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Seismographische Schwingungen mit Vladimir Jurowski

6. Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Seismographische Schwingungen mit Vladimir Jurowski

Mit Pendereckis Oper „Die Teufel von Loudon“ debütierte der russische Dirigent Vladimir Jurowski im Jahr 2002 an der Dresdner Semperoper und kehrt seit über einem Jahrzehnt regelmäßig als Gast der Sächsischen Staatskapelle zurück. Er ist außerdem ein Garant für außergewöhnliche Programme und Werkfolgen.

Mit Pendereckis Oper „Die Teufel von Loudon“ debütierte der russische Dirigent Vladimir Jurowski im Jahr 2002 an der Dresdner Semperoper

Quelle: Matthias Creutziger

Dresden. Mit Pendereckis Oper „Die Teufel von Loudon“ debütierte der russische Dirigent Vladimir Jurowski im Jahr 2002 an der Dresdner Semperoper und kehrt seit über einem Jahrzehnt regelmäßig als Gast der Sächsischen Staatskapelle zurück. Er ist außerdem ein Garant für außergewöhnliche Programme und Werkfolgen, so auch im 6. Sinfoniekonzert am Sonntag sowie am 9. und 10. Januar, über das er mit Alexander Keuk sprach.

Frage: Ihre Besuche bei der Sächsischen Staatskapelle sind zahlreich - wie kam diese Partnerschaft zustande und wie ist die Beziehung heute?

Vladimir Jurowski: Ich komme sehr gerne hierher, sonst wäre ich sicher nicht so oft hier. Ich war ja mit dem London Philharmonic Orchestra und dem Russischen Staatsorchester fest liiert, da bleibt nur wenig Zeit für Gastdirigate - Dresden allerdings ist für mich seit Jahren ein absolutes Muss, am liebsten mindestens einmal pro Spielzeit. Ich finde, dass wir uns in den Jahren der Zusammenarbeit - und da beziehe ich meine Studentenzeit in Dresden ein, wo ich schon hospitieren durfte - sehr gut kennengelernt haben, sowohl musikalisch als auch persönlich.

Ist diese Beziehung auch der Grund, warum Sie nun ein doch sehr besonderes Programm ausschließlich mit Musik aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts mit dem Orchester erarbeiten?

Ja, so ein Programm kann man nur zu einem Orchester mitnehmen, das man absolut kennt. Es muss ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis vorhanden sein. Das Programm ist schwer und bis auf Leoš Janáček so gut wie unbekannt.

Obwohl nicht alle Komponisten des Programms Tschechen sind, haben sie alle in den 1920er und 1930er Jahren in Prag komponiert, dirigiert und das tschechische Musikleben massgeblich beeinflusst…

Genau, und deswegen finde ich es auch sehr wichtig, dass wir diese Musik nun in einer Stadt spielen, die in unmittelbarer geografischer und kultureller Nähe zu Prag liegt. Ein weiterer Faden des Programms ist der der Vertreibung, des Exils: Erwin Schulhoff ist einem Internierungslager gestorben, Zemlinsky musste Wien 1938 nach dem „Anschluss“ verlassen - seine Sinfonietta ist sein letztes in Europa geschriebenes Werk. Auch Bohuslav Martinů ging - von Paris aus - ins Exil in die USA. Janáček war ja bereits 1928 gestorben, er ist der älteste der vier Komponisten in diesem Konzert, aber einer der Urväter der tschechischen Musik des 20. Jahrhunderts. Ebenso wichtig ist wiederum Alexander von Zemlinsky in seiner Rolle im Aufkommen der 2. Wiener Schule.

Sicherlich nimmt Janáček ja hier eine Sonderstellung ein? Wie nah sind sich die Stücke, die ja gerade einmal in einem Zeitraum von acht Jahren entstanden sind?

Die Unterschiede sind enorm, aber es gibt auch zwischen allen Werken Gemeinsamkeiten zu entdecken. Es ist faszinierend, welche höchst unterschiedlichen Musikpersönlichkeiten in Prag aktiv waren - ich nenne nur Dvořák, Smetana, Suk, Mahler... Janáček war Prag ja nie ganz geheuer, er stammte aus Brno, aber er wusste in späterer Zeit durchaus um die Bedeutung, in Prag Erfolg zu haben. Die spätere Komponistengeneration war nicht mehr so national orientiert, Schulhoff war am Jazz interessiert und sehr experimentell ausgerichtet, Martinů war da ebenso offen, aber mehr neoklassizistisch und traditioneller orientiert.

Dennoch spürt man in diesen Werken - Janáček ausgenommen, dessen Bezüge auch weit in die Volksmusik seines Landes reichen - eine Spiegelung der Lebensumstände, auch der politischen Zustände dieser Zeit?

Ja, das ist etwa im 2. Satz von Martinůs Konzert sehr offensichtlich, da ist eine düstere Vorahnung zu merken, die vielen Kompositionen dieser Zeit zu eigen ist. Eigentlich hatten die Komponisten keine konkrete Ahnung, was da kommen würde, aber sie waren wie Seismographen. Man hört diese feinen Schwingungen trotzdem. Nehmen Sie auch die Wiener Literatur dieser Jahre, sie ist auch von einer Art Todessehnsucht durchtrunken. Es ist eine Art Zwischenzeit. Alle vier Stücke des Konzerts beginnen und enden übrigens in Dur. Allerdings kauft man das nur Janáček ab, der war 72 Jahre alt, aber im Geiste der jüngste von allen - ein unerschütterlicher Optimist. Bei den anderen klingt dieses Dur ganz anders - Zemlinsky hatte bewegte Lebensumstände und neigte zu Selbstzweifeln und Depressionen. Da klingt die Musik dann grotesk oder gezwungen, wenn der Komponist fröhlich sein will.

