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Regional Schüler des Dresdner Vitzthum-Gymnasiums spielen Capek und gastieren in Pilsen
Nachrichten Kultur Regional Schüler des Dresdner Vitzthum-Gymnasiums spielen Capek und gastieren in Pilsen
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17:24 09.09.2015
Großes Entsetzen beim Anblick der Kampfroboter bei Julius Boxberger, Moritz Eggert, Roman Stamborski, Lea Schmidt, Manuel Zahn und Pauline Müller. Quelle: Gregor Kühnert
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Just am zehnjährigen Liebesjubiläum - längst ist die Firma in den lukrativen Kriegsmaschinenhandel eingestiegen und will nicht mehr nur universalistische, sondern nationale Roboter, die sich mangels Verständnis bekämpfen, bauen - drehen die Dienstgeister den Spieß, ausgeformt zur Kanone, um.

Denn die Idylle, in der den Menschen das Leben so leicht gemacht wird, dass sie Leistung weder im Kampf noch im Bett bringen können und wollen, ist gefährdet. Schuld ist die liebevolle Handarbeit, die bei der psychologischen Programmierung durchaus unterschiedliche Charaktere zuließ und aufgrund derer einige Roboter etwas gleicher gerieten. Diese Auserwählten verhalten sich männlich-menschlich und rotten nun ihre Herren aus.

Das kluge Stück von Karel Capek, das nach der Premiere am Prager Nationaltheater 1921 ganz schnell in 30 Sprachen rings um die Welt ging und für das Bruder Josef eigens den Begriff Roboter erfand, nimmt die kommende Apokalypse voraus. Die Androiden übernehmen menschliche Denkschemata und machen, weil enorm ausgebeutet, Schluss mit dem schwachen Geschlecht. Nur ein Mensch, der wache Alquist (Julius Boxberger), überlebt den Überfall. Eigentlich da, um sie zu pflegen, muss er den Siegern der Geschichte klarmachen, dass sie sich nicht selbst zu reproduzieren vermögen und dank von ihnen ungeplanter Obsoleszenz aussterben werden. Nur zwei, Roboter Primus (Henri Päffgen) und Robotin Helene (Luisa Flath), zeigen komisch-menschliche Ambitionen...

Neben der Klarheit der Bilder und dem Zusammenspiel der Akteure, die sich auch in Blickbeziehungen spiegelt, gelingt der Schülerbühne am Vitzthum-Gymnasium in erstaunlicher Art die Umsetzung des ungewöhnlichen Sprachduktus in eine moderne Inszenierung, die mit zwei eigenen Filmen (Jonathan Drechsel und Henri Päffgen), Live-Videokonferenz und einem alten Eisenstein-Filmeinspiel gut verwoben wird.

Am Zschertnitzer Gymnasium, das sich nach einem alten Thüringer Adelsgeschlecht nennt und eine nagelneue Aula mit beeindruckender Theatertechnik als perfekten Proben- und Auftrittsraum, kurz "Vitz" genannt, nutzen kann, hat die hauseigene Schülerbühne eine lange und bemerkenswerte Tradition. Seit 23 Jahren auf der Bühne, seit elf Jahren respektabel im Netz, bilden Gerd Häntsch und Jürgen Klose, die Deutsch und Kunst sowie Geschichte lehren, das Leitungsduo, das mittlerweile um Isabell Engelmann zum Trio erweitert wurde. Sie führen gemeinsam Regie und sind auch als Dramaturgen für Textstriche und künstlerisches Betriebsbüro für die Auswahl unter den Schülern ab der achten Klasse zuständig.

Häntsch kann Stückauswahl und Übersetzungswahl erklären: "Wir legen Wert auf seltener gespielte Stücke und wir beziehen die Schüler bei der Auswahl ein." Nun setzten sie auf die Übersetzung des Pragers Otto Pick aus dem Jahr 1922, der aus dem bekannterem "R.U.R." ("Rossumovi Univerzální Roboti") in Beibehaltung von Capeks phonetischer Anspielung auf Verstand nun "W.U.R. - Werstands Universal Robots" machte und damit die gut laufende Produktionsfirma der Androiden meinte. Generell müssen die Stoffe - im Gegensatz zu den von Sparorgien geplagten Theatern an der Peripherie - genügend Rollen bieten, um reichhaltiges und gleichwertiges Mitspiel zu ermöglichen.

Mittlerweile macht die Theater AG, die sich in den Endproben sogar ein Übungswochenende unterhalb der Lausche in Waltersdorf gönnt, nicht mehr jedes Jahr eine neue Inszenierung. Das ist insbesondere für Julius Boxberger, hier als Baumeister Alquist einziger nicht von der Robotermeute gemeuchelter Mensch, bedauerlich. Denn er wird so dank baldigem Abitur vermutlich bei sechs Inszenierungen stehen bleiben. Das sind genauso viele, wie Vitz-Rekordhalter Dominik Schiefner, heute als freier Profi in Sachen Bühne und Musik unterwegs, innehat. Auch Musiker Rany oder die große Annamateur sammelten hier erste Bühnenerfahrungen. Letztere allerdings nur einmal: Sie war 1995 als Bürgermeister in Schwarz' "Der Drache" so überzeugend, dass sie vom anwesenden Ulrich Schwarz für dessen "Spielbrett" abgeworben wurde. Doch die Bindung bleibt: Die Ehemaligen kommen gucken und Häntsch und Klose fahren zu den Premieren ihrer besten Ex-Schützlinge.

Rund zweieinhalbtausend Euro, darunter null Honorar, stecken in der neuen, sehr aufwändigen Inszenierung, für die seit Sommer 2013 (!) geprobt wird, mit 26 Schülern als Darstellern und Bühnenkräften. Darin enthalten sind die Einnahmen der vorherigen Produktion, die sich Kotzebues "Die deutschen Kleinstädter" widmete. Drei gutwillige Elternpaare spendeten allein elfhundert Euro, die Sparkasse selbst legte noch einen halben Riesen in den Hut.

Der Lohn sind nicht nur zwei ausverkaufte und bejubelte Vorstellungen am Premierenwochenende in der eigenen, noch nagelneuen Aula (125 Plätze), sondern eine Einladung nach Pilsen. Dort tritt die Truppe am 11. Januar gemeinsam mit dem Schulchor zur Eröffnung des Europäischen Kulturhauptstadtjahres als Dresdner Botschafter auf. Solche Reisen haben Tradition: 1992 waren die Vitzthümer mit "Draußen vor der Tür" in Hamburg, 1996 mit Mrozeks "Auf hoher See" in Lublin und 2004 mit Christoph Heins Bearbeitung von Lenz' "Der neue Menoza" in Lettland.

nächste Aufführungen: 11. Januar im Kulturhaus Peklo Pilsen (15 Uhr); 29. & 30. Januar in der Aula des Vitzthum-Gymnasiumes (19.30 & 20.15 Uhr)

www.schuelerbuehne.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.12.2014

Andreas Herrmann

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