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Regional Sexismus und Trash auf der TU-Bühne
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12:40 16.07.2018
Kaya Holzmeyer und Jonathan Probst in „Tot und verdammt in Bad Blumenborn“ an der TU-Bühne. Quelle: Foto: Maximilian Helm
Dresden

Da ist was los in Bad Blumenborn, einer fiktiven Kleinstadt in der katholischen Provinz, vermutlich im Nordwesten der Republik, irgendwo in Westfalen oder Niedersachsen, wobei keiner weiß, woher der Kurortstatus stammt. Der Bürgermeister (Hannes Knieschewski) will lieber als Opposition in den Kreistag, der stets plappernde Tageblatt-Chefredakteur (Valentin Reichert) langweilt sich am eigenen Gerede und bildet mit dem Arzt (Julian Echterhoff) ein geiles Duo, das sich gemeinsam Gespielinnen leistet und nahezu alle Damen des Ortes intim kennt. Noch im Boot der lokalen Gestalter: Matthias Held als greller Aufsteiger Herr Blockenried, der sich mit Frau Schlattke eine karrieregeile Assistentin hält und hier kräftig investiert: Er kauft Laden wie Leute.

Regisseur Sascha Hermeth lässt schon zum Einlass Eierlikör ausschenken, obwohl Absinth nottäte beim Motto „Hauptsache Uraufführung“. Denn was die Netzpräsenz der gastlichen TU-Studentenbühne am Weberplatz verschweigt, ist die Provenienz des Autors Loil Neidhöfer (Jahrgang 1947), der in Hamburg lebe und nicht nur als Autor und Regisseur, sondern auch als Psychologe und Gestalt- und Körpertherapeut arbeite. Das liest man erst schaudernd vor Ort auf dem Beipackzettel zur Uraufführung von „Tot und verdammt in Bad Blumenborn“ – und dazu dessen Eigenbeschreibung: Er leiste „dilettantische Theaterarbeit“ und habe in den vergangenen zehn Jahren mit dem „Streaming Theatre Hamburg“ ein „unvergleichbares Werk an Theatertexten und Inszenierungen in professionellen Theatern und im Ausland hervorgebracht.“ Wortwörtlich steht da: „Seine Stücke zeichnen sich sowohl durch die Authentizität der Erfahrungsnarrative von Menschen in psychischen Notlagen als auch durch ihre beckettsche Bild- und Sprachvirtuosität aus.“ Daher also nun die TU-Bühne? Aber es stimmt: Denn vergleichbares an sexistischem und klischeehaftem Trash hat man zumindest in Dresden noch nicht gesehen.

Wie beim botanischen Sommergarten-Shakespeare von einem Jahr, als der zum Jahresende scheidende TU-Bühnenleiter Matthias Spaniel „Wie es Euch gefällt“ als recht undynamische Groteske zum Abschluss der 60. Bühnenspielzeit anbot, durften sich wieder die TU-Architektur-Studenten im Fach „Szenischer Raum“ unter Leitung von Professor Ralf Weber am Bühnenbild als Seminararbeit probieren. Sie schufen diesmal ein schwarzes Wohnregal mit verschiedenen Räumlichkeiten in zwei Spielebenen, die – passend zum Sujet – wild und bunt mit Utensilien bestückt werden – egal, ob benötigt oder nicht.

So ein Terrarium für die Esoterikerin Dolorosa (Franca Ledermann), in dem eine Gummischlange wohnt, oder eine Kuschelecke für das vom Bruder missbrauchte, hochschwangere und minderbemittelte Töchterlein (Luzie Stuhrhahn) der Krauses, dessen prolliges Oberhaupt – von Markus König beeindruckend gespielt – mehrfach androht, per Hochhaussprung zu scheiden, nachdem seine Frau (Josephine Behrens) am Katzenfutter (oder Krebs) plötzlich verendet. Auch gut gespielt: Sein Junior (Jonathan Probst), der nur vermeintlich naiv alle mit einer uralten Kamera knipst, aber beim entscheidenden Kussversuch mit einer Jugendliebe (einzige Szene mit Empathie), einem Sexsternchen, scheitert, weil er an einer Hundeleine hängt – und darob die dafür zuständige Frau Schlattke (Nadin Rößler) ordentlich messermeuchelt und als schöne Leiche tageblattgerecht zubereitet. Ansonsten wird gepöbelt, gepoppt und gesoffen – die Provinzkleinstadt als zukunftsfreie Zone. Oder: als Loch des Universums. Das Schlimme daran: Man bedauert als Zuschauer weder Ab- noch Lebende – und hofft insgeheim, aber aufrichtig auf den Pseudo-Terroristen (Dominic Jarmer) und dessen erweiterten Selbstmord als Happy End. Aber auch das versagt uns das Stück. Den dieser, als „Der junge Herr“ beschrieben, nimmt sich lieber das 28-jährige Busenwunder (Kaya Holzmeyer) zur Brust und verpisst sich mit ihr. Das Gemeinste am Bühnenbild: Es ist so gebaut, dass keiner das Stück eher verlassen kann, weil man durch die Szene müsste.

Anders als vier Wochen zuvor, als bei „Explodiert“ (wie hier meist) noch ein echtes Konzept und fassbares Theater geboten wurden, verlässt man hier den Raum nach unendlichen anderthalb Stunden kopfschüttelnd und freut sich am restlichen Dresdner Abendsonnenschein. Und denkt angesichts des Klemperer-Saals, auf dessen ehemaliger Bühne sich das Drama abspielte, sofort über mögliche Alternativspielorte für diesen reinen Sexismus-Trash ohne jede Witzigkeit nach, der wirklich schlecht zur Aura pädagogischer Lehrräume einer Exzellenzuni passt.

Vielleicht näher in der Realitätswelt des Autors? Oder bei jenen Milieus, die hier karikiert werden sollen? Doch dafür eignet sich Dresden nicht gut: In Prohlis ist schon das Soci zugange und in Gorbitz geht es weitaus bunter und zivilisierter zu. Für einen Test, wie nah man am Leben da draußen dran ist, hilft sicher eine Tournee, die würde sogar derzeit (just bis zum Weltfriedenstag 2019) garantiert per „So geht sächsisch...“ gefördert.

nächste Vorstellungen: 13. & 14. Juli, je 20.15 Uhr

www.die-buehne.tu-dresden.de

Von Andreas Herrmann

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