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„Siegfried Otello“: Heldentenor Stephen Gould im Interview

Im Interview „Siegfried Otello“: Heldentenor Stephen Gould im Interview

Eben erst war er der gefeierte Siegfried in der Wagner-Wiederaufnahme an der Semperoper, nun wird er der Otello in der Übernahme dieser Verdi-Oper von den vorjährigen Osterfestspielen Salzburg sein. Stephen Gould gilt weltweit als einer der besten Heldentenöre im Wagner-Fach. Michael Ernst sprach mit ihm.

Dorothea Röschmann singt die Desdemona und Stephen Gould den Otello in der neuen Verdi-Inszenierung in der Semperoper.

Quelle: Forster

Dresden.


Frage: Im Moment möchte man Sie ja beinahe als Siegfried Otello anreden. Wie schaffen Sie diesen Spagat zwischen Wagner und Verdi?

Stephen Gould: Wagner hat oft gesagt, seine Musik solle vom Stil her italienisch gesungen werden. Erst im „Ring“ wurde das anders. Die früheren Opern basierten auf Belcanto, aber schon nicht mehr wie bei Verdi. Verdi hat mit „Otello“ und „Falstaff“ ja auch eine neue Kunstform gegründet. Für mich sind diese Opern seine besten Arbeiten, weg von der Form Arie – Rezitativ – Arie, musikalisch wesentlich komplexer. Mein Vorteil ist, dass ich den „Otello“ schon dreimal gemacht habe. Der erste war mit Zubin Mehta in Florenz, da hat er mich an die Hand genommen, das war schon sehr mutig, mit dieser Partie in Italien zu debütieren. Aber es hat sich gezeigt, dass es eine sehr schöne Partie für mich ist. Otello ist selbst Ausländer, kann also von deutscher und italienischer Seite her gesungen werden. Die Schönheit dieser Rolle liegt in der Farbe der Stimme. Für mich war das ein guter Weg zu all meinen Wagner- und Strauss-Partien. Denn auch da ist die vokale Linie sehr wichtig.

Welcher dieser beiden Komponisten ist Ihnen mit seinem Werk persönlich näher, der tümelnde Deutsche oder Italiener des Risorgimento?

Natürlich würde ich heute sagen, es ist Wagner. Ihn zu singen, scheint mein Schicksal zu sein. Mein Favorit war immer der Tristan. Erst später habe ich die große Komplexität in seinem Werk entdeckt. Der Lohengrin ist ja noch quasi italienisch. Aber bei meinem ersten Siegfried musste ich erst einmal realisieren, dass hier eine neue Form gefragt war, stählern kraftvoll und nicht mehr weich wie Fell. Anfangs war ich ein großer Verdi-Fan. In dessen Opern gibt es so viel Shakespeare – der ganze ist ja gar nicht darstellbar –, es ist schön für mich, den im Hinterkopf zu haben.

Und bei wem fühlt sich Ihre Stimme am wohlsten?

Im Moment habe ich mein Zuhause in der Wagner-Welt gefunden. Eine große Entwicklung, denn natürlich ist niemand geborener Heldentenor. Das ist ein Prozess, der dauert ewig, ebenso wie beim hochdramatischen Sopran. Besonders deutlich wird das im „Ring“. Aber auch „Falstaff“ ist ein lebenslanges Ereignis. Erst wenn man den gesungen hat, weiß man, was man kann. In Zukunft möchte ich gern mehr in Richtung Siegmund und vielleicht auch Loge gehen.

Sie verfügen über ein enormes Spektrum vom kraftvollen Tenor bis zum warmen Bariton – hartes Training oder Naturveranlagung?

Ich glaube, es ist beides. Ich hatte immer diese Tiefe. Als ich das erste Mal einen Fachwechsel versucht hatte, haben wegen meiner guten Kopfstimme alle gedacht, ich sei ein Rossini-Tenor. Mit 23 kann man das machen, Falsett und so, später geht das nicht mehr. Deswegen bin zurück zum Bariton und von da aus zum Heldentenor. Diese Entwicklung hat mir sehr geholfen. Drei Jahre später war ich endlich so weit, nach Europa zu kommen. Dieses Fach kann man nicht in den USA lernen. Wenn man das singen will, muss man dort leben, wo diese Sprache gesprochen wird.

Was reizt einen Amerikaner, der zudem Österreichischer Kammersänger ist, die vielen Titelpartien von Wagner-Opern zu singen, die Sie im Repertoire haben?

