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Regional „Seenotrettung ist eine Pflicht“
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14:54 09.08.2018
Ein völlig überladenes Schlauchboot mit Geflüchteten wird von den Seenotrettern der Iuventa gefunden und gerettet. Quelle: Foto: Cesar Dezfuli
Dresden

Ein regelmäßiger Druck auf den Brustkorb, eine angetäuschte Mund-zu-Mund-Beatmung, dann ein Lachen über zu viel körperliche Nähe. Sprünge ins blaue Wasser, tanzen zur Musik beim Bemalen der Rettungswesten. Aus diesen Übungen für den Notfall und Vorbereitungen wurde für die Crew des Seenotrettungsschiffes Iuventa wenige Stunden später bitterer Ernst. Mona Reichart (32), Christof Brüning (42), Jonas Buja (26) und Benedikt Funke (33) machten sich im Frühsommer 2016 gemeinsam mit anderen Freiwilligen auf den Weg zur über 24 Stunden entfernten Rettungszone vor Libyen. Mit an Bord war Regisseur Michele Cinque.

Aus den Wochen auf dem Schiff und der Zeit danach ist ein Dokumentarfilm entstanden, der einmalig am 12. August im Dresdner Programmkino Ost zu sehen ist. Inzwischen ist das Schiff beschlagnahmt worden und gegen die Crew wird wegen angeblicher Zusammenarbeit mit Schleppern ermittelt. Auf den bis dahin durchgeführten Rettungsmissionen konnten mehr als 14 000 Menschen gerettet werden. Wir haben uns mit Christof, Benedikt, Jonas und Mona, die bei späteren Missionen dabei war, über die Zeit auf dem Schiff und danach unterhalten.

Gab es ein entscheidendes Erlebnis, eine Situation oder einen Moment, weshalb ihr euch entschieden habt, als Seenotretter nach Malta zu gehen?

Christof Brüning: Das kann ich nicht auf einen Moment festnageln. Es war mehr die stetige, tägliche Katastrophe auf dem Wasser.

Mona Reichart: Als vor zwei Jahren auf Lesbos fast im Minutentakt Boote mit Flüchtlingen ankamen, konnte ich zu Hause nicht mehr ruhig auf dem Stuhl sitzen. Da ich auch schon für Greenpeace mit Schlauchbooten unterwegs war, wusste ich, was auf mich zukommt. Ich wusste auch, dass es nicht einfach sein wird.

Christof Brüning Quelle: Rita Gaspar

Wusstet ihr in den einzelnen Fällen, wie lange die Geflüchteten bereits mit den Booten unterwegs waren?

Christof: Wenn die Leute Glück hatten, sind sie um Mitternacht losgefahren und wir konnten ihnen schon morgens um sechs oder acht Uhr helfen. Es gab aber auch Boote, die schon seit zwei Tagen keinen funktionierenden Motor mehr hatten und umhergetrieben sind.

Im Film sieht man zwar intakte Boote, die in der Regel aber völlig überladen waren und damit offensichtlich in Not. Sind Menschen, deren Boot nicht kentert, automatisch in Seenot, wie es das Recht definiert?

Benedikt Funke: Die Seenot definiert sich nicht durch das akute Kentern oder Sinken, sondern durch die Tatsache, dass ein Boot und die Insassen aus eigener Kraft keinen sicheren Hafen erreichen können. An dieser Auslegung darf auch nicht gerüttelt werden.

Habt ihr Situationen erlebt, in denen die Boote der Geflüchteten bereits gekentert waren?

Christof: Am häufigsten kentern die Holzboote, dabei sterben viele Menschen oft sofort, weil sie es nicht aus den Booten schaffen. Das habe ich zum Glück nie erleben müssen. Wir sind aber oft zu Schlauchbooten gefahren, die Luft verloren und schon halb gesunken waren. Dadurch rutschten die Insassen ins Wasser. Die meisten können nicht schwimmen und wir haben ihnen Gegenstände zugeworfen , an denen sie sich festhalten konnten, bis wir sie aus dem Wasser ziehen konnten. Eine solche Situation fand einmal mitten in der Nacht bei hohen Wellen statt. Dabei sind viele Menschen ertrunken.

Jonas: Ich erinnere mich an eine Situation, in der eine Mutter auf einem sinkenden Schlauchboot ihr kleines Kind verlor. Wir haben es nicht wiederfinden können.

Gab es oft Situationen, in denen ihr euch auch als Crew in Gefahr gebracht habt?

Christof: Die Iuventa war einige Male in Gefahr zu kentern, weil sie mit Menschen bis an den Rand beladen war und trotzdem noch mehr Boote um uns herum Hilfe brauchten. Das waren unmenschliche Situationen, weil wir Schiffbrüchige in Gefahr zurücklassen mussten, um nicht selbst mit den bereits Geretteten zu sterben. Häufiger waren allerdings die Besatzungen der Beiboote in Gefahr, wenn sie in kritischen Situationen drohten, von panischen Hilfesuchenden überrannt zu werden. Dazu kommt noch, dass die Milizen der sogenannten libyschen Küstenwache auf Rettungsschiffe geschossen haben. Nicht auf die Iuventa, aber auf Schiffe in unserer Nähe.

