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Schillers "Die Jungfrau von Orleans" in einer Produktion der Bürgerbühne im Kleinen Haus Dresden

Schillers "Die Jungfrau von Orleans" in einer Produktion der Bürgerbühne im Kleinen Haus Dresden

Was treibt einen dazu, als vollbeschäftigter Jugendlicher (Turbo-Abi, extremer Leistungsdruck und so) zum Casting für die Bürgerbühne-Inszenierung von Schillers "Die Jungfrau von Orelans" zu gehen? Warum also dieser Stress mit dem Theaterspielen, wenn man das bisschen Freizeit auch "abchillen" oder bei Facebook verbringen kann? Die Gründe der am Projekt beteiligten Jugendlichen erfährt man aus den kleinen Texten im Programmheft.

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Sitaya Selbmann, eine der Johannas, und Jan Weber als Karl VII. Im Hintergrund halten sich Klara Wördemann (li.) und Maryam Raji.

Quelle: David Baltzer

Maryam Raji, die ihre nigerianische Mutter als Heldin sieht, wollte wissen, warum Johanna so eine tragische Heldin wurde. Sitaya Selbmann (Johanna Nummer 1) ist auch von starken Frauen fasziniert und fragte sich, warum Johanna so besonders war. Hanh Tran Thi Mai (Johanna Nummer 2) wollte nach einem früheren gescheiterten Versuch Regisseur Marc Prätsch überzeugen, dass sie Theater spielen kann. Klara Wördemann - sie und ihre Zwillingsschwester Maria spielen Johanna Nummer 3 und 4 - war auf Schüleraustausch in Orléans und hörte dort viel über Jeanne d'Arc. Für Alexander Herrmann war es schlicht eine Herausforderung, auf der Bühne zu stehen - sein Fazit: Er fühle sich dank dieser neu entdeckten inneren Freiheit "schauspieltastisch". Helena Laudel spielt kokett mit dem Charme der Ablehnung und zählt auf, warum es sich nicht lohnt, Theater zu spielen, und man sich von Bühnen und Regisseuren fernhalten sollte. Man vermeide so unter anderem verstauchte Füße, schlaflose Nächte, habe mehr Zeit für Freunde, Familie und Haarewaschen und müsse sich nicht (zusammengefasst ausgedrückt) zum Affen auf der Bühne machen.

"Die Jungfrau von Orleans", eine romantische Tragödie von Friedrich Schiller mit Dresdner Jugendlichen, ist eine personalaufwändige Produktion. Kein Wunder, dass beim Verbeugen das gesamte Team gerade so in voller Breite auf der Bühne des Kleinen Hauses stehen konnte. Mit den 17 jungen Darstellern arbeiteten Marc Prätsch (Regie), Philipp Nicolai (Bühne), Tine Becker (Kostüme), Sven Kaiser (Musik), Andreas Barkleit (Licht), die Dramaturgin Beret Evensen. Sami Bill schuf das Videomaterial und Axel Hambach erarbeitete mit den Jugendlichen die Kampfchoreografie. Denn es wird wie beim "richtigen" Theater gefochten und gekämpft. Auch Schiller-Text gibt es und die Stück-Handlung im Großen und Ganzen. Aber natürlich ist das Werk jugendlich aufgepeppt. Dem altersgemäßen Bewegungsdrang bietet die Bühne viel freie Fläche, inklusive Schrägen. Für die Stimmbänder sind eine Menge Schreipartien eingeplant, was teilweise als Wut daherkommt und manchmal auch nur als überflüssiges Geschrei. Die dramaturgische "Vereinfachung" des Textes, die über hinzugefügte moderne Sprache, Videotext und Übertreibungen funktioniert (am meisten bei dem Bauernvolk, das als plump, schiefmäulig und kuhäugig dargestellt wird) hilft sicherlich, den Stoff einem jungen Publikum nahezubringen. Und es gelingt auch, die Botschaft zu transportieren, dass Töten im Gottes Namen sinnlos ist, auch wenn man manchmal Verständnis für diese (hier vierfache) Kriegerin Johanna haben sollte. Eigene Bilder für Johannas Anderssein findet eine Filmsequenz am Anfang: Johanna als Außenseiterin im schulischen Alltag, die gefangengenommen und nach Arnsdorf abtransportiert wird.

Die Inszenierung, die zwei Stunden am Stück dauert, ist ein Auf und Ab von Parodie und Ernst. Mal tanzt die eine oder andere Johanna, die im eng anliegenden Silberdress an ein Bond-Girl erinnert, lässig und wild, mal übermittelt sie in leisen Tönen (die seltenen, aber die schönsten Momente) ihre Zerrissenheit. Teilweise kann man Figuren, die witzig wirken, nicht so richtig ernst nehmen. Der König von Frankreich zum Beispiel, Karl VII., wird von Jan Weber als Schwächling dargestellt, der "Ich bau dir ein Haus aus Schweinskopfsülze" singt und, statt Entscheidungen zu treffen, lieber mit seiner Geliebten auf Rügen Sanddorn sammeln will. Wenn dieser König an der Handlung teilnimmt, lächelt man spontan. Da verstehe einer, warum sich Karls Mutter, Königin Isabeau (Laura Hildebrandt), die bezaubernd Klavier spielt und den Feind unterstützt, so furienmäßig über ihren Sohn aufregt. Dann wiederum herrscht ein den Zuschauermagen umdrehender Theaterrealismus vor - etwa, wenn Johanna Nummer 2, die am längsten lächelnde Johanna, aus dem Helm eines getöteten verfeindeten Engländers blutige Nudeln verschlingt. Eine wirklich überzeugende Balance zwischen Spaß und Text gelingt Eduard Zhukov, der den "Verräter" Philipp von Burgund grotesk-würdevoll spielt. Eine schamanenhafte Nuance bringt Maryam Raji mit, die die Geliebte des Königs mimt und darüber hinaus als afrikanisch-traditionell gekleideter Geist auftritt. Am Ende scheint sie in einer "brennenden" Filmsequenz zornige Götter zu beschwören - in Yoruba, einem in West-Nigeria gesprochenen Dialekt. Vielleicht beschwört sie darin "nur" die Ignoranz der Europäer gegenüber den Afrikanern, die immer in die Schublade "arm und ungebildet" gesteckt werden. Zur "Jungfrau von Orleans" passt jedenfalls dieser Zorn, irgendwie - wie auch andere Assoziationen und Ideen auch irgendwie dazu passen (und einige eben nicht).

Das vorwiegend junge Premierenpublikum fand Gefallen an dieser Version von Schillers romantischer Tragödie und applaudierte begeistert.

Bistra Klunker

nächste Aufführungen: 1., 11., 27.10. jeweils 19.30 Uhr

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.09.2012

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