Es war immer mein Ziel, Tristan zu singen, eine wirkliche Herausforderung. Als ich mit Partien wie Parsifal und Tannhäuser angefangen habe, war ich nicht sicher, ob ich das kann. Jetzt ist es eine wirkliche Freude, weil ich jedes Mal etwas dabei lerne! Kein Sänger möchte Angst haben, ob er mit seinem Part gut zum Ende kommt. Anfangs war Siegfried für mich sehr anstrengend. Mein Dresdner Siegfried jetzt war der 51., da weiß ich natürlich genau, was ich tun muss. Ich bin inzwischen 17 Jahre in diesem Fach und verstehe endlich auch Wagners Subtext. Sogar deutsche Kollegen fragen mich manchmal, was dies und das bedeutet. Man muss viel Schopenhauer lesen, um das zu begreifen. Bei Wagner kommt alles zusammen, Text, Subtext und Musik - da muss man ein Leben lang lernen. Die echten Wagnerianer beschäftigen sich ja permanent damit.

Zurück zu Verdi und „Otello“ – von Ihrer zweiten Produktion dieser Oper reden Sie nicht so gern?

Ach, das war hier in Dresden, da gab es musikalisch viele schöne Momente. Inzwischen bin ich an einem Punkt in meiner Karriere, dass ich absolut offen rede. Es war wirklich wunderbar, gemeinsam mit Anja Harteros zu singen. Aber ich sage auch ganz ehrlich, einmal im Leben mit der Regisseurin Frau Nemirova zu arbeiten, das ist mehr als genug für mich. Wer keinen Respekt vor Künstlern hat, übertritt für mich eine Grenze. Doch das ist nur ein Teil des Problems, nur ein Symptom der Krankheit, die sich in Europa breit macht, wo viele Regisseure lieber die eigene Meinung darstellen als das Werk des Komponisten.

Mit der Semperoper verbindet Sie eine gemeinsame Vergangenheit, wieso dauerte es so lange bis zum Wiedersehen?

Das frage ich mich auch. Damals war das ein Glücksfall für mich und, wie ich glaube, wohl auch für Dresden. Gerd Uecker hat mich in München entdeckt und hierher zu einem Residenzvertrag eingeladen. Denn hier gab es mein Repertoire Wagner und Strauss. Später bin ich wohl etwas zu teuer geworden, das ist die Wahrheit. Doch Dresden hat etwas sehr Kluges gemacht, das Ensemble vergrößert und nicht mehr so viel Gäste gebraucht. Inzwischen gibt es hier ein fantastisches Ensemble, das sehr gut gemischt ist mit Gästen. Ich singe sehr gern hier, weil die Akustik und das Repertoire stimmen.

Sie sind an den großen Häusern der Welt zu Hause, auch bei den Bayreuther Festspielen. Spüren Sie bei Christian Thielemann einen besonderen Wagner-Bezug?

Absolut. Er war der erste, der mir wirklich geholfen hat. Als wir 2004 Korngolds „Tote Stadt“ an der Deutschen Oper Berlin einstudiert haben, da hat er wohl gesehen, wie intensiv ich arbeite. Dann bin ich als Tannhäuser eingesprungen und habe unvergessliche Erfahrungen gesammelt. Inzwischen gibt’s eine sehr gute Zusammenarbeit, als ob ich weiß, was er denkt. Und umgekehrt.

Wie gelingt ihm und der Staatskapelle die Italianità des „Otello“?

Ich bin wirklich begeistert. Natürlich war ich davon ausgegangen, dass es gut wird, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so italienisch wird. Thielemann versucht, auf das einzugehen, was Verdi geschrieben hat, also weg vom Exzess. Das finde ich sehr frisch.

Aus den USA kommen derzeit beunruhigende Signale, wie empfinden Sie das als Amerikaner?

Es gibt keine Politik mehr, wir sind verloren. Wir sind noch eine Superpower, aber keine Great Nation mehr. Alles weitere ist nur eine Frage der Zeit, da bin ich pessimistisch. Also ganz realistisch. Ich habe in den USA gelebt, in Kanada und in verschiedenen Teilen Europas, nirgendwo habe ich jemanden gesehen, der eine Antwort hat. Wir müssten eine absolut neue Richtung finden! Trump ist ein Bajazzo, ein Tor, ein Symptom. Aber er ist kein Teufel, sondern nur ein Geschäftsmann. Die Politik wird damit immer weniger interessant für mich. Das hat Richard Wagner in späteren Zeiten auch gesagt und sich der Kunst gewidmet. Gott sei Dank hat er die Politik aufgegeben und uns damit die schönsten Werke geschenkt.

Von Michael Ernst

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