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Seit 18 Jahren heißt Domenico Lucano Flüchtlinge in Riace willkomme

Dresden-Preis 2017: Seit 18 Jahren heißt Domenico Lucano Flüchtlinge in Riace willkomme

Seit 18 Jahren heißt der kalabrische Bürgermeister Domenico Lucano Flüchtlinge in Riace willkommen – und zwar ganz ohne Obergrenze.


Quelle: Oliver Killig

Dresden. Als wäre die Welt geschrumpft auf die Größe eines Dorfplatzes. Kleiner als ein Viertelfußballfeld, drei Palmen, ein Dutzend Tische, eine Pergola, fünf Schilfschirme, eine Bar mit Saloonterrasse. Hinten sitzen italienische Männer, trinken Bier aus der Flasche und spielen Karten. Vorn über den Platz läuft ein großes schönes Mädchen. Sie kommt aus Nigeria, trägt ein schmales kurzes Glitzerkleid und den Kopf mit dem straff nach hinten gekämmten Haar sehr aufrecht. Sie schreitet, als ginge sie über einen Laufsteg in Paris und nicht über das holprige Pflaster eines winzigen kalabrischen Dorfes hoch über einer von der Hitze ermatteten Landschaft. Ihr entgegen kommt eine Frau aus Somalia in bodenlangem Kleid mit buntem Kopftuch, auf ihrem Rücken schläft ein Säugling. Zwei Mädchen aus Syrien und Pakistan fegen zwischen Tischen hindurch, an denen junge Männer aus Äthiopien und Eritrea mit abenteuerlichen Frisuren sitzen. Dazwischen ein paar Spanier. Ein Kurde schwatzt vor der Bar in selbstverständlichem Italienisch mit einem Kalabresen. Eine feine weißhaarige Dame aus einer der angesehensten Familien Mailands geht von Tisch zu Tisch, sie kennt jeden hier. Und gegenüber vor dem Rathaus von Riace lehnt ein eleganter älterer Italiener in leichtem Sommeranzug und weißem Hemd lässig an der Mauer und schaut einfach nur zu.

Einer fehlt, der Bürgermeister. Und doch sind alle hier, um ihn zu sehen. Alessio hat einen großen Flatscreen vor seine Bar gestellt. Live übertragen wird die bekannteste Polittalkshow des italienischen Fernsehens. Der Moderator kündigt Domenico Lucano an. Oben über den Bildschirm läuft eine Schlagzeile: Riace, 1800 Einwohner, davon 550 Migranten. Und der Gast in Jeans und rotem Poloshirt sagt den Millionen an den Bildschirmen: „Was wir tun, ist doch etwas ganz Normales.“

Als normal gilt gemeinhin das Übliche. Und Übliches macht selten Schlagzeilen. Die und mehr suchen aber nahezu täglich Journalisten aus aller Welt in diesem Bergdorf. Die Spanier, die an diesem Abend auf dem Dorfplatz sitzen, gehören zu einem Fernsehteam, das einen einstündigen Film über Riace dreht, das Dorf des Willkommens, wie es auf dem Orteingangsschild steht. Hunderte Journalisten streiften in den vergangenen Jahren bereits staunend durch die schmalen, steilen Gassen und schrieben danach Überschriften wie „Das gallische Dorf“ oder „Utopia in Kalabrien“. In Zeiten der geschlossenen Türen, der Quotendiskussionen, der Mauer- und Zäunebauer in einen Ort zu kommen, in dem seit fast zwanzig Jahren Arme und Türen weit geöffnet sind für Flüchtlinge, erscheint tatsächlich wie nicht von dieser Welt.

Alles begann als ganz gewöhnliche kalabrische Geschichte aus Armut, Arbeitslosigkeit und Abwanderung. Auch Riace leerte sich über Jahrzehnte auf langsame, aber so stetige Weise, dass man nicht einmal mehr einen Rechenschieber brauchte, um das Ende abzusehen. Die Rettung kam von jenen, die selbst der Rettung bedurften. An einem frühen Julimorgen des Jahres 1998 landete ein Boot mit kurdischen Flüchtlingen vor Riace. Der damalige Chemielehrer Domenico Lucano eilte mit anderen Dorfbewohnern zum Strand und kümmerte sich um die von der beschwerlichen und gefährlichen Flucht erschöpften Menschen. Es waren die ersten, die sie in den verlassenen Häusern des Dorfes unterbrachten, das sich schon zur Aufgabe bereitmachte: keine Bar mehr im Ort, kein Restaurant, kein Laden, die Schule kurz vor der Schließung, die Hälfte der Fenster mit Brettern zugenagelt. Und da hatte Domenico Lucano diese Idee: Warum sich nicht gegenseitig retten?

