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Regional Samy Deluxe erinnert bei seinem Dresdner Konzert an die "Gute Alte Zeit"
Nachrichten Kultur Regional Samy Deluxe erinnert bei seinem Dresdner Konzert an die "Gute Alte Zeit"
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17:39 09.09.2015
Samy Deluxe Quelle: PR

Nun, um sich solch ein Album zu kaufen, braucht man ein ähnlich musikalisches Faible wie Deluxe oder gesteigertes Interesse an dieser Art von Sprechgesang. Was die Vorlieben angeht, da hat sich in den letzten Jahren viel getan, da sind aus den Trendsettern der 90er mehr oder weniger verhaltene Rebellen geworden, einige haben das Mikrofon ganz abgeklemmt, und andere klinkten sich in den Mainstream der Unterhaltungsindustrie ein. Auf jeden Fall ist es schwer, das Publikum heute noch mit guten Texten und dem Stil der DJs zu unterhalten.

Auch die Reithalle hätte gut und gern doppelt so viele Fans vertragen. So blieb man unter sich und feierte ein kleines Musikfestival, das vom Blick zurück lebte. In manchen Momenten kam vielleicht auch unfreiwillig eine gewisse Splash-Romantik zum Vorschein. Da blitzte noch einmal der Geist jenes Festivals auf, das einige Jahre vor den Toren von Chemnitz stattfand und die Stadt für ein Wochenende zur Hauptstadt der Szene aufsteigen ließ. In den Anfangsjahren dieses Festivals wurde genau das gelebt, was Samy Deluxe heute noch wehmütig besingt. Da war von einer kulturellen Vielfalt die Rede, von Sprayern, BMX-Fahrern, Skatern, MCs und DJs. Alles zusammen gehörte zu einer Kulturbewegung, die Jahr für Jahr mehr von ihrer Bedeutung verlor. Damals war das kaum einem bewusst, mit welchen kleinen und großen Schätzen verschwenderisch umgegangen wurde, was es bedeutet, wenn plötzlich Tausende ihren Reim aufs Geld versuchen und am frisch gebackenen Kuchen bedenkenlos mitknabbern. Das Resultat sehen und hören wir heute, wenn die Goldkettchen überall verteilt, die Computersounds unter mittelmäßige Texte gepackt werden und Krimiallüren wichtiger sind als der gute Ton.

Jetzt ist es schwer, eine neue Generation von diesem Musikgefühl zu begeistern und einem nachwachsenden Publikum HipHop so nahezubringen, dass er nachhaltig und inspirierend verstanden werden kann. Zumindest hat Samy Deluxe gemeinsam mit seiner kleinen Band eine lange Lanze dafür gebrochen, dass er nur die "Reime fürs Volk" schreibt, er sich nicht zu schade ist, auch mal "Perlen vor die Säue" zu werfen, immer in der Hoffnung, dass er der Szene zu neuem Mut verhelfen kann. Zugegebenermaßen lag Deluxe auch nicht immer tongenau inmitten der Hochkultur und textete in seinem "Poesie Album" ziemlich schräg von Bertolt zu Erfolg und Shakespeare zu check den Text hier. Wer solche Eskapaden verzeihen konnte, der war unterm Strich gut unterhalten.

Auf seinem gerade erschienenen Mixtape hat er einige seiner alten und neuen Weggefährten auf einem Tonträger souverän zusammengeführt. Da stehen Megaloh, Eko Fresh und Bengio auf dem Cover neben seinem alten Kumpel Afrob und dem sympathischen Tourmusiker Matteo Capreoli. Letzterer schenkt nicht nur mit seiner Gitarre und den Beats allen Songs einen irrsinnig organischen Einschlag, Capreoli ist auch Wortkünstler und Partner auf der Bühne. Gemeinsam haben sie das Zeug, den Tausenden von MCs die Stirn zu bieten, zu zeigen, wie energisch die HipHop-Kultur heute noch kämpft und dass es endlich an der Zeit ist, diese Kultur zu neuem Leben zu erwecken, die Goldkettchen ebenso der Vergangenheit angehören sollten wie der klassische Griff in den Schritt und einfach strukturierte Songs.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.10.2014

Stephan Wiegand

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