. Den enormen Schwung des Sommers nutzen Tu Fawning fürs schnelle Schreiben neuer Songs, und das Grandiose bekommt gerade sein 2.0: Auch "A Monument" (City Slang) ist in Dauerrotation gegangen. Neun Songs, die bestätigen und weiterführen, die das manifestieren, was Joe Haege folgendermaßen umschrieb: "Wir wollen mehr Texturen, mehr Tiefe". Geblieben sind diese nachgerade unfassbar lebendigen, einem indianischen Beschwörungsrítual ziemlich nahe kommenden Trommeln und Rhythmen, um die herum sich - über zackige Wechsel und Brüche - die restlichen Instrumente und Stimmen in einer komplexen Struktur ordnen. Und dennoch klingt diese Musik so selbstverständlich, so nah, dass sie einfach keine Aufwärmzeit benötigt. Das liegt natürlich an Corinna Repps Stimme, an den Chören, den Songs in den Songs, am großen Geheimnis dieser Musik, das sie immer neu verströmt. Tu Fawning versprechen nichts, was sie nicht halten könnten. Wenn das so weitergeht -

Hauschka ist ein Meister des wohlpräparierten Klaviers. Holzstäbchen und Gummiknöpsel, Knete und Tape, Muschelkettchen und Tennisbälle, Metall und Plastik lässt er auf die Saiten und Hämmerchen seines Instruments und erzeugt damit Töne, Geräusche, Sounds. Auch er kam 2011 zu seinem ersten Solokonzert nach Dresden, als Vertreter der "Liga der außergewöhnlichen (Piano-)Gentlemen". Neben Max Richter und Nils Frahm. Was im Konzert etwas zu kurz kam, geht nun in der aktuellen CD vollends auf: Die Balance zwischen reinem Pianoton und "Verstellung". Optimiert und unterstützt wird das Ansinnen durch die längst hoch gelobte klassische Geigerin Hilary Hahn. Gemeinsam schufen sie mit "Silfra" (Deutsche Grammophon) eine fragile wie nachhaltige Platte von herber Schönheit und umspannender Aura.

Silfra ist das isländische Wort für silberne Frau. Hauschka - bürgerlich: Volker Bertelmann - passt, nicht nur durch persönliche Kollaborationen, bestens ins Erscheinungsbild der so üppigen nordischen Musikkultur. Auch "Silfra" wurde auf Island eingespielt und von Valgeir Sigurdsson als Ergebnis live im Studio improvisierter Stücke produziert. Was bedeutet: Nichts ist hier nachträglich aufgebretzelt, nichts künstlich frisiert, selbst in den offensichtlichen Kontrapunkten ist nichts auf Bauernfang manipuliert. Die Stücke sind Minimal und bleiben minimal. Sie leben von Farbschwankungen, von Stakkati und Intensitätswechseln, von Schatten und reflektierendem Eis, von lyrisch-weichen Harmonien und schroffem Grat. Silfra ist ein Organismus. Silfra groovt. Silfra ist länger als die tatsächlichen 52 Minuten.

Beschwörung ohne Formel

Und dann ist einem nach Gesang. Und dann liegt "I Predict A Graceful Expulsion" (Mute) im Player. Und dann ist man - zum wievielten Male eigentlich? - gepackt, berührt, schwer getroffen. Die Platte ist das Debüt einer 23-Jährigen. Al Spx kommt aus Kanada, lebt in London, wurde ziemlich deutlich und auch nach eigenem Bekunden vom Sammeln des legendären Feld-Folk-Forschers Alan Lomax beeinflusst, vom Gospel ihrer schwarzen Vorfahren, vom Soul der alten Ladys. Soweit, so fesch. Die Songs aber, elf an der Zahl, sprechen genau diese Sprache. Mit ihnen stellt sich genau jenes Hörgefühl ein, das auch Tu Fawning auf so wunderbare Weise erzeugen: Beschwörung ohne Formel. Kescher-Wurf nach Seelen.

Eine Stimme, die nie schön und glatt und eindeutig sein will, karge Streicher, seidenmatte Gitarren, Klavier, Bläser: Kammer-Doom-Soul. Cold Specks' Parallelen als Komponistin, Interpretin und Erscheinung zur gleichsam Früh-Zwanzigerin Mirel Wagner sind spürbar. Auch in den Themen Tod, Familie, Glaube sind beide auf frappierende Weise vereint. Der Unterschied aber ist, dass die Wagner im Winter dieses Jahres noch im Dresdner Thalia auftrat, Cold Specks war zu diesem Zeitpunkt schon "weg" für kleine Veranstalter. Vorerst. Hoffentlich geht man pfleglich mit ihr um.

Tu Fawning, "A Monument" (City Slang)

Hilary Hahn & Hauschka, "Silfra" (Deutsche Grammophon)

Cold Specks, "I Predict A Graceful Expulsion" (Mute)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.07.2012

Andreas Körner

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