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Regional “Ich werde nie auf irgendetwas verzichten“
Nachrichten Kultur Regional “Ich werde nie auf irgendetwas verzichten“
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07:30 27.09.2018
Geht im Januar mit seiner Band auf Tour: Christian Friedel Quelle: Anja Schneider
Dresden

„Hamlet“ hat am Dresdner Staatsschauspiel die 100. Vorstellung längst hinter sich gelassen. Dass ein Theaterstück so lange an einer Spielstätte läuft und nach wie vor ausverkauft ist, das ist eine Seltenheit. Christian Friedel und seine Band Woods of Birnam tragen maßgeblich zu diesem Erfolg bei, wollen nun aber weg vom Image der Theaterband. Mit dem dritten Studioalbum „Grace“ könnte das gelingen. Lisa-Marie Leuteritz hat sich vorab mit dem Sänger und Schauspieler getroffen und mit ihm über die neue CD sowie zukünftige Absichten gesprochen.

In der Pressemitteilung zum neuen Album „Grace“ wird gesagt, dass dies für einen wichtigen Schritt in der Bandgeschichte steht. Was bedeutet das?

Christian Friedel: Nach dem Theateralbum und den Stücken, die wir gemacht haben, sind wir sehr oft als Theaterband eingestuft worden. Das ist zwar nicht so schlimm, aber es ist nur eine Facette von uns. Das Album ist jetzt ein nächster Schritt, weiter in der Musikszene Fuß zu fassen. Mit Grace wollten wir musikalisch etwas Neues ausprobieren und musikalische Experimente eingehen, um unseren Sound zu finden. Bei diesem Album haben wir uns unter anderem von den Einflüssen unserer Jugend in den achtziger und neunziger Jahren inspirieren lassen.

In welchem Genre seht ihr euch?

Ich glaube, wir machen schon Indiepop, aber ich nenne es lieber atmosphärische Popmusik.

Ihr habt Grace über zwei Jahre produziert. Los ging es schon 2016, allerdings habt ihr die Arbeit für das Theater- und Musikprojekt „Searching for William“ unterbrochen. Hat diese Pause das Album beeinflusst?

Auf jeden Fall. Nach über einem dreiviertel Jahr Pause haben wir sozusagen mit frischen Ohren wieder reingehört. Und das war schon toll, weil du hörst noch einmal ganz anders hin. Wir haben einen Song, der noch mal komplett umgedichtet und anders produziert wurde. Das ist wie ein Reifeprozess und der hat dem Album gut getan. So wie es jetzt klingt, hätte es vor eineinhalb Jahren nicht geklungen.

Du verarbeitest in diesem Album eine sehr persönliche Geschichte, den plötzlichen Tod deiner Mutter. Auch wenn die Musik in Teilen sehr poppig ist, wird das Auf und Ab der Trauerzeit in Text wie Musik sehr deutlich. Ist das so beabsichtigt?

Die Initialzündung zum Album war natürlich der plötzliche Tod meiner Mutter und die Verarbeitung in der Zeit danach. Aber es ist trotzdem ein Bandalbum und wir haben uns viel mit dem Thema Verlust, gleichzeitig aber auch mit den Fragen, was Familie bedeutet und wofür es sich zu leben lohnt, beschäftigt. Wie war es, als wir uns noch in der Geborgenheit unserer Eltern befanden und wie haben wir uns davon gelöst – diese Themen sind uns alle angegangen und die haben wir in „Grace“ verarbeitet. Man muss nicht immer gleich so einen harten Verlust erlebt haben, um sich in dem ein oder anderen Song wiederzufinden.

Wie entsteht bei euch ein Song?

Wenn ich Lieder komponiere, gibt es zwei Modelle. Einmal, dass ich mich am Piano einfach treiben lasse und ein Grundgefühl entwickele. Ich improvisiere dann viel und verliebe mich in dieser Phase auch gern in Wörter, so war es beispielsweise auch bei dem Wort „Grace“. Mit unserem Gitarristen Philipp Makolies habe ich diesmal fast alle Songs des Albums komponiert und er kam manchmal mit einer Grundstruktur, auf der ich dann gesanglich improvisiert habe. Im Refrain habe ich dann immer wieder das Wort Grace gesungen, das war einfach ein Bauchgefühl. Darauf habe ich dann gemeinsam mit dem Native Speaker und Singer/Songwriter Duncan Townsend die Texte geschrieben. Bei den Songs für unser letztes Theaterprojekt „1984“ dagegen hatten wir auf bereits geschriebene Texte die Musik komponiert.

Welche Variante magst du lieber?

Es ist auf jeden Fall anstrengender, einen Song ohne Text zu beginnen. Denn der Text kann noch mal viel verändern. So war es bei unserem neuen Song Hommage au Soleil, der hat die größte Metamorphose hinter sich. Da waren wir uns lange unsicher, ob er nicht zu fröhlich ist und überhaupt in den Bandkontext passt. Aber er passt perfekt, weil er ähnlich humorvoll ist, wie wir es sind.

Hat der Albumtitel Grace eine bestimmte Bedeutung?

Grace steht ja für die Anmut und die Schönheit. Wir übersetzen das für uns als Attribute für das Leben. Wir wollten trotz aller Schicksalsschläge ein starkes und dem Leben zugewandtes Album machen. Und „Grace“ war für uns deshalb ein schönes Bild dafür.

Ihr habt das Album ja als Band gemeinsam geschaffen. Du hast ja aber auch jede Menge andere aktuelle Projekte im Theater- und Fernsehbereich. Wie findet ihr als Band die gemeinsame Zeit?