1999 gründete Lucano mit Freunden „Citta Futura“, um seine Idee zu verwirklichen. Der Verein habe damals ein Darlehen aufnehmen können, das war der Anfang, erklärt er. Angesichts der Größe der Aufgabe wartet nun die Zuhörerin auf die Nennung einer großen Summe. Aber Lucano sagt, und er sagt es stolz: „Es waren 50 000.“ Damit begannen sie, die leeren, halb verfallenen kleinen Häuser des mittelalterlichen Dorfes instand zu setzen, um darin Flüchtlinge unterzubringen. „Wir haben schon 150 Häuser wieder aufgebaut“, sagt er 17 Jahre später stolz. Lucano wurde 2004 ein erstes Mal zum Bürgermeister gewählt. Er gehörte keiner Partei an und startete mit einer eigenen Liste: Ein anderes Riace. Das wurde es tatsächlich. Ein anderes Riace als Modell für eine andere Welt. Als neuer Bürgermeister kämpfte Lucano um eine Sondergenehmigung, Flüchtlinge unbürokratisch aufnehmen zu können. Er bekam sie, und Beihilfen für jeden Flüchtling.

Das Geld wird verwendet für die Sanierung von Häusern, für die Schule, für den Kindergarten, für die Werkstätten, in denen Migranten und Einheimische zusammenarbeiten. Und für das Taschengeld, von dem die Flüchtlinge einen Teil in „Riace-Geld“ ausbezahlt bekommen, Lebensmittelgutscheine, die sie in den örtlichen Geschäften einlösen können. Die Scheine, hergestellt auf dem Farbdrucker, sehen aus wie sehr buntes Spielgeld, nur mit einer ganz besonderen Note. Der Bürgermeister, der auch diese Idee hatte, druckte seine Helden auf die Geldscheine: Che Guevara, Nelson Mandela, Martin Luther King, Rosa Parks. Alles Revolutionäre, die entgegen aller Prophezeiungen ihres Misserfolgs scheinbar aussichtslose Kämpfe doch ausgefochten haben. Und da ist noch Wim Wenders, auch sein Porträt prangt auf dem Riace-Geld. Der deutsche Regisseur drehte 2012 einen Film über Riace. Danach sagte er diesen Satz, der seither oft wiederholt wird, wenn von Lucanos Projekt die Rede ist: „Die wahre Utopie ist nicht der Fall der Berliner Mauer, sondern das Zusammenleben der Menschen in Riace.“

Hinter Lucanos Stuhl im Büro der Citta Futura hängt ein handgemaltes Porträt von Che Guevara, das Mobiliar des Büros ist zusammengewürfelt, an der Decke bröckelt die Farbe, einige der Bodenfliesen sind lose. Der 58-Jährige, der viel jünger aussieht, kaum Grau im schwarzen Haar, spricht schnell. Immer wieder sind die Arme in der Luft, um die Größe eines Gedankens zu unterstreichen oder einen Zweifel wegzuwedeln. Seine Begeisterung hat sich auch in fast zwei Jahrzehnten nicht abgenutzt. Er spricht mit einer Eindringlichkeit, als müsste er die ganze Welt überzeugen. Davon, was er die Utopie des Normalen nennt. „Es ist doch normal, dass man Menschen aufnimmt, die Hilfe brauchen. Und dass man zusammenlebt ohne Vorurteile, ohne Hintergedanken“, sagt er. Er ist kein Träumer, ein Idealist schon.

Während unseres Gesprächs in seinem Büro kommt eine Somalierin in den Raum und bringt ihm einen mit einem Tuch bedeckten Teller. Es sind Süßigkeiten zur Feier des Endes vom Ramadan. Rawda arbeitet in einer Weberei. Sie hat sechs Kinder und sagt: „Ich lebe gern hier und möchte bleiben. Die Kinder fühlen sich wohl, ich habe Arbeit und ein Haus. Es ist ein ruhiger Ort.“

In einer Werkstatt des Ortes stellt Fsaha aus Äthiopien wunderschöne filigrane bemalte Blechfiguren her. Nach seinem Traum von einem Leben in Europa befragt, sagt er: „Ich habe diese Arbeit, Aufenthaltspapiere für fünf Jahre und ein Haus. Was will ich mehr? Mein Traum ist erfüllt.“

Manchem der Jungen reicht das nicht. Auch Träume sind global geworden. Die 19-jährige Amina, das Mädchen im Glitzerkleid, sagt, ihr Traum sei es, Model zu werden. Schön genug ist sie. Aber Scouts finden nicht den Weg bis auf diesen kalabrischen Hügel. Es sei langweilig hier, sagt sie, nur essen und schlafen, schlafen und essen. Riace ist anders, aber ein Paradies ist es auch nicht. Nicht für jeden gibt es Arbeit in den Werkstätten, auf den Olivenplantagen, in den Gärten, bei der Sanierung der Häuser. Arbeit bleibt das Problem auch hier. Deshalb ziehen viele weiter, wenn ihr Asylantrag genehmigt ist. Aber zuvor sind sie einer der besten Seiten begegnet, die Europa im Umgang mit Flüchtlingen derzeit zu bieten hat. Stella aus Ghana erklärt, weshalb sie in dem kleinen Ort bleiben möchte: „In Riace behandeln sie uns wie ihresgleichen.“

Inzwischen ist das Modell Riace in der großen italienischen Politik angekommen. Immer öfter werden Flüchtlinge nicht in triste Aufnahmelager, sondern in kleine Dörfer wie das kalabrische geschickt. Auch EU-Politiker waren schon da, um sich das „Versuchslabor“ zur menschenwürdigen Integration von Flüchtlingen anzuschauen. Und in einer Woche wird Lucano auf Wunsch des Papstes an einer Tagung europäischer Bürgermeister im Vatikan teilnehmen.

