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Schriftsteller, Essayist: Friedrich Dieckmann zum Achtzigsten

Gründungsmitglied der Sächsischen Akademie der Künste Schriftsteller, Essayist: Friedrich Dieckmann zum Achtzigsten

Das Spektrum seiner Publizistik reicht von Theater- und Musikgeschichte bis zu aktuellen Architekturdebatten, von Naturwissenschaft bis zur Europapolitik, von Sprachpflege bis zur neuentflammten Wertediskussion um die deutsche Kulturnation. Am 25. Mai wird der Schriftsteller und Essayist Friedrich Dieckmann 80 Jahre alt.

Friedrich Dieckmann
 

Quelle: Ernst Hirsch

Dresden.  Es ist noch nicht lang her, da war ich mit ihm in ein ausführliches, quasi-öffentliches Gespräch verwickelt. Die Sächsische Akademie der Künste hat einige ihrer wichtigen Gründungsmitglieder zu ihrem Leben und ihrer Arbeit befragen lassen, und ich hatte das Glück (Ernst Hirsch an der Kamera), mit dem Part Friedrich Dieckmann beauftragt zu werden; ein Glück, das zugleich eine Herausforderung war, denn Dieckmann ist ein Homme de Lettres von außergewöhnlicher Energie und Vielseitigkeit. Das Spektrum seiner Publizistik reicht von Theater- und Musikgeschichte bis zu aktuellen Architekturdebatten, von Naturwissenschaft bis zur Europapolitik, von Sprachpflege bis zur neuentflammten Wertediskussion um die deutsche Kulturnation. Solche knappe Aufzählung sagt wenig, denn was an ihm fasziniert ist die besondere Art geistiger Verknüpfung, mit der er seine eminente Bildung in immer neue Zusammenhänge bringt. Das bedeutet oft genug eine Arbeitsleistung, die gegen den Mainstream steht. Methodisch ist dieser Denkraum geradezu universalistisch, mindestens generalistisch angelegt, was in Zeiten verbreiteten Spezialistentums zu einer Rarität geworden ist und – das hat mir unser Gespräch noch einmal deutlich bewusst gemacht – erklärbar ist erst aus seiner Biographie.

Großgeworden ist der in Landsberg an der Warthe geborene Dieckmann am Dresdner Fetscherplatz, der noch in den frühen 1950er Jahren den Übergang von der Trümmerlandschaft zur Bewohnbarkeit der Stadt markierte und durch diese Spannung schon für den Halbwüchsigen eine Grunderfahrung wurde. Als der Vater, ein kultivierter liberaler Politiker von bürgerlicher Habitus, 1949 Präsident der Volkskammer der DDR wird, folgt die Familie mit zwei Jahren Abstand. In Berlin macht Friedrich Dieckmann 1955 sein Abitur und wechselt anschließend zum Studium Germanistik und Philosophie und – erstaunlich genug – Physik nach Leipzig. Im Umfeld von Hans Mayer und Ernst Bloch, dem großen „Philosophen er Hoffnung“, zu studieren, war fraglos eine besondere Setzung. Seine Erinnerungen an diese Jahre sind inzwischen selbst ein Stück Zeitgeschichte. 1962 nach Berlin zurückgekehrt, etabliert er sich schnell als freier Publizist. Er arbeitet für den Rundfunk, schreibt Theaterkritiken und kommt mit Karl von Appen in Kontakt, über den er 1971 seine erste Monographie veröffentlicht. Das öffnet ihn den Weg ans Berliner Ensemble, wo er von 1972-76 unter Ruth Berghaus als Dramaturg arbeitet. Es ist die Zeit heftiger politischer Auseinandersetzungen um das BE, und Dieckmann, inzwischen verheiratet, zieht sich wieder ins Freischaffende zurück. Theater und Oper bleiben sein bevorzugtes Feld, er veröffentlicht „Theaterbilder“, schreibt über Mozart, Wagner und Verdi und begleitet die Wiederöffnung der Semperoper 1985 mit fulminanten Essays, die eine Verknüpfung der Semperschen Architektur mit dessen Demokratie-Hoffnungen von 1848/49 anbieten, wie sie die kleingeistige DDR zuvor nicht kannte. Ein Mann, „der hartnäckig selber zu denken versucht“, urteilt Thomas Rosenlöcher später über den Autor dieser Texte.

