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Regional Sänger Monchi spricht in Dresden über Doku „Wildes Herz“
Nachrichten Kultur Regional Sänger Monchi spricht in Dresden über Doku „Wildes Herz“
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18:15 05.07.2018
Jan „Monchi“ Gorkow, Mitglied der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“, ist in der Dokumentation "Wildes Herz" zu sehen. Lokalpatriot, Rebell, Vorpommer – Monchi erfindet mit seiner Musik das Landleben ganz neu. Quelle: Neue Visionen Filmverleih
Dresden

„War schon okay“ hätte die Einschätzung seiner Freunde nach der Premiere gelautet, meinte Jan Gorkow alias Monchi von Feine Sahne Fischfilet nach der Vorführung des Films über ihn und die Band bei den Filmnächten am Elbufer. Und das wäre in Mecklenburg schon ein echtes Kompliment.

Ob „Wildes Herz“ ein Heimatfilm sei? „Keine Ahnung. Das könnte vielleicht der Charly Hübner sagen. Geht halt darüber, wo ich lebe, und dass ich gern da lebe.“ Da Regisseur Hübner an dem Abend wegen seines Hauptjobs als Schauspieler verhindert war und lediglich eine launige Videobotschaft vom Set des „Polizeiruf“ schickte, sei hier aus Rezensentinnen-Sicht geurteilt: Ja, es ist ein Heimatfilm. Und zwar einer, der den Titel verdient. Denn in der Doku geht es um die Realität des nordostdeutschen Bundeslandes, wo die AfD bereits bei der Landtagswahl 2016 mit über 20 Prozent zweitstärkste Partei wurde. Und um Menschen, die trotzdem und gerade deswegen entschieden gegen Fremdenfeindlichkeit, Sexismus und Homophobie eintreten – und das voller Liebe zum Land.

Über vier Jahre hinweg hatte Charly Hübner Feine Sahne Fischfilet begleitet, danach gab es über 120 Stunden Material. Plus die Archivaufnahmen, die vor allem die ersten Strecken des Films dominieren. Fotos und Videofilme des hyperaktiven Kinds Jan Gorkow, von dem die Eltern sagen, dass er nur minutenlang geschlafen habe und sie immer befürchtet hätten, es sei etwas passiert, wenn er mal länger ruhig war.

Später sollten sie richtig Grund zur Furcht bekommen: Gorkows geballte Energie, wohl auch der Drang, etwas zu tun, entlud sich beim 14-Jährigen in der Ultra-Szene von Hansa Rostock. Der Film unternimmt einen kurzen Versuch, die Faszination des „Mobs“ – so nennen sie sich anscheinend selbst – zu deuten, muss damit aber scheitern. Um solche archaischen Stammesrituale zu erklären, bräuchte es eine eigene Doku mit Beiträgen von Anthropologen, Psychologen und Sozialarbeitern.

Lokalpatriot, Rebell, Vorpommer – Jan „Monchi“ Gorkow erfindet mit seiner Musik das Landleben ganz neu. Quelle: Neue Visionen Filmverleih

Immerhin: Gorkow – Monchi – war schon als Heranwachsender intelligent genug zu erkennen, dass ihm eine solche kriegerische Art der Heldenverehrung nicht reicht. Und er wurde politisiert. Ob er die faschistischen Strömungen unter den Hansa-Fans wahrnahm, erfährt man leider nicht, wohl aber, dass ihm die Tendenzen überall im Land bewusst wurden. Und er kommt in seiner eigenen Jahrgangsstufe am Gymnasium mit seinen Mit-Bandmitgliedern zusammen. Der Rest ist nicht nur Musik-, sondern auch Protest- und Aktivistengeschichte. Und eine des Verfassungsschutzes, der die Band über Jahre hinweg observierte, sie in mehreren Berichten als „linksextrem“ führte. Gorkow dazu – keinesfalls stolz, sondern konstatierend: „2012 stand im Verfassungsschutzbericht über alle Nazi-Bands in Mecklenburg-Vorpommern zusammen – und da gab es viele – nicht so viel wie über uns.“

Während eine Ex-Freundin des Sängers sich dazu äußert, wie bedrängend es gewesen sei, einen Peilsender am Auto zu entdecken und sich zu überlegen, in welchen Situationen die Schlapphüte ebenfalls quasi dabei gewesen wären, nahm die Band die Links-Fokussierung der Staatsschützer mit Ironie: Hübner filmte, wie sie dem Pressesprecher des Verfassungsschutzes einen großen Präsentkorb für die „großartige Werbung“ überreichten. Plus die aktuelle CD. Zum sorgfältigen Hören.

Dankenswerterweise hakt Hübner jedoch auch ein bei dem Song „Wut“, der mit seiner Refrainzeile „Niemand muss Bulle sein“ auch denen gegen den Strich geht, die prinzipiell ähnlich denken wie Feine Sahne Fischfilet. Gorkows Antwort wirkt authentisch und ist halbwegs nachvollziehbar: Sie hätten an so vielen Demonstrationen, Aktionen, Blockaden teilgenommen und immer wieder miterlebt, wie Rechte mit Samthandschuhen angefasst, Linke jedoch bedrängt wurden.

Dass Gorkow die treibende politische Kraft innerhalb der Band ist, auch wenn bei den Songcredits grundsätzlich alle Mitglieder aufgeführt werden, wird endgültig klar, wenn es um die Kampagne „Noch nicht ganz im Arsch“ im Vorfeld der Landtagswahl geht. Man sieht die sechs Männer zusammensitzen und Monchi erläutert seinen Plan, „die Bekanntheit schamlos auszunutzen“, um ein weiteres Erstarken der rechtsextremen Kräfte im Land zu verhindern. Was zu zig Konzerten führte, zu erfolgreichen Kooperationen mit Kommunen, zu Gastauftritten von Marteria und Campino. Und vielleicht ja sogar verhinderte, dass die AfD stärkste Partei in Mecklenburg-Vorpommern wurde.

Fans dürfen auf ein baldiges Wiedersehen mit Monchi und der Band hoffen: Insgesamt 18 weitere Konzerte stehen für den Spätherbst als Zusatzshows der ausverkauften „Alles auf Rausch“-Tour an. Auch in Dresden spielen die sechs Männer am 1. Dezember im Alten Schlachthof Songs ihres aktuellen Albums „Sturm & Dreck“. Der Vorverkauf startet am heutigen Freitag, den 6. Juli um 12 Uhr. Tickets gibt es online auf www.tixforgigs.com und an allen bekannten Vorverkaufsstellen.

Von Beate Baum

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