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Schnitzlers „Professor Bernhardi“ als Saisonauftakt

Staatsschauspiel Dresden Schnitzlers „Professor Bernhardi“ als Saisonauftakt

Arthur Schnitzlers Text „Professor Bernhardi“ hat mehr als ein Jahrhundert auf dem Buckel, erlebte gleich nach Erscheinen Ablehnung und durfte nicht gespielt werden. Ein zeitloses Stück zur Zeit. Dresdens neue Hausregisseurin Daniela Löffner hat sich des Stoffes angenommen, ein spannungsgeladenes Ensemble setzte ihn auf der Bühne um.

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Beste Feinde: Bernhardi (Raiko Küster, l.) und Ebenwald (Dominik Maringer).

Quelle: Sebastian Hoppe

Dresden. Es ist der Einbruch der Realität ins Bühnengeschehen. Noch dazu während der Schlüsselszene. Professor Bernhardi verweigert dem katholischen Pfarrer den Zugang zu einer sterbenden jungen Frau – weil die sich auf dem Weg der Genesung wähnt und, dank Medikamenten, vielleicht gerade so glücklich fühlt wie noch nie in ihrem verrenkten Leben. In diesem Moment des Premierenabends scheint eine Dame im Publikum ohnmächtig geworden zu sein. Der Ruf nach einem „richtigen Arzt“ wird erhört, die Frau kann, gestützt von Helfern, den Zuschauerraum verlassen. So weit, so gut.

Auf der Bühne wird nun „zurückgespult“, die entscheidende Szene noch einmal komplett gespielt. Ein, zwei Minuten lang weiß man nicht, ob sich die Spannung so wieder herstellen lässt. Aber länger dauert es tatsächlich nicht, und der Zuschauer ist wieder mittendrin in Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“, einem zeitlosen Stück zur Zeit.

Die Inszenierung ist dabei von Anfang an begleitet von Erwartungen, die sich auch nicht unterdrücken oder wegdiskutieren lassen. Der nun in Düsseldorf arbeitende Intendant Wilfried Schulz hat in seinen Dresdner Jahren weit mehr als ein paar Duftmarken gesetzt, an denen sich sein Nachfolger Joachim Klement wird messen lassen müssen. Das ist gleichermaßen fair und unfair, wird doch andererseits von Klement wiederum eine ganz eigene Handschrift gefordert, mit der er Dresdens Staatsschauspiel im reichhaltigen deutschsprachigen Theaterkosmos neu kenntlich machen will. So steht dieser Auftakt natürlich gleich im Fegefeuer der Fragen: Schnitzler? Bernhardi? Zeitbezug? Moderne? Ja, ja, ja, ja.

Die Bühne im Schauspielhaus wirkt dabei wie ein schmales Handtuch zwischen Parkett und einer Zuschauertribüne im Hintergrund, die offenbar den 2. Rang ersetzt. Aus den so entstandenen zwei ersten Reihen greifen die Schauspieler ins Geschehen ein. Und um in dieser Bühnensituation immer verständlich zu bleiben, sind alle mit Mikroports ausgerüstet.

Bernhardi (Raiko Küster, der übrigens vor 17 Jahren schon einmal auf der Dresdner Bühne stand) verweigert also als Arzt, dass seine Patientin die Sterbesakramente erhält, weil sie sich über den Berg und glücklich wähnt. Der zurückgewiesene Pfarrer (Philipp Lux) lässt diesen Vorfall selbstredend nicht auf sich beruhen, die „Affäre“ nimmt ihren Lauf. Denn Bernhardi ist nicht nur Arzt, Institutsgründer und dessen Chef, sondern auch Jude. Also wird er zur Zielscheibe eines Religionskrieges in Camouflage, dahinter stehen politische, aber auch schnöde private Interessen – wie die von Bernhardis Gegenspieler Ebenwald (Dominik Maringer), der nicht nur seine Chance zum Karrieresprung nach Bernhardis Abdankung nutzen wird. Auch vor Erpressung schreckt einer wie Ebenwald nicht zurück.

Schnitzlers 250-Seiten-Text ist dabei kein Leichtgewicht. Wenig Agieren, dafür umfassende Diskussionen und Dialoge. Das so auszuspielen, dass sich der Betrachter als Teil der Bühne vorkommt, bedarf einer immerwährend aufrechterhaltenen Spannung. Und diese Spannung stellt sich ein. So atmet vor allem der erste, rund zwei Stunden dauernde Teil hohe Souveränität.

Hausregisseurin Daniela Löffner ist sich dabei noch einer anderen Verantwortung bewusst. 18 Rollen lässt sie von 16 Schauspielern bewältigen – es ist das erste große Zusammengehen des neuen Ensembles auf der Bühne. Intendant Klement hatte vor Saisonbeginn im DNN-Interview erzählt, dass er von der respektvollen Art und Weise, wie sich das Ensemble finde, beeindruckt sei. Löffners Inszenierung liest sich wie eine Bestätigung dessen. In mehr als drei Stunden Netto-Spielzeit packt sie Schnitzlers große Mischung: Religion, Politik, Freund-Feind-Schemata, Linien- und Frontverläufe, Selbstvergewisserung der Wissenschaft, Individualität, Scheitern, Aufstehen, wieder Scheitern. Beckett lässt grüßen.

Bernhardi wird zahlen für seine Entscheidung, zwei Monate Gefängnis, Entzug der Approbation. Nach seiner Entlassung will er zwar umgehend wieder als Arzt arbeiten, sich aber trotz seiner Erfahrung nicht politisch vereinnahmen lassen – eine Revisionsverhandlung lehnt er ab. Er bleibt konsequent (oder stur, je nach Lesart) apolitisch. Ob er so seine Rolle als Spielball von Gesundheitsministerin Flint (Birte Leest) bewusst ausblendet? Sie ließ ihn im Parlament, als ihr die Luft dünn wurde, über die Klinge springen.

Ist dieser Bernhardi vielleicht aber auch längst in Selbstüberschätzung geschlittert? Oder steht er für das Unbeugsame des Einzelnen? Jedenfalls ist es seine Unbedingtheit gegen Feind und Freund gleichermaßen, die seine Sollbruchstelle kennzeichnet.

Zum Finale hin wird es ein wenig operettig. Das ständige Telefonklingeln im Büro des Gesundheitsstaatssekretärs Winkler (Hendrik Heutmann) wirkt wie eine Reminiszenz an die Gattung Komödie. Auch die Figur des Landarztes Feuermann (Thomas Schumacher) wäre aus dramaturgischer Sicht verzichtbar. Doch Schnitzler legt Winkler zwei wirklich bemerkenswerte Sätze in den Mund, die dem letzten Akt dann seine Berechtigung geben. „Wenn man ständig das Richtige täte,…, so in einem fort den ganzen Tag lang das Richtige, dann säße man sicher noch vorm Abendessen im Gefängnis.“ Und auf Bernhardis Vorhalt, er – Winkler – hätte an seiner Stelle genauso gehandelt, antwortet der: „Dann wäre ich – entschuldigen Sie, Herr Professor – genauso ein Idiot gewesen wie Sie.“

Der Beifall hält trotz der besagten späten Längen sehr berechtigt an. Ensemble und Inszenierungsteam nehmen den Applaus bis zum Schluss gemeinsam entgegen, auch wenn sich Küster ohne weiteres seine Bravos hätte abholen können. Ein Auftakt in Arztgewittern. Ein guter.

nächste Aufführungen: 30. September, 3. Oktober

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Torsten Klaus

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