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Sachsens Verdienstorden-Träger Heinz-Joachim Aris im DNN-Interview

Sachsens Verdienstorden-Träger Heinz-Joachim Aris im DNN-Interview

Der Sächsische Verdienstorden ist die höchste freistaatliche Auszeichnung. Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) verlieh ihn vor wenigen Tagen an Heinz-Joachim Aris, den Vorsitzenden des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden.

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Erhielt vor kurzem den Sächsischen Verdienstorden: Heinz-Joachim Aris, Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden.

Quelle: Carola Fritzsche

DNN-Autorin Jane Jannke hat mit dem 78-Jährigen über Vergangenheit und Zukunft der Jüdischen Gemeinde zu Dresden gesprochen.

Frage: Herr Aris, Sie sind jetzt Träger des Sächsischen Verdienstordens. Wurde Ihnen zuvor schon einmal eine ähnliche Ehrung zuteil?

Heinz-Joachim Aris: Nein, ich habe zuvor nie eine derartige Auszeichnung erhalten, ich gehöre nicht zu den Hochdekorierten vergangener Epochen. Ich habe einmal einen Orden für meine beruflichen Erfolge erhalten, das nannte sich "Banner der Arbeit im Kollektiv". Aber auch den halte ich in Ehren.

Als wesentliches Erfüllungskriterium nannte Ministerpräsident Tillich Ihr Engagement in der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, in der Sie 25 Jahre lang aktiv waren. Wo liegen die Wurzeln Ihres Engagements?

Obwohl ich bereits seit meiner Geburt Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Dresden bin - meine Mutter war zwar keine Jüdin, heiratete aber einen jüdischen Mann, meldete mich und meine Schwester in der jüdischen Gemeinde an und trat selber später zum jüdischen Glauben über - begann ich erst nach dem Tod meines Vaters 1987, aktiv in der Gemeinde mitzuwirken. Ich folgte ihm damals in den Vorstand der Gemeinde.

Wie sah das Leben in der Jüdischen Gemeinde damals zu DDR-Zeiten aus? Anders als heute?

1987 hatte die Jüdische Gemeinde in Dresden nur 61 Mitglieder, es gab einen ehrenamtlichen fünfköpfigen Vorstand und eine Sekretärin. Das Gemeindeleben war stark reduziert, aber dafür sehr intensiv. Das waren alles Menschen, die den Holocaust er- und überlebt hatten, die in der Gemeinde Geborgenheit und Heimat suchten. Prinzipiell war die DDR-Zeit für die Dresdner Juden aber eine vergleichsweise unbeschwerte. Wie heute auch erhielten wir finanzielle Förderung.

Wo wurde jüdische Tradition zelebriert? Die Neue Synagoge gab es ja damals noch nicht.

Nein, aber ganz so schlecht hatten wir es gar nicht. Die Gemeinde hatte über den Krieg hinweg Eigentum retten können. Das Haus Bautzner Straße 20 war während des Nationalsozialismus als "Judenhaus" bei uns verblieben. Hier kamen jene Juden unter, die ihre eigentlichen Wohnungen verlassen mussten. Bis Ende der 40er Jahre fungierte es als Gemeindehaus. Ab 1948 bauten Stadt und Land dann auf dem Neuen Jüdischen Friedhof eine neue Feierhalle, die gleichzeitig unsere Synagoge war.

Sie selbst haben als Kind mit Familie den Nationalsozialismus in Dresden erlebt. Wie haben Sie überlebt?

Die Tatsache, dass meine Mutter Arierin war, trug die wesentliche Last unseres Überlebens. Als so genannte "Geltungsjuden" waren wir rassisch Juden gleichgestellt, mussten Sterne tragen, durften nicht zur Schule gehen. Dennoch wirkte der nichtjüdische Elternteil lebensrettend. Mein Vater leistete gemeinsam mit Victor Klemperer Zwangsarbeit bei "Tee-Schlüter". 29 seiner Verwandten kamen in den Lagern um, darunter meine Großmutter. Am 16. Februar 1945 hätten wir dann doch noch deportiert werden sollen. Mein Vater hatte den Stellungsbescheid am 13. Februar beim Obmann abgeholt. Die Bombardierung am gleichen Abend rettete uns vermutlich ein letztes Mal das Leben - eine tragische Verknüpfung.