Sicher hattet ihr euch darauf eingestellt, auch dem Tod zu begegnen. Wie sah die Realität aus?

Christof: Der Film zeigt unsere allererste Mission am deutlichsten, bei der wir zum Glück nur zwei Tote bergen mussten. Von den insgesamt 16 Missionen gab es aber auch Besatzungen, die 30 Leichen in einem Boot fanden. Bei dem vorher angesprochenen Nachteinsatz erzählten uns die Überlebenden, dass schon etwa 25 Menschen fehlten, bevor wir kamen.

Jonas: Wir bargen einmal einen Mann. Als ich ihn für einen Augenblick sah, bin ich schnell wieder auf die Brücke verschwunden. Tote will man einfach nicht sehen, daran möchte ich mich auch nicht gewöhnen.

Mona: Die erste Leiche, die wir gefunden hatten, trieb schon mehrere Tage auf dem Wasser. Ich hatte, ehrlich gesagt, Angst vor dem Anblick und habe mutigere Menschen vorgelassen. Ein paar Tage später konnte ich dem Tod jedoch nicht mehr ausweichen. Drei Menschen waren von einem sinkenden Schlauchboot ins Wasser gerutscht und trieben schon einige Zeit dort. Wir zogen einen Menschen ins Boot und unser Ärzteteam versuchte alles. Erfolglos. Das Gesicht des jungen Mannes werde ich nie mehr vergessen.

Sind euch besonders positive Situationen im Kopf geblieben?

Christof: Oh ja, sehr viele. Fröhlich spielende Kinder zwischen all dem Chaos an Deck zum Beispiel.

Jonas: Singende Menschen, lachende Gerettete und Kapitän einer super Crew zu sein. Das ist sehr berührend.

Mona: Gerettete, die mir zugenickt und sich bedankt haben. Ein tolles Team, dass sich immer wieder gegenseitig aufgefangen hat. Und ein Doktor, der mir eine Geschichte vorgelesen hat, damit ich besser einschlafen kann.

Welche Gedanken überwiegen bei der Heimkehr? Seid ihr stolz auf das Geleistete? Habt ihr schlechte Gedanken, weil ihr nicht vor Ort helfen könnt?

Jonas: Ich war nie stolz. Zumindest nicht auf mich. Ich war einfach da und habe getan, was ich tun konnte. Es ist seltsam, für 100 oder 200 Euro nach Hause zu fliegen, komfortabel und sicher, wenn man gerade Menschen, die ein Vielfaches dessen gezahlt haben, aus gammelnden Schlauchbooten retten musste. Es könnte alles so einfach sein.

Mona: Ich habe mehrere Wochen gebraucht, um das Erlebte zu verarbeiten. Trotzdem hatte ich das starke Bedürfnis, weiterhin etwas tun zu wollen. Also hielt ich Vorträge über meine Erlebnisse.

In den Kommentarspalten sozialer Netzwerke wird immer wieder behauptet, dass in Libyen der nächste sichere Hafen wäre und es falsch sei, die Geretteten nach Italien zu bringen. Wie geht ihr mit solchen Meinungen um?

Benedikt: Weder nach Seerecht, noch nach Menschenrechtsgrundsätzen können Gerettete zurück nach Libyen gebracht werden. Das wurde auch vom Europäischen Menschenrechtsgerichtshof festgestellt, daher bringen ja auch staatliche Schiffe die Geretteten nicht nach Libyen. Das Problem ist doch, dass diese Kommentare sich seit Jahren nicht ändern. Während diese Forderung monoton wiederholt wird, macht sich niemand Gedanken um die Umsetzung.

Wie hat euch die Zeit auf der Iuventa verändert?

Christof: Natürlich hat uns das alle verändert. Bei einer kurzen Zeitungsmeldung über ein gesunkenes Boot bin ich sofort wieder in der Situation. Ein Foto von einem Schlauchbootwrack und eine Anzahl von Toten in der Zeitung hat für mich einen Geruch und macht ein Geräusch, ob ich das möchte oder nicht.

Mona: Ich spüre, dass ich beim Thema „Flüchtlinge“ und „Seenotrettung“ sensibler geworden bin. Teile meiner Familie leben sehr in ihrer heilen Welt und sehen Geflüchtete als Bedrohung an. Da fallen öfter dumme Sprüche und ich merke, wie ich innerlich an die Decke gehe. Ich halte diese Welt für sehr ungerecht und nach meinen Erlebnissen dort noch viel mehr.

Was sollte die Regierung eurer Meinung nach tun, um die Situation zu entschärfen?

Christof: Die Bundesregierung sollte sich klar dazu bekennen, dass Seenotrettung eine Pflicht ist. Die Juristen des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages und mehrere europäische Gerichte haben klar gesagt, dass wir nichts falsch gemacht haben. Über Politik können wir gern diskutieren, über Ertrinkende nicht.

Premiere „Iuventa“ 12. August 20 Uhr im Programmkino Ost, im Anschluss Gespräch, unter anderem mit Elias Macke u. Christof Brüning von Jugend Rettet e.V. Im TV wird der Film am 13. August um 22.25 Uhr auf 3sat gezeigt.

Von Lisa-Marie Leuteritz

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