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Regional Sehr gegenwärtige „Csárdásfürstin“
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19:46 01.07.2018
„Die Csárdásfürstin“ mit Elvira Hasanagić (Sylva) und Daniel Szeili (Edwin) sowie dem Ballett des Hauses. Quelle: Stephan Floß
Dresden

„Die Csárdasfürstin“ in Dresden? Da war doch mal was. Natürlich, Peter Konwitschnys streitbare Inszenierung 1999 an der Semperoper, die dann auch bald abgesetzt werden musste, weil umstrittene Szenen entfernt wurden, der Regisseur erfolgreich dagegen klagte und Recht bekam. Dabei war Konwitschny eigentlich ganz logisch davon ausgegangen, dass dieses vergnügungssüchtige Stück nicht nur 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, in Wien, uraufgeführt wurde, sondern auch zu Beginn des Krieges in Budapest und Wien spielt. Und alles, was in der bei genauem Hinhören ganz und gar nicht vordergründigen Musik von Emmerich Kálmán mit ihrer sensiblen Empfindsamkeit, trügerischer Walzerseligkeit und leidenschaftlichen Csárdasklängen seiner ungarischen Heimat dazu führt, vor all dem davon zu tanzen, was sich schon an grausigem Elend auf den Schlachtfeldern und in den Schützengräben des Weltkriegs abspielte. Die Deutlichkeit der Inszenierung mit verwundeten Soldaten, einem kopflos umherirrenden Menschen, erregte damals die Gemüter in Dresden und setzt dennoch in der Erinnerung Maßstäbe, wenn es darum geht, auch im unterhaltenden Genre ein Werk zu verorten.

Die Neuinszenierung an der Staatsoperette von Axel Köhler spielt in Wien, in der Gegenwart, mit Handys, DVDs usw. Zunächst daher auch nicht wie im Original im Budapester Kabarett Orpheum mit der rumänischen Varieté-Sängerin Sylva Varescu als Star, sondern hier wickelt die Sopranistin Elvira Hasanagić in dieser Rolle mit Gesang und Tanz ihre Verehrer im Wiener Varieté „Romanum“, einem Zirkustheater vor der Hofburg, um den Finger. Es herrscht Abschiedsstimmung. Sie will Wien verlassen. Eine Tournee in Amerika steht an.

Der Kummer darüber steht dem Tenor Daniel Szeili in der Rolle des Edwin Ronald, Sohn des Fürsten von und zu Lippert-Weylersheim, ins Gesicht geschrieben. Er liebt sie, sie liebt ihn auch, weiß aber um die Aussichtslosigkeit dieser Situation. Edwin Rolands Vater will als Vorsitzender der von ihm begründeten NTPÖ, der Nationaltradionalistischen Partei Österreichs, für das Amt des Bundeskanzlers kandidieren. Ungarn hat er auf seiner Seite und eine noch nicht in der Regierungsverantwortung stehende Partei in Deutschland auch. Der Name wird nicht genannt. Die Linkspartei ist es ganz sicher nicht. Und sein Sohn soll das Amt des Heimatministers bekommen. Das geht natürlich nicht, wenn er, wie es der Vater ausdrückt, eine Zigeunerin und ausländische „Tingeltangel-Schnepfe“ heiratet. Der Vater hat andere Pläne. Die Verlobung mit der sympathischen Kusine, Komtesse Anastasia, wird angeordnet, die Einladungen sind schon gedruckt. In dieser Rolle überzeugt mit wunderbarem Selbstbewusstsein und jugendlicher Ausstrahlung in Spiel und Gesang die Sopranistin Annika Gerhards.

Der Sohn will aber auch nicht ablassen von seinen Plänen. Er lässt Sylva Varescu vom Notfallnotar bestätigen, dass er sie heiraten werde, in acht Wochen. Dann ist sie zurück aus Amerika.

Nach diesen acht Wochen wird in der Hofburg gefeiert. Die Wahlkampfoperette ist in vollem Gange. Sylva beantwortet Edwins Mails nicht, also willigt er ein, sich mit der Kusine zu verloben. Der Vater sieht sich am Ziel. Da taucht die geliebte Sylva auf, jetzt im Adelsstand, als Gattin ihres von Hauke Möller gespielten Künstleragenten Graf Boni Kánacsiánu, der sich aber sofort in jene bezaubernde Kusine verliebt, sie sich auch in ihn. Und würden sich jetzt der Boni und die Sylva scheiden lassen, dann wäre sie im Adelsstand und ebenbürtig, der Heimatminister in spe am Ziel seiner Wünsche und der Papa könnte auch nicht mehr meckern.

