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Scheitern ist auch ein Weg: Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden: "Was tun" von Lutz Hübner

Scheitern ist auch ein Weg: Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden: "Was tun" von Lutz Hübner

Es gibt viele Arten von Komödien. Und eben auch solche, wo einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Das jüngste Stück von Lutz Hübner, uraufgeführt im Schauspielhaus Dresden, gehört eher nicht zu dieser existenziellen Kategorie.

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Hannelore Koch, Albrecht Goette, Ines Marie Westernströer und Benjamin Pauquet (v.l.).

Quelle: Matthias Horn

Aber es hat seine eigenen Qualitäten, und die muss man auch nicht kleinreden. Hübners Stücke zielen auf allzu Menschliches im Hier und Jetzt, lassen vermuten, dass Scheitern eben auch ein Weg ist.

Möglicherweise bezieht sich der Autor mit dem ohne Fragezeichen verwendeten Titel auf Lenins "Was tun?", und die lustvoll gehandhabte Verquickung seiner Protagonisten verweist auf ein abenteuerliches Gesellschaftsgemenge - die einstige Vorstellung der Avantgarde ist eh längst in Frage gestellt. Lutz Hübner hat überhaupt so seine eigene Art, das Oben und Unten zu erkunden, spielt sich auch nicht zum Richter darüber auf, was richtig oder falsch ist. Er ist ein aufmerksamer Beobachter des Zeitgeschehens, versteht sich im besten Sinne auf "Gebrauchsdramatik", und das hat seinen steten, Erfolg versprechenden Reiz. Vielleicht einen weniger spektakulären, doch auch keinen sich anbiedernden. Hübner ist Hübner - man kann sich das halbwegs vergnügt und angeregt anschauen. Und muss sich über das eigene Lachen nicht schämen.

Nach Hübners Dauerbrenner "Frau Müller muss weg" lag die Inszenierung von "Was tun" am Staatsschauspiel Dresden nun erneut in den Händen von Barbara Bürk. Die Regisseurin, die mit dem Autor bereits seit vielen Jahren zusammenarbeitet, ist nicht minder eine genaue Beobachterin, hat ein gutes Gespür für Zeitläufe, Konstellationen. Sie macht aus den Dargestellten trotz verführerischer Momente keine Karikaturen, zeigt sie mit allen Macken und Eigenheiten, aber sie stellt sie nicht bloß.

Die Aufführung beginnt mit einer großen Mobiltelefonie im Halbrund der Tische im Hintergrund. Und sie endet mit dem erneut musikalisch assoziierten ultimativen "Geklingel" jener über den Raum Verteilten, die vor dem Einschlafen ihr zeitgemäßes "Vater unser, der Du bist im Handy" eingeben, als ginge es um ein Requisit frühester Kindheit. Der äußerst produktive Autor wartet (unter Mitarbeit von Sarah Nemitz) hier mit einem Stück auf, in dem fortlaufend sehr unterschiedliche Geschichten miteinander verquickt sind, und der Kontext erschließt sich im Ungesagten, auch in der Art, wie Begegnungen den Lauf der Dinge verändern. Offen und durchlässig wirkt dabei die Bühne von Anke Grot, die sich sympathisch spielerischer Mittel bedient, darunter ein frei im Raum aufgestellter Türrahmen oder ein "begehbarer" Wandschrank.

Die Aufführung ganz ohne Pause schafft es auch, dass die Übergänge zwischen den jeweiligen Erzählsträngen fließend sind, und so gelangt man auf die eher sanfte Art von der einen in die andere Geschichte. Dafür aber krachen die ineinander geschobenen Szenen in ihren Inhalten und Spielweisen wie Eisschollen aufeinander, und die Darsteller verwandeln sich in wechselnden Rollen auf wahrhaft dramatische, auch entblößende Weise. Keiner weiß, wie es kommt, aber alle machen mit.

Im deutlichen Vertrauen auf den Text sind der Regisseurin recht eindringliche Szenen gelungen. Beispielsweise dann, wenn sie Gäste und Gastgeber der Party von Sibylla wie Sandwich-Scheiben aneinanderreiht und dabei die diversen Abhängigkeiten herausstellt. Zu dieser Vierergruppe gehören Hanno (Christian Erdmann) als überforderter Feingeist, der seine lyrischen Perlen nicht vor die Ignoranten werfen will, wie auch Richard (Holger Hübner), dem die Fürsorge für seinen Freund schon längst zur beklagten Last geworden ist. Mit dabei als Steuerfrau ist auch die kapriziöse Sibylla (Hannelore Koch) sowie Edgar (Albrecht Goette), der Mann in ihrem Schatten.

Letztere treffen ebenso aufeinander, wenn der pensionierte Gewerkschafter Karl die Altenpflegerin Bine dabei unterstützen will, das Aufbegehren gegen ihre Entlassung öffentlich zu machen. Doch diese Aktion scheint nutzlos zu sein, wenn da nicht noch in letzter Minute die scheinbar unbedarfte Zeitungspraktikantin Luise (Ines Marie Westernströer) gekommen wäre, die letztlich weitaus mehr Charakter zeigt, als man zunächst annehmen mag. Es ist ein berührender Moment, wenn Karl und Luise miteinander am Bühnenrand sitzen; er fühlt sich ausgestoßen, unverstanden und sie sich unterschätzt, nicht für voll genommen.

Und überhaupt gibt es viele, viele Fragen in diesem Stück. Wie ernst nimmt man den anderen? Was bedeutet für jeden Akzeptanz, Toleranz? Wie viel Nähe ist möglich und wer flieht vor wem? Was steckt hinter der Wut von Bines Sohn Tim (Benjamin Pauquet), und welcherart Befreiung erhofft sich Andreas (Tom Quaas), wenn er mit Judith (Karina Plachetka) nach dem Krach mit Monika (Anna-Katharina Muck), der Frau seines Freundes, in den Swingerclub aufbricht, wo sie sich freiwillig in Paradiesvögel verwandeln. Einheitsantworten gibt es dazu nicht. Und die Arten der Demütigungen, Anbiederungen, der eigenen Aufwertung oder Infragestellung sind höchst verschieden.

Aufführungen: 11. und 25.10.; 10., 16. und 23.11.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.10.2012

Gabriele Gorgas

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