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Sebadoh gastierten im Beatpol in Dresden

Sebadoh gastierten im Beatpol in Dresden

Wohl dem, der die deutsche Sprache auch mal auf deren Zweit- und Drittwirkung bzw. -sinn hin untersucht. Da endet "Zuverlässigkeit" eben mit Lässigkeit. Muss ja einen Grund haben.

Den Soundtrack zur Wortstammbestimmung lieferten Sebadoh am Sonntagabend im Beatpol. Schön, sie erneut in der Stadt gewusst zu haben. Lou Barlow, Gründervater und Oberhaupt des Trios, fand es gleichsam inspirierend, wieder im Star Club zu sein. Manchmal setzen sich neue Namen eben doch nicht durch, gleich gar nicht, wenn man eben im Star Club den Grundstein ins Parkett gerammt hat.

Lou Barlow war mit allen Bands hier, die er am Laufen hat(te): Schon mit Sebadoh, Dinosaur Jr., Folk Implosion und New Folk Implosion. Der US-Amerikaner hatte quasi durch die Jahre Dienst wie all die Hierbleibenden im Club, gleich, ob sie buchen, kochen, einlassen, Bier reichen, den Laden zusammenhalten oder nur um Einlass bitten. Zuverlässigkeit steht hier für des Namens ureigene Bedeutung.

Doch, wir schweifen ab. Ein ähnliches Gefühl hatte sich am Sonntag pünktlich 21 Uhr schon eingestellt, als sich der Saal in Briesnitz wie der Fahrgastraum einer Zeitmaschine präsentierte. Auf der Bühne standen mit den Death Hawks vier junge finnische Menschen, die, so würde sich im Verlaufe ihrer reichlichen halben Stunde zeigen, herrlich respektvoll und dennoch frei in einem Segment bewegten, das die Ü-50er mühelos mit den Psychedelics aus "Friedenszeiten" dechiffrierten, mit Pink Floyd in der Syd- Barrett-Phase, mit Doorsklinken und Hast-du-nicht-Gehört. Filmchen im Hintergrund, eine herrlich tranige Weltraumorgel, bissiges Sax, lodernde Gitarre, Wummerbass und fröhlich' Urständ von Wuschelkopf, Röhrenhose und Hippiehemd. Das war keine Ironie, das war echt! Es war Zufall. Und: Es war lässig! Wieder eine neue Band auf dem Zettel-

Auswärts haben Sebadoh in diesem Jahr üppig gepunktet. Das muss bei ihnen so sein, wenn sie schon mal auf Tour gehen nach ausgiebigen Pausen, in denen sich Lou Barlow (Gitarre, Bass), Jason Loewenstein (Gitarre, Bass) und Bob D'Amico (Drums) ihren anderen Solo- und Bandprojekten und dem Grillen von Maiskolben widmen. Sebadoh bereisen noch bis Jahresende die Kontinente, da kam ein Heimspiel in Dresden gerade recht. Hier kann man mit den Zuhörern reden, als seien sie Nachbarn, hier rufen sie Songtitel hoch, wenn man sie danach fragt, und es ist natürlich "Vampire" dabei. Hier tragen sie wissentlich Guided-By-Voices-Shirts und sehen gerade Meister Barlow nach, dass er immer wieder mit den Kollegen Murph und J Mascis aneckt. Den aktuellen Stand von Dinosaur Jr. zu erfragen, verbot sich am Sonntag von selbst. Da die Band aber zu Barlows 48. Geburtstag im Juli 2014 das offizielle Bandbuch mit 33 Prozent Rabatt angeboten hat, besteht Hoffnung.

Wie meinen? Das Abschweifen hört hier überhaupt nicht auf? Nein, muss es ja auch nicht. Denn ein Sebadoh-Konzert im Nachgang zu analysieren, zu röntgen und in Beziehung zu stellen, erübrigt sich. Es killt nur die Freude, die man in reichlich 90 Minuten empfunden hat. Einen Versuch wäre es trotzdem wert. Denn mit "Defend Yourself" ist vor Jahresfrist ein schönes neues Album erschienen, aus dem Sebadoh einige Songs vorgestellt haben und das vor allem seine Stärken in der Kunst der Vierminuten-Fuge hat. Dass live die hochmelodischen Stücke fehlen würden, war klar - bis auf "I Will", das zum Bandklassiker taugt. Dass sich Sebadoh am Spagat spreizen würden, zwischen schwer ruppig und hinterhältig weich, überraschte nicht. Auch nicht, dass Konzerte für Barlow, Loewenstein und D'Amico Gelegenheiten sind, neu und noch mal neu aufeinander zuzuspielen, auch aneinander vorbeizuschrammen, sich zu suchen und zu finden, dort am Wegesrand ausgelatschter Pfade genüsslich wie gelassen das ausgewogene 33 1/3 zu leben. Wenngleich D'Amicos Schlagzeugarbeit diesmal eine besondere Freude war.

Es ist einfach großartig, mit Sebadoh ein Trio zu erleben, das sich weigert, fertig zu sein.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.10.2014

Andreas Körner

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