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Schriftsteller Ilija Trojanow erteilt dem Isolationismus eine Absage

„Dresdner Reden“ Schriftsteller Ilija Trojanow erteilt dem Isolationismus eine Absage

Die „Dresdner Reden“ haben begonnen. Zum Auftakt war am Sonntag Ilija Trojanow zu Gast im Schauspielhaus. Erzählte ohne Effekthascherei, aber in einer hier lange nicht mehr gehörten poetischen Sprache viele kleine Geschichten von Flüchtlingen und Ankömmlingen und zog daraus seine Schlüsse.

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Ilija Trojanow, hier 2013 bei einem Abstecher zur Leipziger Buchmesse, eröffnete gestern die „Dresdner Reden“.
 

Quelle: Jens Kalaene, dpa

Dresden.  Die Liste großer Namen, die in der Reihe „Dresdner Reden“ auftraten, ist schon so lang, dass sie als Kulisse für das einsame Rednerpult auf der Bühne des Schauspielhauses dienen kann. Unverändert strömen Dresdner am Sonntagvormittag ins Theater und bescherten dem Staatsschauspiel auch zum Auftakt des 26.Jahrgangs gestern ein nahezu volles Haus. Eingeladen hatte man ja auch ein Zugpferd, zumindest für den aufgeklärten und mithin theaterfreudigen Bevölkerungsteil, dessen „Weltensammler“-Stückfassung im August des Vorjahres einen Erfolg im Schlosstheater feierte. Ilija Trojanow erzählte ohne Effekthascherei, aber in einer hier lange nicht mehr gehörten poetischen Sprache viele kleine Geschichten von Flüchtlingen und Ankömmlingen und zog daraus seine Schlüsse. Es überraschte nicht, dass diese stark autobiografisch geprägt waren. Denn der heute 51-jährige Autor war sechs Jahre alt, als seine bulgarischen Eltern in Deutschland Asyl erhielten. In mehreren Ländern hat er seither gelebt. Wegen seines Engagements für Menschenrechte und gegen Geheimdienste erteilten ihm die USA beispielsweise Einreiseverbot. Zu diesem Thema hatte er beim Theaterfestival „Parallel Lives“ 2014 in Dresden schon einmal geredet.

Trojanow schilderte zunächst den Anpassungsdruck an die neuen Verhältnisse, dem Flüchtlinge zu genügen versuchen. Aber sie werden auch bei scheinbaren Erfolgen immer als die Fremden erkennbar bleiben, Herkunft und Sprache nie verleugnen können. „Die Kindheit ist in die Sprache eingeschlossen“, formulierte er, die könne man nicht einfach wechseln. Alt- und Neusprache würden einander im Kopf bekämpfen. Dabei sage die Tatsache fremder Herkunft allein ebenso wenig aus wie die, „von hier“ zu stammen, betonte der Schriftsteller. Als solcher wechselte er aber auch die Perspektive und versetzte sich in die Bodenständigen hinein. Diese neideten insgeheim dem Nomaden seine Freiheit, würden aber niemals mit ihm tauschen wollen.

Die unkorrigierbaren Prägungen stürzen Flüchtende aber auch in ein Dilemma. Denn mit ihrem Weggang verlieren sie ebenso unwiderruflich ein Stück Heimat in sich selbst. Wo sie aber neu ankommen möchten, begegnet ihnen der Staat mit größtem Misstrauen. Hier wurde Trojanow leidenschaftlich: „In einem System der Unmenschlichkeit ist der Verstoß gegen Gesetze eine humane Maxime“, pointierte er. „Den anderen nur als den anderen wahrzunehmen, ist der Beginn der Gewalt“, setzte er noch eins drauf.

Bei Nahen und Fremden entdeckt Trojanow verblüffende Gemeinsamkeiten. Denn sowohl flüchtende Menschen als auch die Heimatverliebten nährten Illusionen. „Der Glaube an das Gelobte Land ist wie eine zerrissene Anzeige auf dem schwarzen Brett“, formulierte er mit Blick auf die Hoffnungen Fliehender. Andererseits sei Heimkehr oft der „größtmögliche Kulturschock“ und sollte besser „Fremdkehr“ genannt werden, wenn Trugbilder offenkundig werden. So verbietet sich eigentlich eine Forderung nach bedingungsloser Anpassung. „Heimatlosigkeit kann nicht nur verkehrt sein“, schließt der Weltbürger Trojanow.

Eine stabile Heimat finde man nur in der Liebe, in Menschen und in sich selbst, klang es immer wieder an. Eine Heimat, die auch nie überfremdet werden könne. Im Gegenteil, der Redner provozierte ein wenig mit der Warnung vor der Gefahr, „dass uns das Fremde ausgeht“. Das Fremde im Sinne von Herausforderung, von Auffrischung und Ausbruch aus der Selbstbezogenheit. Jedem nationalen Egoismus erteilte er folglich eine entschiedene Absage. Trojanow nannte den europäischen Rechtspopulismus nicht beim Namen. Aber wer mit Warnungen vor einem „weltfremden Kulturegoismus“ in der Nische gemeint war, ließ sich unschwer erraten. Nationalisten setzten dem gelebten Heimatgefühl, das andere nie ausgrenze, die „Narrenkappe einer konstruierten Uniformierung“ auf.

Gegen solchen Isolationismus führte dieser sonst in sehr literarischer Sprache gehaltene Vortrag sogar pragmatische Argumente an. Die großen Probleme der Menschheit, die Ressourcenfragen etwa, seien nur noch weltgemeinschaftlich zu lösen. „Die Menschheit kann nur kosmopolitisch überleben“, rief Trojanow. „Der Nationalist im 21. Jahrhundert ist nichts anderes als ein Apokalyptiker“, spitzte er noch zu. Das Welterhaltungsanliegen und „kulturelle Bewegungsfreiheit“, an die er schließlich appellierte, korrespondieren miteinander. Ilija Trojanow räumte aber ein, dass auch er noch auf dem Wege sei, sich von den Besetzungen seiner Herkunft und seines Flüchtlingsdaseins zu lösen. Der Beifall im nahezu voll besetzten Schauspielhaus war dankbar, aber nicht euphorisch. Einigen skeptischen Gesichtern schienen die Thesen des Redners weniger zu behagen.

Von Michael Bartsch

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