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Shakespeare-Abend „Searching for William“ im Dresdner Schauspielhaus

Christian Friedel und Woods of Birnam Shakespeare-Abend „Searching for William“ im Dresdner Schauspielhaus

In dem Abend „Searching for William“, der im Dresdner Schauspielhaus Premiere hatte, versuchen der Schauspieler und Musiker Christian Friedel und die Gruppe „Woods of Birnam“ dem Mythos von Shakespeare ein bisschen auf die Spur zu kommen, sich dem Autor in ausgewählten Szenen auch musikalisch anzunähern.

Christian Friedel und Woods of Birnam im Shakespeare-Abend „Searching for William“ im Dresdner Schauspielhaus.

Quelle: Klaus Gigga

Dresden. Was ist der Mensch? Wer Antworten auf diese Grundfrage des Daseins sucht, kann sich klassisch der Theologie und Philosophie oder aber auch der Psychologie sowie sonstigen Wissenschaften zuwenden. Bei dem Dichter William Shakespeare gibt es auf diese Frage nicht eine Antwort, sondern hunderte: Er zeigte nicht „den“ Menschen, sondern Verkörperungen des Menschseins in schier unfassbarer Vielfalt. Auf die Frage, was der Mensch sei, lautet Shakespeares Antwort: Der Mensch ist Iago, ein intelligenter, eifersüchtiger und sich am Missgeschick der anderen ergötzender Teufel. Er ist aber auch Othello, eine große Seele, der es an Witz gegen das Böse und an Widerstand gegen die eigene Naivität fehlt. Und er ist auch Hamlet, ein von Zweifeln geplagter und von Wissen, mehr aber noch von Intelligenz gelähmter Unterlasser. Er ist allerdings auch Macbeth, ein machiavellistischer Machtmensch. Weil Shakespeare diese und viele andere Verkörperungen des Menschseins geschaffen hat, allen voran Romeo und Julia, deren große Liebe am Unbill der eigenen Familien zerbricht, wird der englische Dichter bis heute als Maß aller Dinge angesehen, wenn es um Dramen und Dichtkunst geht.

In dem Abend „Searching for William“, der nun im Dresdner Schauspielhaus Premiere hatte, versuchen der Schauspieler und Musiker Christian Friedel und die Gruppe „Woods of Birnam“ dem Mythos von Shakespeare ein bisschen auf die Spur zu kommen, sich dem Autor in ausgewählten Szenen auch musikalisch anzunähern.

Anliegen war es, wie Friedel im Booklet der ab 20. Januar im Handel erhältlichen CD erklärt, „die Vielfalt von Shakespeares Werk neu zu entdecken und die Vielfalt von Menschlichkeit, unendlicher Neugier, Toleranz und universeller Liebe“ – und das Ganze ausgedrückt in alter englischer Sprache und moderner Musik, letztere dargeboten von Philipp Makolies (Gitarre), Uwe Pasora (Bass), Ludwig Bauer (Keyboards, Bassklarinette) und Christian Grochau (Schlagzeug). Da sämtliche Texte übertitelt werden, braucht man keine Berührungsängste zu haben, selbst dann nicht, wenn man dem VHS-Kurs „English for Runaways“ (Englisch für Fortgeschrittene) nicht mit summa cum laude bestanden hat.

Es ist überaus bemerkenswert, wie variabel die Musik ist. Mal erinnert es, nachdem der Satz „Es war Mord!“ gefallen ist, an Teutonenrock à la Rammstein, weshalb sich bei der Premiere die eine oder andere ältere Zuschauerin schon mal die Ohren zuhielt; mal wird es ganz pianissimo inniglich, mit Glockenspiel und eingespieltem Vogelgezwitscher.

Zunächst wird eine Probensituation simuliert. Friedel & Co lassen es rocken, dann scheint der Bandleader zufrieden (es besteht auch allen Grund dazu) und erklärt: „Das machen wir vielleicht als Zugabe“. Danach ist Christian Friedel im Lauf des Abends mal Macbeth, mal Hamlet, einmal auch Desdemona, der Lust nachgebend, mal wieder „ein Kleidchen tragen zu können“. Er gibt schauspielerisch alles – und weil auch Lichteffekte (Johannes Zink), Bühnenbild (Hannah Rolland und Bernd Mahnert) sowie Video-Schnipsel (Clemens Walter) bezeugen, dass bei der Gestaltung des „Show-Acts“ jemand mit Sinn für Kreativität mit Hand anlegte, darf sich der Zuschauer über ein Fest fürs Auge freuen. Da wabert der Nebel, wähnt man sich angesichts der Kulisse im Wald von Birnam, glaubt, dass Kälte und Nässe durch alle Ritzen kriechen. Dazu kracht die Musik, es wirkt fast wie Theaterdonner, der metaphorisch das Innenleben der Figuren spiegelt. Friedel deklamiert nicht wie weiland der große Mime Sir Laurence Olivier, der mal auf einem Videoclip als Hamlet zu sehen ist, sondern geht emphatisch aus sich heraus. Einmal ist er auch so frei, sich eine Albernheit zu leisten: Er verbuchselt die Wechstaben und klärt dann das glucksende Publikum auf: „Das ist noch nicht mal Englisch!“

Auf allzu dünnen Eis bewegt sich der Abend allerdings, wenn in einem Video-Clip paradierende Soldaten diverser Armeen mehr oder minder vorgeführt und über einen Kamm geschoren werden. Wehrmacht und Bundeswehr, US-Army und Koreanische Volksarmee – echt alles eins? Man kann durchaus in die Klage Hamlets darüber einstimmen, dass „Tag für Tag Geschütz(e) gegossen und in der Fremde Kriegsgerät gekauft“ wird, aber man soll sich nicht der naiven Illusion hingeben, dem Dritten Reich oder dem auch ganze Volksgruppen ausradieren wollenden Islamischen Staat wäre mit Sit-ins und Kuschelpädagogik beizukommen (gewesen). Der Tyrann Macbeth stürzt, weil sich die als unerfüllbar angesehene Prophezeiung dreier Hexen erfüllt: der Wald von Birnam kommt nach Dunsinane.

Und ja, Hamlets Überzeugung „Something is rotten“, etwas sei faul im State Dänemark, kommt richtig schmissig rüber, aber mit dem pauschalen Vorwurf, das System, der Staat, die Gesellschaft, seien verrottet und müssten erneuert werden, sind derzeit Rechts- wie Linkspopulisten ungemein erfolgreich bei Wahlen – ist es also ketzerisch zu fragen, ob Hamlet ein geistiger Ahnherr einschlägiger selbsternannter Weltverbesserer ist, seine Aussage vielleicht Masche, ja Lüge ist?

In die Nacht entlassen werden die Besucher mit der aus Shakespeares Drama „Heinrich IV“ entnommenen und auf den Theatervorhang projizierten Botschaft: „Des Lebens Zeit ist kurz; Die Kürze schlecht zu verbringen, wär’ zu lang.“ Es dürfte kaum einer im Saal gewesen sein, der die zweieinhalbstündige Vorstellung als zu lang empfand. Ganz im Gegenteil.

Nächste Vorstellungen: 1., 6. & 20. Januar, jeweils 20 Uhr, Schauspielhaus

Von Christian Ruf

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