Und vor dieser schrecklichen Zeit? Haben Sie Erinnerungen an die Jüdische Gemeinde vor dem Holocaust?

Wenige. Etwas mehr als 5000 Gemeindemitglieder gelten für die Zeit vor dem Krieg als sicher. Dreh- und Angelpunkt des Jüdischen Lebens in Dresden war damals die Sempersche Synagoge. Aber als die 1938 zerstört wurde, war ich vier Jahre alt. Aus Erzählungen weiß ich, dass wohl die Trauung meiner Tante in der Synagoge im Oktober 1938 eine der letzten gewesen sein muss. Ich soll da als Blumenkind aufgetreten sein.

Reisen wir durch die Geschichte der Jüdischen Gemeinde zu Dresden im Zeitraffer. Welche wesentlichen Meilensteine gab es Ihrer Ansicht nach?

Da war natürlich der Holocaust, durch den die Zahl der Juden in Dresden auf etwas über 100 sank. Ein weiterer großer Einschnitt war dann der große Aderlass im Jahr 1953, als nahezu ein Drittel der Gemeindemitglieder aufgrund der massiven antisemitischen Tendenzen in den sozialistischen Staaten gen Westen flüchtete. Das schlagartige Anschwellen der Gemeinde durch die vielen Zuzüge aus der zusammengebrochenen Sowjetunion ab 1991 markierte dann einen historischen Wendepunkt, der zu wesentlichen Umstrukturierungen führte - eine unglaubliche Herausforderung.

Wie sah die aus?

Hunderte Menschen brauchten Arbeit und Wohnungen, es gab ja damals kaum welche! Sie mussten in die Gesellschaft integriert werden. Damals fragte man mich, ob ich als hauptamtlicher Geschäftsführer die Schwerpunktarbeit dieser Integration in Angriff nehmen wolle. Nach drei Monaten Vorruhestand fing ich am 1. Mai 1992 als geschäftsführendes Vorstandsmitglied an. Aus einer eigentlich nur vorübergehend angedachten Tätigkeit wurden dann 20 Jahre - bis zum 30. Juni dieses Jahres (lacht).

Was waren für Sie die prägendsten Momente dieser 20 Jahre?

Auf jeden Fall die Gründung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit 1991, deren jüdischen Vorsitz ich die ersten zehn Jahre inne hatte. Dann war die Schwerpunktaufgabe ohne Frage die Integration der Zuzügler, die sehr gut gelungen ist, wie ich finde. Nach der quantitativen Veränderung der Gemeinde folgt nun die qualitative. Die nachwachsende Generation zeichnet sich fast durchweg durch einen hohen Bildungsgrad aus, nachdem die Elterngeneration der Ankömmlinge noch mehrheitlich nicht in Arbeitsprozesse integriert werden konnte. Die Weihung der Neuen Synagoge im Jahr 2001 war natürlich das absolute Highlight.

Könnte man diese als endgültiges Ankommen der Jüdischen Gemeinde in der Mitte der Dresdner werten?

Total. Sie ist in der Mitte der Stadt angekommen. Sowohl in der Verflechtung mit verschiedenen Institution als auch im Stadtbild selbst. Die Synagoge ist ein Ort, an dem in Würde gottesdienstliche wie kulturelle Ereignisse durchgeführt werden können.

Was wäre eine Aufgabe für die kommenden Jahre?

Die große Herausforderung wird sicherlich sein, das Ganze weiter zu stabilisieren, jetzt, wo die Gemeinde nur noch im Kleinen wächst. Wünschenswert wäre es auch, die soziale und ökonomische Situation der Mitglieder zu verbessern. Bis zu 80 Prozent sind in Ostdeutschland von Sozialleistungen abhängig. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt werden die Erweiterung und der Erhalt der jüdische Friedhöfe sein.

Was, würden Sie sagen, war Ihre große Leistung?

Man sagt, ich sei ein sehr akzeptiertes Bindeglied zur Gesellschaft, die uns umgibt. Ich lege allgemein viel Wert auf einen kameradschaftlichen, aufeinander eingestellten Umgang mit allen Menschen - wenn es nicht gerade Antisemiten sind.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.11.2012

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