Schulhoff und Martinů werden im Konzert mit Werken für Streichquartett und Orchester vorgestellt, eine äußerst selten anzutreffende Kombination…

Richtig, es gibt noch Werke von Elgar, Weinberg und Lachenmann, aber nicht viel mehr. Schulhoffs Konzert entstand für den Rundfunk und gibt sich sehr experimentierfreudig - allein die Idee, das Streichquartett mit einem Blasorchester zusammenzuführen, ist wunderbar. Martinů verfolgt in seinem Konzert eher eine traditionelle concerto grosso-Idee, bei dem ein kleines Ensemble mit einem großen dialogisiert. Martinů schreibt eine originale Musik, die nach barocken Vorbildern klingt - mit Ausnahme des düsteren 2. Satzes.

Wie erzählen Sie diese Zusammenhänge den Musikern, die ja diese Werke auch zum Teil zum ersten Mal spielen?

Vieles muss man gar nicht erzählen, manches kann man in Bildern ausdrücken oder einen Vergleich bringen. In der Probe heute erschien mir eine Stelle bei Janáček etwas zu zahm und friedlich, da habe ich gesagt „Spielen Sie es wie die Polka aus der ‚Verkauften Braut‘“ - ein Opernorchester wie die Staatskapelle weiß dann sofort intuitiv, wie es die Stelle zu spielen hat. Bei Janáček etwa gibt es zig Varianten, wie man das Stück spielen kann, und es gibt sicher keine exakt richtige, also muss ich meine Vorstellung gut vermitteln.

Eine Sinfonietta ist ja eigentlich eine kleine oder eine kurze Sinfonie, bewahrheitet sich diese Definition eigentlich?

Nein, Janáčeks Sinfonietta hat ja 5 Sätze und eine außergewöhnlich große Orchesterbesetzung. Und was ist das für eine scheinbar unausgewogene Besetzung mit gleich vier Flöten, aber nur zwei Oboen, dann aber die 12 Trompeten, was macht er da eigentlich? Das ist ein völlig neuer Stil! Obwohl er der älteste von allen Komponisten im Programm ist, sind die anderen sind klassischer orientiert in der Form und auch in der Motivik. Die Aspekte der Syntax bei Janáček sind an kein klassisches Paradigma gebunden, man denkt doch fast an Minimal Music bei seinen Motiventwicklungen und kleinen Formen! Janáček war für viele moderne Künstler und auch Schriftsteller wie etwa Milan Kundera ein Vorbild, ein Vorposten der neuen Kunst.

Sie leben in Berlin, London und Moskau und leiten zudem das renommierte Enescu-Festival in Bukarest. Es liegen musikalische und kulturelle Welten dazwischen, wie schaffen Sie die Übergänge und an welchem Ort fühlen Sie sich zu Hause?

Mein Lebensmittelpunkt liegt in Berlin, aber natürlich bin ich viel unterwegs. Man dehydriert manchmal, ich muss ziemlich viel Wasser trinken, damit ich weiß, wo ich gerade bin. Aber ich bin glaube ich von Natur aus ein Überläufer, das liegt mir nahe. Bis zu meinem 18. Lebensjahr war ich nur in Moskau, dann sind wir ja mit den Eltern ausgereist und ich habe in Dresden und Berlin studiert. Es wurde dann immer natürlicher für mich, mir Kulturen und Sprachen selbstverständlich anzueignen. Denken Sie einmal Artur Rubinstein, Yehudi Menuhin, Carlos Kleiber, Daniel Barenboim. Sie sind alle in der Sprache der Musik zu Hause, egal, in welchem Land sie sich gerade befinden und sie verbanden und verbinden die Kulturen und Sprachen mit ihrem Schaffen. Bei Komponisten ist das vielleicht anders als bei Interpreten, sie brauchen eher diese Verwurzelung einer Basis.

Welche Rolle spielt Russland für Sie in diesem Zusammenhang?

Ich bin mir meiner russischen Wurzeln sehr bewusst und ich werde auch immer wieder in dieses Land gehen und dort dirigieren, so es mir möglich ist. Der Dirigent Ivan Fischer sagte einmal über seine Heimat Ungarn: „Ein Land ist wie ein Mensch. Manchmal ist ein Mensch krank. Dann bringst du ihm warmen Tee mit Honig.“ Du läßt den Menschen auf jeden Fall nicht allein.

6. Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Zemlinsky: Sinfonietta, Schulhoff: Konzert für Streichquartett und Blasorchester, Martinů: Konzert für Streichquartett und Orchester, Janáček: Sinfonietta
Solisten: Borodin Quartett mit Ruben Aharonian Violine I, Sergei Lomovsky Violine II, Igor Naidin Viola, Vladimir Balshin Violoncello / Dirigent: Vladimir Jurowski. 8.1., 11 Uhr, sowie 9. und 10.1. jeweils 20 Uhr, Semperoper

Von Alexander Keuk

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