So trifft die Wende einen trainiert unabhängigen Geist, der vor der Energie des westdeutschen Feuilletons nicht kapituliert und sich umgehend in die Debatten der Wiedervereinigung einmischen kann. „Vom Einbringen“ ist denn auch programmatisch 1992 eine Textsammlung über die gesamtdeutsche Kultur im Suhrkamp-Verlag überschrieben. Auch dieses Thema verlässt ihn nicht mehr: „Was ist deutsch? – Eine Nationalerkundung“ folgt 2003 und 2009 eine Essaysammlung „Deutsche Daten“ über die hintergründige Vernunft der Geschichte. Dieckmanns äußerst spannungsreichen Aufsatz „Olymp im Nebel“ z.B. erzählt uns die an sich bekannte Tatsache der Überschneidung der Arbeiterrevolte des 17. Juni 1953 mit dem Moskauer Machtkampf um Berija als erschütterndes Lehrstück sich tragisch aufhebender politischer Kräfte. In solcher Prägnanz war das zuvor nicht zu lesen.

Deutsche Kulturgeschichte und unser heutiger Umgang mit diesem Erbe wird – überblickt man Dieckmanns Veröffentlichungen – immer mehr zum Gravitationszentrum seiner weitgefächerten publizistischen Arbeit. Das hat wohl auch mit Bloch zu tun. Mit „Luther im Spiegel“ erschien jüngst als ein ganz eigener Beitrag zum lautstarken Jubiläum eine Sammlung von Studien zur Rezeptionsgeschichte des Reformators und Sprachschöpfers von Lessing bis Thomas Mann. Aber auch Dieckmanns große biographische Studien über Schiller lassen sich so lesen, 2005 über den jungen Dramatiker: „Dieser Kuß der ganzen Welt“ und 2009 „Freiheit ist nur in dem Reich der Träume“, beide im Insel Verlag. Die empathische Textcollage von 2005, die den hohen Ton des Nationaldichters gleichsam rückübersetzt in die elementaren Widersprüchlichkeiten eines lebendigen Menschenkindes in Bedrängnis, ist nicht unwesentlich auch ein Dresden-Buch. Dieckmann hat sich seiner Heimatstadt immer wieder in kritischer Sympathie zugewandt. Seine erfolgreichen „Dresdner Ansichten“ von 1992 erkundeten mit leichter Hand eine Stadt im Wandel. Mit „Pöppelmann oder die Gehäuse der Lust“ geht er dann 2012 zurück in die bis heute mythisch leuchtende augusteische Zeit – Spurensuche nach den „Höchstleistungen einer inspirierenden Epoche“. Sein Engagement für die Rettung des fast vergessenen, kunstgeschichtlich hoch bedeutsamen Neptun-Brunnens (eigentlich Poseidon-Kaskade) im Friedrichstädter Krankenhaus, dem ehemaligen Marcolini-Palais, gehört dazu. Texte und Diskussionspodien in der Sächsischen Akademie der Künste, deren öffentliches Arbeiten er als langjähriger Vizepräsident programmatisch beeinflusst hat, setzen die Reihe fort. Überhaupt erweist sich der Intellektuelle immer wieder als ein Mann der Tat. Ob in der Dresdner oder der Berliner Akademie oder im Sächsischen Kultursenat – Dieckmann hat sich mehr als einmal als wichtiger Anreger und versierter Organisator zu erkennen gegeben. „Reststrahlung“ von seinem Physik-Studium?

Wer ihn als Gesprächspartner kennenlernen dufte, kennt seine Präsenz, seine strikte Sachbezogenheit. Bringt man die ebenfalls auf, wird man gelegentlich mit hintergründigem Witz belohnt. Dieckmann, der einem so beeindruckend vormachen kann, was eigentlich Abenteuer des Geistes heißt, ist auch ein herrlicher Spötter. Verblüffende 80 Jahre ist er nun geworden. Die Eleganz seines Denkens und die schlanke äußere Erscheinung verleihen diesem Mann noch immer den Habitus einer inneren Jugendlichkeit, die die gezählten Lebensjahre leicht vergessen lässt. Möge ihm und uns solch besonderer Wider-Sinn noch lang erhalten bleiben. Gruß aus Dresden, lieber Friedrich Dickmann.

Von Hans-Peter Lühr

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