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Sabine Ebert stellte im Militärhistorischen Museum Dresden ihr neues Romanepos "1815 - Blutfrieden" vor

Sabine Ebert stellte im Militärhistorischen Museum Dresden ihr neues Romanepos "1815 - Blutfrieden" vor

Als 1814/15 in Wien der Kongress tagte, um über die Neuordnung Europas zu beraten, reisten Delegationen aus jedem Staat Europas an. Wer nicht mit am Verhandlungstisch saß, waren die Sachsen, wie Bestseller-Autorin Sabine Ebert bei ihrer Lesung im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr feststellte, wo sie ihr neues Romanepos "1815 - Blutfrieden" präsentierte.

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Quelle: Cover

Das Werk ist die langerwartete Fortsetzung ihres Historien-romans "1815 - Kriegsfeuer" (DNN berichteten). 50 000 Seiten an Quellen hat Ebert gelesen und ausgewertet. Das Spektrum reicht von Tagebüchern und Zeitungsjahrgängen über Korrespondenzen und offizielle Berichte bis hin zur Fachliteratur, wobei Ebert sich beim Überprüfen der Fakten immer wieder mit Historikern und hochrangigen Militärs kurzschloss. Wo sich Quellen widersprachen, habe sie sorgfältig abgewogen, welche Version wohl richtig sei. Zur Methode gehört, dass sie Zeitzeugen, die Augenzeugenberichte hinterlassen haben, szenisch interagieren lässt. 90 Prozent der Figuren sind historisch verbürgt, versicherte Ebert.

Die Autorin versucht couragiert wie drastisch aufzuzeigen, was zwischen der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 und der bei Waterloo Mitte Juni 1815 passierte, insbesondere auf deutschem Boden. Vielen sei kaum ein Begriff, von welch "unvorstellbarer Dramatik" jene Monate gerade für viele deutsche Städte gewesen seien. Da flüchten Franzosen und die Reste ihrer Verbündeten gen Westen, während ihnen andere Truppen, die eigentlich auch hungerten, abgerissen und erschöpft waren, auf den Fersen waren. Im Gefolge: Eine Spur aus Blut, Hunger, Verwüstung und Seuchen, allen voran Typhus, dem etwa zehn Prozent der Bevölkerung in vielen Städten in den Kriegsgebieten zum Opfer fällt. Sie habe "unglaublich dramatische Geschichten gefunden", versicherte Ebert, etwa was das Schicksal der Soldaten wie auch der Zivilbevölkerung in belagerten und beschossenen Festungen und Städten wie Torgau, Erfurt, Magdeburg oder auch Hamburg angehe. So leer wie heute war die Fläche auf dem Domplatz in Erfurt nicht immer gewesen, sie ist es erst seit dem Beschuss durch die Preußen, der viele Häuser zum Opfer fielen.

Interessant das Kapitel über eine "militärische Aktion ohne Tote: den Übergang des preußischen Generalfeldmarschalls und alten Haudegens Gebhard Leberecht von Blücher (und seiner Schlesischen Armee natürlich), des berühmten "Marschall Vorwärts", über den Rhein bei Kaub mit 50000 Mann und 15000 Pferden, nach Ansicht Eberts "die größte Geheimoperation" der Befreiungskriege. Der Leser wird Zeuge, wie in dem kleinen Gasthof "Zur Stadt Mannheim" Kriegsrat gehalten und schließlich der "brillante Plan" von Blüchers Generalstabschef Gneisenau in der Silvesternacht 1813 in die Tat umgesetzt wird. Eine logistische Meisterleistung, die aber ohne die Hilfe der Rheinfischer so auch nicht möglich gewesen wäre. Ebert war übrigens in dem Raum, in dem dann mit dem Ruf "Mit Gott für König und Vaterland" der Kriegsrat beendet und der Krieg dahin getragen wurde, wo er seit 1792 auch fast pausenlos herkam; Frankreich. Im ehemaligen Gasthaus "Zur Stadt Mannheim", einem 1780 errichteten Barockbau, ist heute ein Blüchermuseum untergebracht - und es sei "schon ein besonderes Gefühl, wenn man weiß, dass in diesem Raum einst der preußische Generalstab tagte", ließ Ebert wissen.

Was den Umgang mit Sachsen auf dem Wiener Kongress angeht, machte Ebert aus ihrer Empörung keinen Hehl. Der russische Zar wollte damals einen möglichst großen Kuchen von Polen, im Ausgleich dafür unterstützte er Preußens Ambitionen auf Sachsen. Die Fronten zwischen den Alliierten waren zwischendurch so verhärtet, dass es fast zum Krieg gekommen wäre, wie Ebert wissen lässt.

Sachsen und Polen seien die wirklichen Verlierer des Wiener Kongresses gewesen, sagte die Wahlleipzigerin, die in ihren Roman gern immer wieder preußische auf sächsische Perspektiven prallen lässt. Ihre Hauptfigur Henriette verschlägt es nach Berlin, wo sie in den Salons der Damen der gehobenen Gesellschaft bei den preußischen Patriotinnen mit ihren Ansichten aneckt. Dass es den Fürsten in Deutschland nicht um Reformen und Fortschritt gegangen sei, dass sie keinen Gedanken an die Einheit der Nation verschwendeten, ist als Mythos allerdings längst entlarvt. Man mag mit der Autorin an sich auch durchaus konform gehen, wenn sie bedauert, dass die Völkerschlacht von Leipzig im kollektiven Gedächtnis kaum noch präsent ist, aber auch sie hat manche falsche Vorstellung. Der Übergang bei Kaub mitten im Winter gehörte zum Kernbestand des deutschen Erinnerungskanons der Befreiungskriege gegen Napoleon (obwohl die zentrale Stoßrichtung der antifranzösischen Koalition an sich über Basel erfolgte) - bis dann nach 1945 und nach 1968 die allgemeine Geschichtsvergessenheit einsetzte. Man kann mit Ebert durchaus d'accord gehen, wenn sie sich daran stößt, dass das preußische Geschichtsbild früher alles dominierte, alles eliminiert wurde, was nicht ins borussische Bild passte, aber die Sachsen lassen sich ihr unkritisches Selbstbild vom ewigen Opfer der Geschichte und preußischer Verschwörungen irgendwie auch nicht nehmen.

Sabine Ebert: 1815 - Blutfrieden. Droemer Knaur Verlag, 1088 Seiten, 24,99 Euro, als E-Book: 16,99 EuroAm 30. März, 20.15 Uhr, liest die Autorin präsentiert von den DNN in der Thalia-Buchhandlung am Dr.-Külz-Ring 12.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.03.2015

Christian Ruf

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