Aber da hat er sich verrechnet. Sylva Varescus Adelstitel wäre einzig der einer „Csárdasfürstin“ – und wenn Edwin sie dann will, dann will sie ihn auch.

Keine Bange, alles geht gut, jedenfalls erst mal, denn da ist ja noch die wunderbare Ingeborg Schöpf als Mutter Edwins, die eigentlich in dieser Rolle gar nichts zu singen hat. Aber hier hat man zum Glück für sie eine musikalische Einlage aus Kálmáns Operette „Die Herzogin von Chicago“ eingebaut. Mit diesem Song, „Ein kleiner Slowfox mit Mary“, feiert sie ihr Coming Out. Sie kommt ja auch aus Rumänien, war einst wie Sylva gefeierte Sängerin und Edwin ist auch nicht der Sohn von Leopold Maria, sondern der des Lebemannes und Varietébesitzers Feri von Kerekes, also Onkel Feri, den Henryk Böhm singt und spielt. Der fürstliche Parteigründer und Bundeskanzlerkandidat hat seinen Wahlkampf verloren, gibt auf, aus gesundheitlichen Gründen. Zwei erst mal glückliche Paare, ein Onkel für alle Fälle und eine befreite Mama, die auch schon weiß, wie es weiter geht: auf nach Bukarest. Ob dort natürlich Österreicher im Kunstbetrieb so auf Anhieb willkommen sind? Aber das wäre dann die nächste Operette.

Für diese Inszenierung, deren Dialoge leider die Handlung mitunter arg ins Stocken bringen, deren Logik durch die Zeit- und Ortsverschiebung auch nicht immer einleuchten will, haben Okarina Peter und Timo Dentler die Räume entwickelt. Da ist dieses ganz angemessen improvisiert wirkende Zirkus-Varieté vor der Hofburg, deren Fassaden so verwirrend immer wieder verschwimmen, als wäre alles eine optische Täuschung, als wollten uns diese Bilder vermitteln, dass dies doch alles gar nicht wahr sein könne. Und weil weder der Zirkus noch ein Regierungsgebäude Orte der Wahrheit sind, spielt auch der dritte Akt an einem Ort, wo es sehr menschlich zugeht, im Foyer der Burg, an der Garderobe, zwischen jenen lebenswichtigen Türen mit den Zeichen, die angeben, wohin jede Frau und jeder Mann einfach mal verschwinden muss. Die Kostüme haben Eleganz, wenn es sein muss proletarische Schlichtheit. Die tanzenden Revuegirls und Boys, also das wieder mal großartige Ballett der Staatsoperette in den Choreografien von Radek Stopka, bewähren sich in vielen Funktionen und landen einen grotesken Clou, wenn sie als Bodyguards ganz schön militant eine Stepptanz-Nummer hinlegen. Ganz in Gold flattern sie als Engel, wenn davon zu hören ist, dass Tausende von ihnen singen „Habt euch lieb“.

Nein, kein Protest über diesen Versuch einer Vergegenwärtigung, mit dem Versuch politisch aufzuklären. Im Gegenteil, in rhythmischem Zuspruch wird schon immer mal im Takt geklatscht, sowie sich eine Möglichkeit bietet – dass auch dies täuschen kann und der Gleichklang sich auflöst, ist ein schöner Nebeneffekt. Aber am Ende, kein Halten, im Gleichklang, Marsch!

Dabei, und das vernimmt man schon so grandios im Vorspiel, legt es Peter Christian Feigel am Pult des bestens aufgelegten Orchesters der Staatsoperette ja gar nicht vordergründig auf dröhnendes Marschpoltern an. Sein so sensibles wie differenziertes Dirigat, dem die Musikerinnen und Musiker bei hoher Konzentration folgen, betont immer wieder den melancholischen Unterton dieses Werkes in der Musik. Die Sehnsuchtsmelodik des Csárdás erklingt wie eine Erinnerung an vergangene Welten, die Walzer so, als ginge es darum, sich herausdrehen zu können aus dem, was da gerade passiert in diesem Wiener Operettenwahlkampf. Dass dabei die Freude an den Ohrwürmern, an denen diese Operette keinen Mangel hat, nicht in Frage gestellt wird, ist das musikalische Ereignis dieser Premiere, aber dass es unter der Oberfläche Abgründe gibt, dass hört man hier auch.

nächste Aufführungen: 3., 4., 10., 11., 14., 15.7.

www.staatsoperette.de

Von Boris Gruhl

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