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Regional „Dem Brahms können Sie glauben“: Sächsische Staatskapelle in Kaliningrad
Nachrichten Kultur Regional „Dem Brahms können Sie glauben“: Sächsische Staatskapelle in Kaliningrad
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17:58 28.05.2018
Große Kapelle: Auch der Sächsische Staatsopernchor war für das Konzert im Kaliningrader Dom angereist. Quelle: Matthias Creutziger
Dresden/Kaliningrad

Ein Requiem ins Zentrum einer Konzertreise zu setzen, das hat symbolischen Wert. Ein Requiem allerdings nicht als Nachruf, sondern zum Nach-Denken. Während die Sächsische Staatskapelle auf ihrer aktuellen Europa-Tournee in Moskau und Sankt Petersburg mit dem Pianisten Denis Matsuev Franz Liszts 2. Klavierkonzert sowie die 4. Sinfonie von Johannes Brahms präsentiert hat und mit diesem Programm (zu dem auch zwei Ouvertüren Carl Maria von Webers gehören) heute Abend im Pariser Théâtre du Champs Élysées auftreten wird, hat sie am Sonntag im russischen Kaliningrad Brahms’ Deutsches Requiem aufgeführt. Eigens zu diesem Konzert sind auch der Sächsische Staatsopernchor sowie die Sopranistin Christiane Karg und Bariton Christoph Pohl angereist.

Ein Aufführungsort mit symbolischer Strahlkraft

Ein Requiem im Tourneeprogramm? Das ist nur auf den ersten Blick etwas ungewöhnlich. Denn angesichts der besonderen Historie von Kaliningrad, das früher Königsberg hieß und eng mit der ostpreußischen Geschichte verbunden war, hat sich dieses Werk geradezu aufgedrängt. Zumal auch der Aufführungsort symbolische Strahlkraft besitzt, der heute als Konzertstätte genutzte Dom auf der Pregel-Insel. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war er fast völlig zerstört, ihm drohte zeitweise ein ähnliches Schicksal wie die nahezu komplett verschwundene Altstadt von Königsberg. Jahrzehntelang standen die Reste des Doms ruinös mahnend inmitten der inzwischen von tristen Plattenbauten beherrschten Stadt, bis Anfang der 1990er Jahre erfolgreich der Wiederaufbau begonnen worden ist. Parallelen zur Vergangenheit Dresdens drängen sich geradezu auf.

Hier ist mit dem Brahms-Requiem Anfang Mai das 200-jährige Bestehen des Staatsopernchores würdig gefeiert worden, nun wurde damit in Kaliningrad ein Konzert gestaltet, das in höchster Weise ergreifend geriet. Schon vorab würdigte Andrej Ermak, der im Oblast Kaliningrad zuständige Kulturminister, diesen Abend als „größtes musikalisches Ereignis des Jahres“ in seiner Stadt. Mit einem Augenzwinkern erwähnte er, dass die Staatskapelle regelmäßig in den besten Konzertsälen der Welt auftritt – und nun also auch der Dom von Kaliningrad dazu gezählt werden dürfe.

Stimmschön und emotional aufgeladen

In der Tat füllten Chor und Orchester unter der musikalischen Leitung von Chefdirigent Christian Thielemann den bis auf den letzten Platz gefüllten Backsteinbau (in dem bereits sein Quasi-Amtsvorgänger Richard Wagner gewirkt hat) mit einer beeindruckenden Aufführung, in der sich Symbolwert und künstlerische Qualität miteinander verbanden. Geradezu impulsive Gesangsleistungen flossen mit bis ins Extreme nuanciertem Orchesterausdruck zusammen, stimmschön und emotional aufgeladen gestalteten zudem Christiane Karg und Christoph Pohl ihre Solopartien.

Mit welcher Wirkung hier die Macht der Musik auf das Kaliningrader Publikum traf, zeigte sich im überquellenden Beifall. Stehender Applaus, Jubelrufe und Blumensträuße waren der Dank für dieses einmalige Ereignis.

Christian Thielemann war sich der Bedeutung dieses zentralen Punktes seiner Europa-Tournee durchaus bewusst und begründete die musikalische Sendung gegenüber DNN so: „Weil wir diejenigen sind, die sich trotz einer politisch veränderten Großwetterlage auf das beziehen, worum es wirklich geht: nämlich dass die Kontakte zwischen den Menschen über die Kunst nicht nur intensiviert, sondern überhaupt aufrecht erhalten werden.“ Es solle ihnen nach solch einem Konzert grundsätzlich besser gehen, so der Dirigent, denn „wir Künstler sind doch diejenigen, die den Menschen eine positive Botschaft bringen“.

„Den Leuten hat´s echt gefallen“

Im Rückblick auf die Konzerte in Moskau und Sankt Petersburg meinte er, das russische Publikum sei „mit großer Liebe“ dabei. Auch wenn in der Brahms-Sinfonie nach jedem Satz geklatscht werde, „den Leuten hat’s echt gefallen – und das ist doch das Wichtigste. Jeder drückt das eben etwas anders aus.“

Auch Thielemann, dem die ostpreußische Geschichte Herzenssache ist, würdigte das Kaliningrader Konzert als herausragend: „Dieser Dom ist ein ganz besonderer Ort. Ich freue mich, dass die Stadt nach und nach wieder aufblüht.“ Die Musik könne den Menschen eine wichtige Hilfe sein, denn das Publikum habe ein Gespür für Ehrlichkeit. „Dem Brahms können Sie glauben, sein Requiem soll nichts sein, das einen runterzieht – deswegen haben wir es ja auch zum Chorjubiläum gespielt –, man wird allerdings in eine nachdenkliche Stimmung versetzt, die zum Schluss in Hoffnung mündet.“

Von Michael Ernst

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