Viele sprechen über „Das Wunder von Riace“. Aber vielleicht ist dies das falsche Wort. Weil Wunder bekanntlich vom Himmel fallen und nicht von Ideen dazu genötigt werden müssen. Aber es sind die Ideen, die das Riace-Projekt ausmachen. Zuerst die Idee, die verlassenen Häuser für Migranten wieder bewohnbar zu machen, dann die Idee der Werkstätten und auch jene der Mülltrennung. Nicht üblich in Kalabrien, aber sie bietet Arbeit für sieben Migranten und vier Einheimische. Keine ungefährliche Idee, denn die illegale Müllentsorgung ist eine der Haupteinnahmequellen der kalabrischen ’Ndrangheta, die als die gefährlichste und brutalste Mafia Italiens gilt. In den Siebzigern hielt sie in den Bergen, eine Autostunde von Riace entfernt, über die Jahre hunderte Entführungsopfer gefangen, um Lösegeld zu erpressen. Eine junge italienische Frau, die in einer der Werkstätten von Riace arbeitet, hat als Kind mit ansehen müssen, wie die Mafia ihren Vater getötet hat. Sie hat sich nie davon erholt. Und immer wieder und in jüngster Zeit immer mehr setzt die „Familie“ vor allem Bürgermeister unter Druck, weil sie jene sind, die öffentliche Aufträge zu verteilen haben. Lucano erzählt, vor ein paar Jahren, als er in Riace in einem Restaurant saß, wurde durch ein Fenster geschossen. Sie haben zurückgeschlagen, mit ihren Mitteln. Jetzt umkreisen viele kleine bunte Fingermalfarbenhände die Einschusslöcher.

Lemlem kommt aus Eritrea und ist bereits seit zwölf Jahren in Riace. Sie arbeitet bei der Citta Futura als Übersetzerin. Riace ist Heimat geworden für sie und ihre zwei Söhne. „Solange Domenico da ist, ist alles gut“, sagt sie. „Aber wir wissen nicht, was danach wird.“ Lucano wurde bereits drei Mal zum Bürgermeister gewählt. Ein Beweis dafür, dass die Bevölkerung hinter seiner Flüchtlingspolitik steht. Ein viertes Mal kann er laut Wahlgesetz nicht antreten. In knapp drei Jahren ist Schluss. Aber bis dahin nutzt Mimmo, wie er von allen genannt wird, jede Möglichkeit, dafür zu werben, dass Riace Schule macht. Wer ihn ein paar Tage lang beobachtet, fragt sich, wie er das alles schafft. Nach einem langen Arbeitstag führt er eine Gruppe Franzosen durch den Ort. Die erleben einen Mann, der nicht nur einen Job, sondern eine Passion hat. Er spricht feurig, lacht oft. Rennt immer voran durch das, was er das „globale Dorf“ nennt. Und seine Begeisterung, mit der er die kleinen Werkstätten, das wieder eröffnete Restaurant, die vielen bunten Wandbilder, den Garten der Biodiversität und den Spielplatz mit der großen regenbogenfarbenen Treppe vorführt, ist wie ein Filter, der das noch Fragmentarische und manchmal Ärmliche wegretuschiert. Einer der Franzosen sagt danach: „Ich komme mir vor wie in Utopia.“ Und ein anderer entgegnet ihm: „Nein, das ist die Realität.“ Später sitzt der Bürgermeister ganz hinten auf dem Dorfplatz, während die anderen Fußball schauen. Immer wieder fallen ihm die Augen zu. Es kostet Kraft, Domenico Lucano zu sein.

Im April wählte die renommierte amerikanische Zeitschrift „Fortune“ ihn als einen der „50 greatest leaders of the world“ – neben dem Papst und anderen, die immer dabei sind. Einen ehemaligen Dorfschullehrer mit einer großen Idee. Um einen Vergleich zu finden, müsste man viele Schubläden aufziehen, in die er dann doch nicht passte. Wegen der vermeintlichen Unmöglichkeit seiner Mission schleicht sich eine groß anmutende Assoziation in den Kopf. Don Quichotte, der sich sicher war, es mit Riesen aufnehmen zu können, selbst wenn es nur Windmühlenflügel waren. Aber vielleicht schafft es ja Domenico, der am 12. Februar 2017 mit dem 8. Dresden-Preis geehrt wird, die Flügel anzuhalten. Was bereits für einen Augenblick gelungen ist, in dem die Welt auf diesen winzigen, fast verlorenen Ort schaut und erkennt, es kann auch ganz anders gehen.

Von Heidrun Hannusch

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