Wie in jeder guten Beziehung ist es wichtig, dass man nicht die ganze Zeit aufeinander hängt (lacht). Dennoch ist die Band eines meiner intensivsten Projekte. Da ich auch in Dresden wohnen geblieben bin, was viel mit Woods of Birnam zu tun hat, funktioniert das auch ganz gut. Es gibt sehr intensive Phasen, aber auch Zeiten, wo wir uns selten sehen. Bei der Produktion des Albums beispielsweise haben wir uns in kleine Gruppen aufgeteilt. Wären wir alle gemeinsam in Bochum gewesen, hätten wir uns vielleicht zu sehr verzettelt. Dieses Prinzip hat für uns sehr gut funktioniert.

Wie bekommst du persönlich all deine Projekte unter einen Hut?

Es inspiriert sich alles irgendwie gegenseitig. Ich versuche es oft zu verbinden, wenn es möglich ist. Es ist toll, dass ich das alles machen kann. Aber so langsam komme ich an einen Punkt, wo ich merke, dass ich Prioritäten setzen muss. Vielleicht ist das ein Teil des Erwachsenwerdens, was ja nie aufhört.

Wohin werden sich deine Prioritäten entwickeln?

(lacht) Wenn ich das schon wüsste! Das kann ich ganz schlecht sagen. Ich werde nie auf irgend etwas verzichten. Aber ich merke schon, dass die Musik mich aktuell am meisten interessiert. Wir genießen als Band das langsame, aber stetige Wachstum, was sich mit unseren derzeitigen Lebensentwürfen gut vereint.

Sind weitere Projekte, vor allem auch am Dresdner Theater, geplant?

Wir sind derzeit mit Joachim Klement in Gesprächen. Es könnte sein, dass wir in der nächsten Spielzeit ein neues Projekt machen. Was es sein wird, ist aber noch nicht klar. Da Hamlet nun nach Düsseldorf zieht, wollen wir hier in Dresden etwas nachlegen. Das ist uns sehr wichtig. Auch das „Come to the Woods“ - Festival soll im kommenden Jahr wieder stattfinden, da sind wir bereits mit tollen Bands in Kontakt. Vielleicht ist es auch, gerade in Sachsen, an der Zeit, ein bisschen politischer zu werden.

Inwiefern?

In der heutigen Zeit und bei den aktuellen Strömungen ist es wichtig, dass man sich als Künstler positioniert und eine Meinung vertritt. Vielleicht machen wir auch ein Projekt, was eine politische Note bekommt.

Entwickelt sich da ein gewisses Verantwortungsgefühl, wenn man durch Musik und Theater die Möglichkeit hat, sich zu politischen Themen zu positionieren?

Gerade im Theater ist das sehr wichtig. Das ist ein gesellschaftlicher Assoziationsraum, der den Leuten einen Spiegel hinhält. Man muss aber aufpassen, dass man ihnen nicht vorschreibt, wie sie zu denken haben. Viele Menschen, die gerade auf die Straße gehen – abgesehen von den unsäglichen Rechten und Populisten – haben eine Wut und Unzufriedenheit in sich. Sie hören nicht zu, weil sie eben die ganze Zeit das Gefühl haben, ihnen wird vorgeschrieben, was sie zu denken haben oder was sie angeblich sind. Man hat den Drang, Menschen mit seiner Kunst zu inspirieren, bei denen es noch nicht zu spät ist – ihnen sagen, dass man ihre Wut versteht, sie aber bitte einen Schritt weiter denken sollen. Wie man das macht, keine Ahnung. Wichtig ist, dass ein Dialog stattfindet, das darf nicht vergessen werden.

Ist es gerade in diesen Zeiten nicht schwer, das Durchhaltevermögen aufzubringen und noch ein politisches Projekt zu beginnen?

Ja, vor allem muss verstanden werden, dass wenn man gegen Nazis ist, man nicht automatisch linksradikal ist. Ich glaube, die Mitte der Gesellschaft ist uns in den letzten Jahrzehnten abhanden gekommen. Dass Toleranz und Weltoffenheit gelebt werden kann, ohne Schubladendenken, das wäre wünschenswert, aber die Deutschen lieben leider Schubladen. Hier versteckt sich vielleicht die Angst vor Vielseitigkeit. Der Rechtsruck wird oft auf den Osten geschoben, ich denke aber das ist ein gesamtdeutsches, ja ein europäisches Problem.

Zum Schluss noch ein anderes Thema: Welche Rolle würdest du gern mal spielen und welcher Charakter war rückblickend dein liebster?

Ich bin schon immer offen für jegliche Rollen und froh, dass ich nicht der typische Liebhaber-Typ bin, der immer sexy sein muss. Es gibt nicht die eine Rolle, die ich unbedingt spielen will. Ich denke, da wird noch vieles kommen, was mich überrascht. Meine liebste Rolle hier am Dresdner Theater, neben Hamlet, war die Portia in dem Stück „Kaufmann von Venedig“. Eine Frau zu spielen, die sich im Laufe des Stücks als Mann verkleidet, hat unheimlich viel Spaß gemacht.

„Grace“ erscheint am 5. Okotber, 12 Lieder, 15,99 Euro (Vinyl 23,99 Euro), Royal Tree Records (Broken Silence)

Konzert am 13. Januar 2019 im Beatpol

www.woodsofbirnam.de

Von Lisa-Marie Leuteritz

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